Mit Schachnovelle verfilmte Philipp Stölzl die gleichnamige Novelle von Stefan Zweig, welche viele aus dem Schulunterricht kennen. Das Historiendrama erzählt von dem Anwalt Josef Bartok, der während der Besetzung Österreichs 1938 in die Hände der Nationalsozialisten fällt und in einem Hotelzimmer gefangen gehalten wird. Erst wenn er diesen das Vermögen seiner Klienten aushändigt, kommt er wieder frei, so wird ihm gesagt. Doch Bartok widersetzt sich, leistet unbeirrt Widerstand, während er durch die soziale Isolation immer weiter den Verstand verliert. Wir haben uns zum Kinostart am 23. September 2021 mit dem Regisseur über die Arbeit an dem Stoff, die Relevanz der Vorlage und psychische Folter unterhalten.

 

Warum wolltest du die Schachnovelle noch einmal neu verfilmen?

Ich kannte die Novelle schon lange, weil ich als Jugendlicher sehr literaturbegeistert war und sie mit 15, 16 gelesen habe. Sie hat sich dabei bei mir eingebrannt als Kanon der Werke, die man nicht vergessen kann, wenn man sie einmal gelesen hat. Es ist ein sehr intensives Stück Literatur, welches diese barbarisch dunkle Zeit aufbereitet. Ich habe mir ehrlich gesagt dabei nie vorgestellt, dass man daraus einen Kinofilm machen muss. Es gibt natürlich die Verfilmung aus den 1960ern. Aber die war schon etwas hölzern und wirkte mehr wie ein Theaterstück als wie ein Kinofilm. Dann hat mir Tobias Walker, einer der beiden Produzenten, ein Drehbuch für eine Neuverfilmung gegeben, an dem er mit dem Autor Eldar Gregorian gearbeitet hat. Und ich fand es sofort sehr schlüssig, wie dort die beiden Erzählebenen miteinander verschränkt wurden und wie aus dem kargen Stoff von Zweig intensives und hypnotisches Kino wurde. Wenn man wie ich das Kino so sehr liebt, dann sucht man immer nach Stoffen, die nach der großen Leinwand rufen. Und das ist gar nicht so oft. Bei etwa achtzig Prozent der Drehbücher, die auf meinem Schreibtisch landen, denke ich mir: Ja, das könnte man fürs Kino machen. Es ginge aber auch als Fernsehfilm.

Das Setting der Geschichte bleibt aber trotz allem recht überschaubar. Wie schwierig war es für dich, dann trotzdem diese Kinobilder auch zu finden?

Wenn du ins Kino gehst, willst du glaube ich das Unerhörte und Ungesehene erleben. Etwas, das in der Form nur im Kino zu sehen ist. Die Schachnovelle spielt ja zum Großteil nur in diesem Hotelzimmer. Oder eben im Kopf der Figur und deren innerlichen Geisteswelten, die immer weiter erodieren. Das war natürlich eine Herausforderung, aber eben auch Chance, weil ich hier richtig gefordert war, als Filmemacher diese Worte  in Bilder zu übersetzen und diese innerliche Geschichte für ein Publikum greifbar zu machen. Das hat schon gedauert, bis wir das hatten. Wir haben viel am Drehbuch gearbeitet, haben diskutiert, haben Storyboards gezeichnet und diese Zeichnungen geschnitten und mit Musik und Ton versehen.

Und wie lange hast das am Ende gedauert?

Das lässt sich so genau gar nicht sagen. Grundsätzlich arbeite ich meistens so drei Jahre an einem Film. Das heißt aber nicht, dass ich dann nur ausschließlich das mache. Meistens werden schon die nächsten Projekte vorbereitet oder ich arbeite an einer Oper oder einem Theaterstück. Und dann ist da auch noch meine Familie, für die ich mir Zeit nehmen möchte. Deswegen ist es immer schwierig zu sagen, wie viel Zeit ich genau auf ein Projekt angewendet habe. Bei „Schachnovelle“ war es zudem so, dass es wie gesagt schon eine Drehbuchfassung gab, als ich hinzugestoßen bin. Aber obwohl die schon ziemlich stark war, haben wir dann trotzdem noch endlos dran geschliffen. Dann kommt das Casting und andere Vorbereitungen, die auch noch mal ein Jahr kosten. Es ist dann doch immer eine ganz schön lange Strecke, die man bei einem Film so zurücklegt.

Kommen wir von der Umsetzung zum Inhalt an sich. Was macht den Stoff für ein heutiges Publikum noch relevant, trotz des historischen Settings?

Die Geschichte handelt davon, wie unglaublich dünn und verletzlich diese Schicht von Zivilisation ist. Sie beginnt in der Nacht des Anschlusses von Österreich an Deutschland und beschreibt, wie sich die österreichischen Eliten noch in der Nacht zuvor darüber lustig machen, weil niemand damit rechnet, dass innerhalb weniger Stunden ein ganzes Land überrollt wird und sich überall das Grauen breit macht. Das war eine gefährliche Zufriedenheit und Selbstüberschätzung. Und das ist heute ja nicht anders. Wir sind uns so sehr der Demokratie und der Meinungsfreiheit gewiss und vergessen dabei, dass das nicht selbstverständlich ist. Du kannst das Pech haben und ein paar hundert Kilometer weiter östlich in Belarus leben und für eine Meinungsäußerung im Arbeitslager landen. In vielen Ländern auf dieser Welt sieht es einfach anders aus als bei uns! Daran soll der Film erinnern, indem wir mit dem Protagonisten erleben, wie er jede Freiheit verliert und komplett entmenschlicht wird. Aber nicht vordergründig, indem einfach nur die Gräueltaten der Nazis nacherzählt werden. Das kannst du auch auf Wikipedia nachlesen. Wir wollten mit der Schachnovelle die Zuschauer und Zuschauerinnen etwas spüren lassen. Der Film soll wie ein Albtraum sein, aus dem du am Ende erwachst, der aber etwas in dir ausgelöst hat.

Schachnovelle 2021

In „Schachnovelle“ wird der Anwalt Bartok (Oliver Masucci ) in einem Hotelzimmer eingesperrt, bis er wahnsinnig wird (© Studiocanal /Walker + Worm Film/ Julia Terjung)

Warum ist das, was dem Protagonisten geschieht, überhaupt ein Albtraum? Wenn wir an Folter denken, dann denken wir normalerweise an eine physische Misshandlung und nicht daran, Zeit in dem Zimmer eines Luxushotels zu verbringen.

Es gibt da ganz aktuelle Bilder für mich, die da im Kopf entstehen. Da ist zum einen Assange, der in der Botschaft wahnsinnig geworden ist. Da hat man richtig gesehen, was dieses Eingesperrtsein angerichtet hat. Da muss man schon sagen, die Amerikaner haben diesen Mann auf dem Gewissen. Zum anderen haben die Amerikaner in Guantanamo ähnliche Techniken angewendet: die Isolationshaft, Folter mit Musik. Du brauchst diesen physischen Aspekt gar nicht, um einen anderen Menschen zu brechen. Es ist richtig perfide, wie du durch diese Depravation, also den Sinnesentzug, ganz direkt ans Gehirn rangehst. Du verlierst jedes Zeitgefühl, das Gefühl von oben und unten und gehst daran letztendlich kaputt.

Der Protagonist macht diese Tortur mit, weil er den Nazis das Vermögen seiner Klienten nicht aushändigen will. Tatsächlich schafft er es, in der Hinsicht nicht klein beizugeben, bezahlt aber einen hohen Preis. Ist er in deinen Augen ein Gewinner oder ein Verlierer?

Ich würde sagen, das ist ein klassisches Remis. Er verrät nicht. Aber er bezahlt mit seinem Verstand. Am Ende gehen beide Seiten geschlagen vom Feld.

Dein Film kommt jetzt in die Kinos, während die Corona-Pandemie noch in allen steckt. Klar waren die Erlebnisse der letzten anderthalb Jahre nicht annähernd auf dem Level von dem, was der Protagonist in „Schachnovelle“ durchmacht. Dennoch war es für viele mit dem Gefühl verbunden, eingesperrt zu sein und nicht aus der Wohnung zu dürfen. Ist es ein guter Zeitpunkt oder ein schlechter Zeitpunkt, jetzt diesen Film herauszubringen?

Das werden wir sehen. Ich habe den Film auch während des Lockdowns geschnitten. Wobei man ehrlich sagen muss, dass es in Deutschland keinen wirklichen Lockdown gab. In Frankreich und Italien war das sehr viel heftiger. Die Leute dort sind ganz anders traumatisiert. Dennoch stimmt es natürlich, dass es eine Form von Isolation gab, die wir vorher so nicht kannten. Da kann es schon sein, dass die Menschen mit dem Thema erst einmal nichts zu tun haben wollen. Gleichzeitig mache ich mir aber keine Sorgen deswegen, weil ich glaube, dass Schachnovelle etwas ist, das bleiben wird und auch über Corona hinaus relevant sein wird.

Jetzt, da der Film abgeschlossen ist: An welchen Projekten arbeitest du?

Ich bin im Sommer bei „Der Schwarm“, einer großen englischsprachigen Serie, für zwei Folgen eingesprungen und jetzt gehen im Oktober die Proben für eines siebenstündigen Theaterstücks aus Amerika namens Das Vermächtnis los, das Anfang nächstes Jahres in München die deutsche Erstaufführung haben wird. Da freue ich mich sehr darauf. Dann kommt eine Oper in Berlin: Turandot von Giacomo Puccini, mit Anna Netrebko.  Außerdem arbeite ich als Showrunner schon sehr lange an einer Serie, bei der ich hoffe, dass wir nächstes Jahr mit den Drehvorbereitungen loslegen dürfen.

Regisseur Philipp Stölzl (© Dominik Odenkirchen)

Zur Person
Philipp Stölzl wurde 1967 in München geboren. Er absolvierte an den Münchner Kammerspielen eine Ausbildung zum Bühnenbildner und arbeitete anschließend mehrere Jahre in Theatern. Später machte er sich als Regisseur von Musikvideos einen Namen und drehte unter anderem mit Rammstein, Witt, a-ha, Madonna und Garbage. Sein Filmdebüt gab er 2002 mit dem Drama Baby über zwei Kleinkriminelle, die nach dem Tod ihrer Frauen zusammenziehen. 2012 drehte er mit Die Logan Verschwörung seinen ersten englischsprachigen Film. Neben seiner Filmarbeit inszeniert er auch Theaterstücke und Opern.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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