Kritik

„Hunted – Waldsterben“ // Deutschland-Start: 21. Mai 2021 (DVD/Blu-ray) // 15. Juli 2021 (Kino)

Während eines Auftrags für ihre Firma zur Beaufsichtigung eines Bauprojektes muss sich Eve (Lucie Dabay) nicht nur mit Vorhaltungen ihres Chefs herumschlagen, sie verhandele nicht gut genug, sondern auch mit ihrer sich auslösenden Beziehung zu ihrem Freund, der sie fast pausenlos anruft. Frustriert und auf der Suche nach Ablenkung geht sie eines Abends in eine Bar, wo sie einen Mann (Arieh Worthalter) trifft, der sie spontan anquatscht, mit ihr tanzt und mit dem sie beschließt, die Nacht zu verbringen. Schon bald stellt sich jedoch heraus, dass dies eine sehr schlechte Idee war, denn nicht nur gesellt sich ein weiterer Mann zu ihnen, Eves Begleiter enthüllt auch seine weiteren Pläne für den Abend, die ihre Vergewaltigung und grausamen Tod beinhalten. Nach mehreren Versuchen und einem heftigen Streit zwischen den beiden Männern gelingt Eve dann doch die Flucht in ein Waldstück, wo sie hofft, jemanden zu finden, der ihr helfen kann. Allerdings sind die beiden Männer ihr dicht auf den Fersen und nicht gewillt, sie als Zeugin davonkommen zu lassen. Nachdem sich eine Flucht als zwecklos erweist und ihr der Wald nur wenig Schutz bietet vor den beiden Männern, beschließt Eve nun ihrerseits zum Gegenschlag anzusetzen.

Zwischen Wölfen und Menschen

Dass feministische Zwischentöne und das Horrorgenre gut zusammenpassen, ist schon seit langem keine Neuigkeit mehr. Alleine in den letzten Wochen sind mit The Witch Next Door und Gretel & Hänsel zwei Genrevertreter in die deutschen Kinos gekommen, die teils subtil, teils sehr offensichtlich Themen wie Emanzipation und Geschlechterbilder in ihrer Geschichte vereinen und verhandeln. Im neuen Film des Autos und Regisseurs Vincent Paronnaud (Persepolis, Huhn mit Pflaumen) greift die Geschichte auf das bekannte Rape-and-Revenge-Narrativ zurück, erzählt eine Geschichte, in der sich die Rollen von Jäger und Opfer immer wieder ändern und in der in Anspielung auf zahlreiche Symbole die Männer- und Frauenbilder des Genres hinterfragt werden.

Zentral für die Geschichte, die Hunted – Waldsterben erzählen will, ist die Distinktion zwischen Menschen (oder Männern – je nach dem, welche Übersetzung man bevorzugt) und Wölfen. Eingeleitet von einer Lagerfeuergeschichte, die eine Großmutter ihrem Enkel erzählt, verweist Paronnaud früh auf die Tradition seiner Geschichte, die sich, wie das Motiv des Waldes und das Rot in den Kleidern Eves andeutet, dem reichen Erzähl- und Symbolschatzes der Märchenwelt bedient. Der Wald ist jedoch keinesfalls jener Ort, der das tragische Schicksal der Frau in der Lagerfeuergeschichte wie auch in der Filmhandlung besiegelt, sondern ein Schutzraum außerhalb der Wirklichkeit, in welchem eine patriarchale Ordnung aufgehoben ist.

Rollentausch

Sobald die Handlung des Films in den Wald übergeht, wird Hunted, wie der Titel bereits andeutet, ebenfalls zu einer Geschichte über das Überleben. Wie bereits Coralie Fargeat in ihrem beachtlichen Revenge ist die Natur ein Ort der Verwandlung, der Aufhebung vorgefertigter Rollen oder Bilder, in der das Chaos für eine schnelle Änderung der Verhältnisse sorgen kann. Nicht nur tauschen Jäger und Opfer immer wieder die Rolle, auch der Film als solcher verändert sich, wenn Paronnaud und Co-Autorin Léa Pernollet neue Ideen oder neue Charaktere in ihr Skript integrieren. Der Übergang zwischen diesen Schritten ist bisweilen etwas holprig, unterhaltsam bleibt der Beitrag vom Fantasia Film Festival 2020 aber nach wie vor, liefert sogar die ein oder andere ironische Spitze, beispielsweise, wenn es um die Zerstörung klassischer Familienbilder geht.

Credits

OT: „Hunted“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2020
Regie: Vincent Paronnaud
Drehbuch: Vincent Paronnaud, Léa Pernollet
Musik: Olivier Bernet
Kamera: Joachim Philippe
Besetzung: Lucie Debay, Ciaran O’Brien, Arieh Worthalter

Bilder

Trailer

Interview

Welche Einflüsse hat er in dem Film verarbeitet? Und wie war die Zusammenarbeit mit seinem Team? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseur Vincent Paronnaud in unserem Interview zu Hunted – Waldsterben gestellt.

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Hunted – Waldsterben
"Hunted" von Vincent Paronnaud ist eine Mischung aus Horrorfilm und Thriller. Unterhaltsam, recht blutig und über weite Strecken sehr spannend liefert Vincent Paronnaud einen sehr soliden Genrebeitrag ab.
7von 10

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