In Österreich ist Ursula Strauss seit langem ein Star, vor allem dank der Krimiserie Schnell ermittelt. Im deutschsprachigen Kino kennt man die 1974 geborene Schauspielerin, Sängerin und Festivalorganisatorin aus Filmen österreichischer Regisseure, etwa Götz Spielmann, mit dem sie 2008 Revanche und 2013 Oktober November drehte. Für die in Berlin lebende Lisa Bierwirth stand sie in Le Prince erstmals bei einer deutschen Produktion vor der Kinokamera. Sie spielt die selbstbewusste, beruflich erfolgreiche Kuratorin Monika, die sich im Frankfurter Bahnhofsviertel Hals über Kopf in einen undurchschaubaren Mann aus dem Kongo verliebt. Es ist eine Liebe, die unter den Vorbehalten ihrer Freunde aus dem Kulturmilieu zu leiden hat. Aber auch unter der inneren Schwierigkeit, kulturelle Unterschiede wirklich zu akzeptieren, über ein Multikulti-Lippenbekenntnis hinaus. Wir haben uns mit ihr anlässlich des Kinostarts am 30. September 2021 über Vorurteile, tief sitzende Geschlechtermuster und das Drehen in Deutschland unterhalten.

 

Sie sind nicht nur Schauspielerin, sondern auch künstlerische Leiterin des Festivals „Wachau in Echtzeit“. Dessen Programm haben Sie einmal als experimentierfreudig bezeichnet. Verbindet Sie das mit der Figur der Monika, die bei ihren Ausstellungen ebenfalls ungewöhnliche Wege geht?

So habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber wahrscheinlich haben wir das gemeinsam.

Die andere Seite der selbstbewusst auftretenden Monika ist ihre Verletzlichkeit. Sie haben gesagt, Sie seien privat eher schüchtern. Haben Sie daraus für die Interpretation von Monikas Unsicherheit geschöpft?

Die Monika ist eine ganz andere Person als ich. Sie kommt mir viel cooler und gewandter im Umgang mit der Außenwelt vor. Die Unsicherheit beginnt bei ihr erst, als Peter, ihr Chef, seinen Posten wechselt, sie nicht mitnimmt und ihr auch nichts davon sagt, obwohl sie meint, er sei ein Vertrauter. Dadurch verliert sie den Boden unter den Füßen. In diesem Moment lernt sie einen Mann kennen, der etwas total Neues in ihr Leben bringt und nichts mit einer Sicherheit zu tun hat, die sie kennt. Für sie selbst ist diese Unsicherheit ein wenig überraschend, während ich dieses Gefühl mit mir trage, seit ich ein Kind bin.

Wie haben Sie sich der Figur genähert? Gab es Recherchen?

Im Wiener Museum Ludwig wurde ich mit offenen Armen empfangen. Dort durfte ich hinter die Kulissen schauen und dabei sein, wenn ein neues Kunstwerk angeliefert wird. Ich sah, wie die Kuratoren damit umgehen und es im Raum platzieren. Wie genau da gearbeitet wird und dass es auf Millimeter ankommt. Ich bin gespannt, wie diese Fachleute meine Rolle im Film beurteilen werden, ob sie mir die Kuratorin abnehmen oder nicht.

Wurde die Rolle auch in Proben weiter aufgefächert?

Das war ganz wichtig. Denn wir haben mit vielen Laien zusammengearbeitet. Auch Passi Balende, der meinen Geliebten Joseph spielt, ist ja in Frankreich ein großer Rapstar, also ein Musiker und kein eigentlicher Schauspieler. Deswegen war es sehr wichtig, dass wir uns viel Zeit für die Proben genommen haben. Das hat allen geholfen, beim Dreh mit einem guten Vorwissen in die Szenen zu gehen.

Als Zuschauer zweifelt man öfter, ob Joseph, Ihr Geliebter aus dem Kongo, Monika vielleicht nur ausnutzt, um an Geld oder an eine Aufenthaltsgenehmigung zu kommen. Hat Monika auch diese Zweifel?

Sicherlich stößt sie auf ihre eigenen rassistischen Vorurteile. Zunächst versucht sie zu ignorieren, dass es ein schwarzer Mann ist, in den sie sich verliebt hat. Bei ihm und bei ihr spielt die Hautfarbe am Anfang gar keine Rolle. Wenn es möglich wäre, eine Beziehung nur innerhalb der eigenen vier Wände zu leben, wären sie das perfekte Paar. Sobald sie aber mit der Außenwelt Kontakt haben, kommt Druck in die Beziehung, weil sowohl Joseph als auch Monika mit Vorurteilen konfrontiert sind und in eine Unsicherheit gezogen werden. Monika kommt in eine Situation, in der sie sich plötzlich ertappt, selber Vorurteile zu hegen. Sie wird mit einem Misstrauen gegenüber Joseph konfrontiert, mit dem sie niemals gerechnet hätte. Der postkolonialistische Aspekt schwingt immer mit, weil sie den nicht ignorieren kann, auch wenn sie es gerne möchte.

Hinzu kommt, dass Joseph von Zeit zu Zeit einfach abhaut. Er verschwindet spurlos für Wochen und Monate, ohne irgendein Lebenszeichen von sich zu hinterlassen. Warum nimmt ihn Monika trotzdem immer wieder zurück?

Das passiert Frauen nicht nur mit Männern anderer Kulturkreise, sondern auch mit europäischen Männern. Dass Frauen sich schlecht behandeln lassen, hat nicht mit kulturellen Unterschieden zu tun, sondern ist Teil unserer noch immer nicht auf Augenhöhe befindlichen Gesellschaft. Frauen begeben sich immer mal wieder in Situationen, die ihnen nicht gut tun, und beenden sie trotzdem nicht. Abgesehen davon liebt sie ihn. Liebe loszulassen, wenn sie einmal passiert, gehört zu den schwierigsten Dingen, die es gibt. Hinzu kommt, dass Joseph sie ansonsten nicht schlecht behandelt. Wenn er weg geht, hat das mit seinem verletzten Stolz zu tun. Das spürt sie.

Sie haben ihre bisherigen Kinofilme immer mit österreichischen Regisseurinnen und Regisseuren gedreht. Le Prince ist ihre erste Zusammenarbeit mit einer deutschen Regisseurin. Woran liegt das?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich arbeite eigentlich regelmäßig mit deutschen Regisseuren wie Nils Willbrandt zusammen, aber das sind eher Fernsehproduktionen. Aktuell steht eine Mini-Serie fürs ZDF ins Haus, die wir gerade vorbereiten. Ich habe mit Stefan Krohmer den großen Fernsehfilm Meine fremde Freundin gemacht, das war eine sehr genaue und tolle Arbeit. Ich arbeite auf jeden Fall sehr gerne in Deutschland und bin gespannt, was die Zukunft bringt.

Abschließend noch eine persönliche Frage: Können Sie sich vorstellen, einen Mann wie Joseph zu lieben?

Ich bin glücklich verheiratet. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, einen anderen Menschen so zu lieben wie meinen Mann.

Zur Person
Ursula Strauss wuchs im niederösterreichischen Melk auf. Nach dem Abitur studierte sie Schauspiel am Wiener Volkstheater. Es folgten zahlreiche Engagements an verschiedenen Theatern, zum Teil bereits während der Ausbildung. Ihren Durchbruch im Kino hatte sie mit Böse Zellen von Barbara Albert und Revanche von Götz Spielmann. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem fünf Mal mit dem österreichischen Film- und Fernsehpreis „Romy“ als beste Schauspielerin. Ursula Strauss ist Präsidentin der Akademie des Österreichischen Films und lebt in Wien.



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Über den Autor

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