Inhalt / Kritik

Le Prince

„Le Prince“ // Deutschland-Start: 30. September 2021 (Kino)

Monika (Ursula Strauss) lebt gern im Frankfurter Bahnhofsviertel. Sie mag die kuriose Mischung aus Prostitution, Halbwelt und Kulturschickeria. Nur an wenigen Orten in Deutschland sind Begegnungen möglich wie die, die den Stein der Handlung ins Rollen bringen. Nach einer beruflich schockierenden Nachricht lässt sich die Mittvierzigerin, die ihre Brötchen als Kuratorin eines modernen Museums verdient, durch die Straßen treiben. Sie landet in einer Bar, in der fast ausschließlich Exil-Afrikaner verkehren. Plötzlich taucht die Polizei zu einer der üblichen Razzien auf. Joseph (Passi Balende), ein zwielichtiger Geschäftsmann aus dem Kongo, muss sich verstecken. Er nötigt Monika, sich zu ducken, im Dunkel des Hinterhofs, gleich bei den Mülltonnen. Es ist der Moment, in dem es bei beiden funkt.

Unterschwelliger Rassismus?

Ein Abend bei Freunden: Josephs Miene in der Großaufnahme sieht nach Ärger aus. Sie ist verschlossen, bedrückt, aufgeladen mit unterdrückter Wut. Der Grund dafür ist auf der Tonspur zu hören. Monika redet mit ihren Freunden Deutsch. Sie ist hervorragend gelaunt, ein bisschen beschwipst und genießt es, mit dem befreundeten Ehepaar den neuesten Klatsch aus dem Frankfurter Intellektuellen-Milieu weiter zu tragen. Joseph versteht davon nichts, schon rein auf der sprachlichen Ebene. Er redet nur Englisch oder Französisch, aber allen am Tisch scheint das egal zu sein. Wie weggeblasen ist die grünbürgerliche Multikulti-Attitüde, die der Gastgeber, ein Professor, und seine frankophile Frau sonst so gern pflegen. Irgendwann allerdings wird der Ausschluss des einzigen Schwarzen am Tisch peinlich. Um von dem unterschwelligen Rassismus – oder ist es nur Bequemlichkeit? – abzulenken, fragt einer nach Josephs Geschäften. Er handele mit Diamanten, erzählt Monikas Geliebter. Betretene Mienen. Sofort schreiben sich Vorurteile in die Gesichter ein. Etwa mit Blutdiamanten?

Regisseurin Lisa Bierwirth inszeniert solch doppelbödige Szenen mit nicht besserwisserischer Attitüde. Niemand ist davor gefeit, den undurchschaubaren Joseph mit skeptischen Augen zu betrachten, auch die verliebte Monika nicht. Wie der „Prinz“, wie ihn alle in seiner Lieblingskneipe nennen, seine Geschäfte betreibt, sehen die Zuschauenden aus einer Perspektive, die auf sie selbst zurückfällt. Was ist das für Geld, das halb verdeckt seinen Besitzer wechselt? Wer ruft da mitten am Abend, beim Date mit der Geliebten, ständig an? Welche finsteren Typen stehen plötzlich vor Monikas Tür? Wer aus dem Publikum möchte mit ihnen zu tun haben? Die Vorbehalte sind allgegenwärtig. Keiner, auch nicht der glühendste Multikulti-Anhänger, kann sich vor ihnen schützen. Doch Joseph wehrt sich: „Ihr Europäer braucht nur ein paar Formulare auszufüllen. Wir Afrikaner müssen unsere Geschäfte anders betreiben, wir müssen erfinderisch sein“. Hat er Recht? Oder nutzt er Monika nur aus?

Bei aller Zweideutigkeit gelingt dem minimalistisch erzählten Debüt ein kleines Wunder: Man glaubt ihm die schwierige Liebe zwischen zwei längst nicht mehr jungen Menschen aus total unterschiedlichen Kulturen. Lisa Bierwirth und ihr Co-Autor Hannes Held ließen sich für die Genauigkeit ihrer Figurenzeichnung von einem realen Vorbild inspirieren: Bierwirths Mutter Susanne und ihre Liebe zum Ehemann aus dem Kongo. Auch wenn die Regisseurin diese Beziehung nicht einfach kopieren wollte und sie zusätzliche Recherchen anstellte, lieferte sie ihr doch einen kaum zu ersetzenden Schatz an authentischen Erlebnissen und einer intimen Kenntnis von den gesellschaftlichen und kulturellen Hindernissen einer solchen Liebe. Und von dem Glück, diese Grenzen zu überschreiten.

Ästhetik der „Berliner Schule“

Unübersehbar ist die Regisseurin, eine ehemalige Assistentin von Valeska Grisebach, durch die zurückhaltende Ästhetik der „Berliner Schule“ inspiriert. Die passt ganz gut zu ihrem Stoff. Schließlich sind Monika und Joseph lägst keine Teenager mehr. Auf große Gefühlsausbrüche oder verstärkende Musik kann daher ebenso verzichtet werden wie auf eine erklärende Psychologisierung, die das Geheimnis der Liebe zuschüttet. Viel angemessener sind die Auslassungen, die Konzentration aufs reine Sehen und das alltägliche Setting. Jenny Lou Ziegels sanft geführte Handkamera kommt den Hauptdarstellern nahe, ohne ihren Gesichtern eine eindeutige Botschaft entreißen zu wollen. Ganz im Gegenteil: Sie konzentriert sich auf das Mehrdimensionale, das Widersprüchliche oder gar Unvereinbare. Leider kommt dabei der meist im Hintergrund verschwimmende Schauplatz ein wenig zu kurz. Frankfurt, der Lebensmittelpunkt des Paars, spielt eigentlich eine zentrale Rolle in der Geschichte. Gerne hätte man mehr davon gesehen.

Credits

OT: „Le Prince“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Lisa Bierwirth
Drehbuch: Hannes Held, Lisa Bierwirth
Kamera: Jenny Lou Ziegel
Besetzung: Ursula Strauss, Passi Balende, Alex Brendemühl, Victoria Trauttmansdorff, Hanns Zischler

Bilder

Trailer

Interview

Was hat sie mit ihrer Figur gemeinsam? Und wie funktioniert Liebe in einer rassistischen Welt? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarstellerin Ursula Strauss in unserem Interview zu Le Prince gestellt.

Ursula Strauss [Interview]

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Le Prince
Mit verblüffender Authentizität erzählt „Le Prince“ von einer ungewöhnlichen, manchmal unmöglich scheinenden Liebe. Regisseurin Lisa Bierwirth spielt dabei mit Vorurteilen, auch denen des Publikums.
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