Vincent Paronnaud

Regisseur Vincent Paronnaud (© Bwag)

Emanzipation und Geschlechterbilder spielen im Horror- wie auch dem Thrillergenre schon immer eine Rolle, scheinen aber angesichts jüngster Genrevertreter wie The Witch Next Door oder Gretel & Hänsel so relevant wie noch nie zu sein. Auch Hunted – Waldsterben, der neueste Film des französischen Regisseurs, Drehbuchautors und Comic-Zeichners Vincent Paronnaud, geht in diese Richtung und bedient sich zumindest augenscheinlich bei dem bekannten Rape-and-Revenge-Narrativ.

Im Interview unterhalten wir uns mit Paronnaud über die Einflüsse des Films, Hauptdarstellerin Lucie Debay sowie die Symbolik in Hunted.

Hunted verweist an vielen Stellen auf Märchen, wie beispielsweise Rotkäppchen. Ist der Film in deinen Augen so etwas wie eine moderne Interpretation dieses Themas?

In meiner Arbeit flirte ich immer wieder mit popkulturellen Einflüssen.

Es gibt tatsächlich in Hunted einen Verweis auf Rotkäppchen, aber ich würde es nur als eine Art „Fußabdruck“ in der Handlung betrachten, da sich die Geschichte meines Filmes von dem Märchen grundlegend unterscheidet. Während Rotkäppchen in einem Konflikt mit der Natur steht, repräsentiert durch die Figur des Wolfes, ist es bei Lucie einer mit dem Menschen an sich. Ihre Erlösung kommt nicht in Form eines Jägers, sondern durch die Natur, die sie umgibt. Interessanterweise ist es bei Lucie so, dass, je mehr sie sich von der zivilisierten Welt entfernt, je eher hat sie eine Chance, zu entkommen. Insgesamt finde ich das Konzept der Zivilisation sehr fehlerbehaftet.

Abgesehen einmal von Märchen, gab es noch andere Einflüsse für die Geschichte von Hunted?

Um ehrlich zu sein, es gab wenig spezifische Einflüsse bei Hunted. Allerdings bin ich natürlich durch meine Bewunderung für Filme wie Mad Max, Straw Dogs – Wer Gewalt sät... oder Hitcher, der Highway Killer geprägt, also Geschichten, in denen Rache eine wesentliche Rolle spielt. Es geht in diesen Filmen darum, dass ein Charakter Gewalt mit einem höheren Maß an Gewalt zu vergelten versucht. Darüber hinaus hatten noch Filme wie Die Nacht des Jägers bestimmt einen Einfluss auf Hunted.

Ich wollte in Hunted die Geschichte einer Person erzählen, die vom Schicksal die Möglichkeit erhält, von einem Zustand der Angst und Betäubung hin zu einem rachsüchtigen Wahn. Die Beute wird zu einem wilden Biest. Am Ende sollte keine komfortable Auflösung oder gar ein Happy End stehen, sondern der Zweifel.

Es ging mir darum, über den Verlauf der Handlung progressiv jedes Gefühl zu nehmen, damit sich der Zuschauer dem Film it dem Kopf und nicht über das Gefühl, also den Bauch annähert. Deswegen ist das Ende auch sehr abstrakt geraten. Denn es gibt da immer noch diese Frage, die vor allem für die Protagonistin eine Rolle spielt: wohin nun mit all der Wut und der Gewalt? Kann sie wirklich in die Welt zurückgehen, nach allem, was sie getan hat?

Kannst du uns was zur Besetzung des Films sagen, vor allem zu Lucie Debay, welche die Hauptrolle spielt?

Mit Lucie hatte ich schon bei anderen Projekten gearbeitet und ich wusste, dass ich mit ihr eine echte Kampfmaschine in der Hauptrolle besetzte. Eve, wie ihre Figur im Film heißt, hat im Gegensatz zum Killer, der eine echt Labertasche ist, nicht viel Dialog. Mir war es wichtig, die Dualität in ihrer Figur zu zeigen und wie sich von einem verängstigten, kleinen Mädchen in einen Hulk verwandelt.

Arieh Worthalter, der den Killer spielt, konnte auf seltsame Weise ohne viel Mühe in seine Rolle schlüpfen. Er ist ein wirklich verrückter Kerl. (lacht)

Ich bin wirklich stolz auf den Film und wie er geworden ist, denn die Schauspieler haben durch ihre Darstellung sowie ihre Interpretation der Figuren die Geschichte auf eine ganz andere Ebene gebracht. Das Leben gibt einem nicht viele solcher Momente, und wenn man sie sieht, muss man sie ergreifen.

Was war die größte Herausforderung bei der Produktion oder den Dreharbeiten von Hunted?

Eigentlich war es vor allem Zeit- und Ressourcenmangel, also nichts wirklich Originelles. Wenn es etwas gibt, an das ich mich erinnere, dann ist es die Entschlossenheit der Produzenten, diesen Film zu machen. Ich bin immer noch überwältigt, dass wir das Projekt auf die Beine gestellt haben und ich bin sehr dankbar für all die Unterstützung, die auch erfahren habe.

Wie in vielen anderen deiner Projekte, spielen auch in Hunted Symbole eine besondere Rolle in der Handlung.

Es stimmt, dass ich in meinen Geschichten sehr viele Symbole benutzte, aber das mache ich bewusst. Ich bin ein sehr politischer Mensch, der mit großer Angst die Welt von heute beobachtet und Ironie in seinen Projekten benutzt, um einen bestimmten Standpunkt deutlich zu machen. Nun könnte ich mich selbst bemitleiden oder zerstören, doch da ich keine Waffen im Haus habe, mache ich Filme und schreibe Bücher. Wenn ich bestimmte Symbole nehme oder Übertreibungen sich in meine Geschichten einschleichen, dann mache ich mir die Eitelkeit meines Ansatzes deutlich. Vielleicht verstört dies den Betrachter oder den Leser.

Heutzutage leben wir in einer ultra-liberalen Welt, deren Vertreter es geschafft haben, uns weiszumachen, dass es nur ein System gibt, nach dem man leben kann. Es basiert auf Macht, Gewalt und Ungerechtigkeit. Das Patriarchat ist ein Synonym für diese Welt und Hunted ist in gewisser Weise eine Parabel über dieses System und seine Mitglieder.

Kannst du uns was zu deiner Zusammenarbeit mit Kameramann Joachim Philippe erzählen?

Ich denke jeder Regisseur führt zu Beginn eines Drehs endlose Diskussionen mit seinem Kameramann oder seiner Kamerafrau, wobei es darum geht, die Form des Films zu finden, die Ästhetik, aber auch eine gemeinsame Sprache, die das Arbeiten möglich macht. Joachim wurde zu meinem Vertrauten, was besonders bei einem Projekt wie Hunted wichtig war, welches auf Basis eines sehr ökonomischen Budgets realisiert wurde. Ein Problem in der Kommunikation zwischen uns hätte fatal sein können.

Zu Anfang wollten wir den Stil von Hunted eher neutral halten und uns dann progressiv einem mehr stilisierten, traumähnlichen Stil annähern. Je weiter wir mit Eve in den Wald gehen, desto unwirklicher wird der Film.

Der Wald wird zu einem eigenständigen Charakter im Film und Eve macht eine Verwandlung durch, wird fast schon zu einer Art Göttin, während der Killer schwach erscheint. Joachim verstand diese Idee in meinem kranken Kopf, wie auch viele andere, und es gelang ihm, sie mit der Kamera einzufangen.

Was kannst du uns über Projekte sagen, an denen du im Moment arbeitest?

Ich arbeite gerade an einem Film, der zur Zeit Jesu Christi spielt. Bald beginnen die Dreharbeiten an einer Trickfilmadpation eines meiner Comics, bei der ich Regie führe.

Vielen Dank für das nette Gespräch.



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