Greg Rementer ist ein US-amerikanischer Stuntman, Stuntkoordinator und Second Unit Regisseur. In über 80 Filmen und Serien hat Rementer bereits mitgewirkt, von Die Tribute von Panem – Catching Fire (2013) über Jurassic World (2015) bis hin zu The Walking Dead (2014-2016) und Black Panther (2018). Für seine Mitwirkung an vielen Projekten wurde Rementer unter anderem mit dem World Taurus Stunt Award (2018, für Atomic Blonde) und dreimal in Folge mit dem Screen Actors Guild Award in der Kategorie Stunt (2019-2021, für Black Panther, Avengers: Endgame und The Mandalorian: Staffel 2 geehrt.

Bereits während seiner Arbeit an Atomic Blonde wurde Rementer angesprochen wegen der Mitwirkung an dem Film Nobody, der Geschichte um einen ehemaligen CIA-Agenten, der, als seine Familie in Gefahr gerät, sich wieder seiner alten Fähigkeiten erinnert und auf Verbrecherjagd geht. Neben der Rolle des Stuntkoordinators fungierte Rementer, wie zuvor bereits in Fast & Furious: Hobbs & Shaw (2019), als Second Unit Regisseur.

Anlässlich der Veröffentlichung von Nobody am 11. November 2021 auf DVD, Blu-ray und digital unterhalten wir uns mit Greg Rementer über die Besonderheit eines Projekts wie Nobody, seine Zusammenarbeit mit Schauspieler Bob Odenkirk sowie einige der Kämpfe und Stunts im Film.

 

Du hast ja bereits an einer ganzen Reihe von Projekten mitgewirkt, wobei Comicverfilmungen genauso dabei sind wie Actionfilme. Wie bist du eigentlich zum Film gekommen und was hat deine Leidenschaft für diesen geweckt?

Ich mochte schon immer Action- und Martial-Arts-Filme, insbesondere solche mit Jackie Chan. Was mich besonders inspirierte, war, wie es seine Filme schafften, auf der einen Seite tolle Actionszenen und Kämpfe zu zeigen, aber darüber die Charaktere und deren Entwicklung nicht zu vergessen.

Inwiefern hat das Kino Südostasiens deine Arbeit und generell die Filmindustrie im Bereich des Actionkinos beeinflusst?

Was mich an diesen Filmen am meisten beeindruckt, ist, dass die Schauspieler sich nicht verstecken, wenn man das so sagen kann. Egal ob Jackie Chan, Jet Li, Sammo Hung oder Donnie Yen – diese Schauspieler haben immer ihre eigenen Stunts gemacht wie auch ihre Kämpfe choreografiert. Der Regie eröffnet dies die Möglichkeit, die richtige Kameraperspektive und Schnitttechnik zu wählen, welche die Arbeit des Schauspielers oder der Schauspielerin in diesen Szenen in den Vordergrund rückt.

Vor ein paar Jahren, speziell nach den beiden Jason Bourne-Filmen von Paul Greengrass gab es die Tendenz im Actionkino, besonders bei Regisseuren, die nicht genau wussten, wie sie Action- oder Kampfszenen richtig in Szene setzen sollten, auf die durch diese Filme berühmt gewordenen Wackelkamera zurückzugreifen. Seit dem ersten John Wick hat sich dies aber geändert, denn Chad Stahelski und David Leitch, Regisseure und selbst beide Stuntman, verabschiedeten sich von dieser Ästhetik und griffen zurück auf die Lektionen des asiatischen Kinos, sodass ihre Darsteller, allen voran Keanu Reeves, die Kämpfe und die Stunts selbst durchführen konnten. Der Erfolg von John Wick ebnete den Weg für Projekte wie Atomic Blonde und Nobody, in denen die Schauspieler dafür trainiert werden, ihre eigenen Stunts zu machen und die Kamera diese entsprechend in Szene setzt.

Diese Herangehensweise gibt den Schauspieler die Möglichkeit mehr zu zeigen, indem man beispielsweise Pausen innerhalb von Kämpfen für humoristischen oder dramatische Elemente nutzt, wie man es auf dem Kino Hongkongs kennt. Und letztlich bekommt das Publikum das zu sehen, weswegen es ins Kino gegangen ist und Geld für ein Ticket ausgegeben hat, nämlich wie Bob Odenkirk in Nobody einmal ordentlich austeilt.

Bob Odenkirk ist vielen aus Serien wie Breaking Bad und Better Call Saul bekannt und ist ein wirklich toller Schauspieler, doch nicht notwendigerweise ein Name, den man im Actiongenre verorten würde. Wie hast du eigentlich reagiert, als du davon hörtest, dass dein nächstes Projekt ein Actionfilm mit ihm in der Hauptrolle sein wird?

Eines Tages kam David Leitch zur mir und erzählte mir von diesem Projekt, für das er mich gerne gewinnen würde. Ich war sofort Feuer und Flamme, weil wir schon oft miteinander gearbeitet hatten, aber auch überrascht, als er mir sagte, dieser neue Film würde ein Actionfilm mit Bob Odenkirk in der Hauptrolle sein. Ich meinte darauf, dass wir sofort mit Bobs Training anfangen sollten, doch David entgegnete, dass Bob sich schon seit einer ganzen Weile auf die Rolle vorbereitet und ein ziemliches toughes Trainingsprogramm mit Daniel Bernhardt, einem Kampfchoreografen, durchzieht.

Also rief ich Daniel an, weil ich sehen wollte, welche Fortschritte Bob gemacht hat und wie weit er war. Die Videoaufnahmen von Bob, die mir sein Training zeigten, überzeugten mich, weil er schon so weit war und vor allem so gut. Mit der Zeit hatte Bob Gefallen an dem Training gefunden und war richtiggehend hungrig darauf, neue Sachen, Abläufe und Bewegungen zu lernen.

Um ehrlich zu sein, war ich am Anfang etwas nervös, aber schlussendlich habe ich alle Bedenken über Bord geworfen, als ich Bob in diesen Videos sah und wie er schließlich vor der Kamera all das Gelernte anwendete.

Mir persönlich gefällt der Kampf im Bus sehr gut und ich würde sogar so weit gehen, ihn als eine der besten Actionszenen 2021 zu zählen. Kannst du was zu der Entstehung dieser Sequenz sagen?

Im Drehbuch wurden nur wenige Angaben zu dem Kampf an sich gemacht, sodass wir die Aufgabe hatten, diese Leerstellen, wenn man sie so nennen will, zu füllen. Doch das Drehbuch zu diesem Zeitpunkt gibt uns noch mehr Informationen, die für den Kampf wichtig sind, denn Bobs Figur ist wütend, verwirrt und hat schon seit vielen Jahren nicht mehr gekämpft. Der Kampf und dessen Choreografie müssen dies zeigen, weshalb er schwitzt, spuckt und an vielen Stellen auch mit dreckigen Tricks kämpft. Er wird zu Boden gehen, geschlagen werden und wir müssen ihn als Zuschauer versagen sehen.

Danach folgten Gespräche mit Regisseur Ilya Naishuller, den Produzenten uns natürlich Bob über ihre Ideen und Visionen was diesen Kampf angeht. Schließlich sichteten wir nochmals die Videos von Bobs Training und fokussierten uns auf die besonders starken Momente, auf seine Fähigkeiten und Talente, an die wir anknüpfen können.

Darüber hinaus musste ich mich mit meinem Team mit der Architektur und der Bauweise eines Busses auseinandersetzen, um zu sehen, was man in diesen begrenzten Raum machen konnte. Wir sammeln unsere Ideen und gehen damit ins Studio, wo wir den Nachbau eines Busses haben, filmen die Szene, schneiden sie und unterlegen sie mit Musik und Effekten, sodass es wie ein Kurzfilm aussieht. Als wir den dann dem Regisseur und Bob zeigten, war es Bob, der zu uns kam und sagte, dass er jetzt schon so lange an dem Projekt gearbeitet hätte und sich den Kopf zerbrochen hätte, wie dieser Kampf aussehen könnte und er nun sehr glücklich mit dem Ergebnis unserer Bemühungen sei.

Beim Filmen nutzten wir dann einen Bus, bei dem man jegliche Inneneinrichtung herausnehmen konnte, was sehr wichtig war für Regie und Kamera. Innerhalb von zwei oder drei Nächten haben wir den Kampf dann bei Eiseskälte in Kanada gefilmt.

Insgesamt habe ich jetzt einen Prozess beschrieben, der vier Monate in Anspruch nahm. Ich bin sehr stolz auf das Endergebnis und freue mich, wenn es Menschen wie dir gefällt.

Im Interview mit film-rezensionen sagte Schauspieler Joe Taslim, dass für ihn es bei einem Kampf nicht nur um die Ästhetik gehe, sondern vor allem um die Geschichte, die jeder Kampf erzählt, weshalb er diese Szenen mit den anderen Schauspielern und Stuntman wie eine Art Mini-Drama inszeniert. Wie würdest du deine Herangehensweise an solche Szenen beschreiben?

Ich denke Joe und ich sind da auf einer Wellenlänge. Es gibt Filme, die stoppen während einer Kampfszene und nach dieser erst weitergehen. Wenn so etwas passiert, hat die Crew etwas nicht richtig gemacht, denn die Geschichte muss kontinuierlich sein, wobei Kämpfe, egal welcher Art, eine wichtige Rolle spielen. Deswegen spreche ich mittlerweile gar nicht mehr von Stuntkoordinatoren oder Choreografen, sondern vielmehr von Actiondesignern.

Ich verschaffe mir zunächst einmal einen Überblick über die Geschichte, ihre Themen und die Figuren. In Nobody geht es nicht einfach um Kämpfe, sondern in der Entwicklung von Bobs Figur spielen sie eine wichtige Rolle, zeigen, wie er verliert und strauchelt, wie er geblendet ist von der Sorge um seine Familie und schließlich, wie er wieder ganz der Alte ist und ordentlich austeilt. Die Busszene, von der wir gerade sprachen, ist wichtig für diese Entwicklung, weil sie zum einen die Figur an ihrem Tiefpunkt zeigt, dann aber auch, wie er endlich beginnt, wieder zu seinem alten Selbst zu finden. Sobald mein Team und ich diesen Überblick haben, können wir uns den Szenen an sich widmen, und welche Geschichte in ihnen erzählt wird.

Dabei geht es nicht um irgendwelche Schlagabfolgen oder einen gelungenen Tritt, sondern darum, dass der Zuschauer die Entwicklung einer Figur mitverfolgt. Die Technik interessiert dabei eher weniger, denn das Publikum möchte mit dem Helden mitleiden oder ihn oder sie anfeuern.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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