(„Straw Dogs“, directed by Sam Peckinpah, 1971)

Wer Gewalt sätNach seinen Western (u.a. „The Wild Bunch„, „Sierra Chariba“) ist „Straw Dogs“ der erste Kinofilm von Sam Peckinpah, den man heute als einen der bedeutendsten Regisseure des New Hollywood kennt. Das größte Problem bei diesem Film ist, ihn einem Genre zuzuordnen, denn hier handelt es sich weder um einen klassischen Thriller, noch um einen Kriminalfilm. Mir erscheint dieses recht frühe Werk in der Schaffensphase seines Regisseurs wie eine Gesellschaftsstudie, wie auch die Buchvorlage von Gordon Williams. In der Geschichte geht es um den jungen Mathematiker David Sumner (Dustin Hoffman), der mit seiner Frau Amy (Susan George) in ihren englischen Heimatort zurückkehrt. Dort bekommen die beiden die Missgunst und das Misstrauen der Dorfbewohner zu spüren, die sich dem zurückhaltenden, ruhigen David unterlegen fühlen. Sie treiben üble Späße mit dem Ehepaar und terrorisieren dieses aufs Äußerste. Es gipfelt schließlich darin, dass Amy von einem der Dorfbewohner vergewaltigt wird. Als David, der dies nicht bemerkt, dann auch noch dem vermeintlichen Mörder (David Warner) Asyl gewähren will, um die Selbstjustiz der Einheimischen zu verhindern, wird sein Haus von einem Mob gestürmt. Der ruhige Mann wehrt die Gewalt ebenso hart ab, wie sie auf ihn herabgeschmettert wird.
Dieser auf gewisse Weise doch sehr merkwürdige Film ist so einer, dem man die Handschrift Peckinpahs deutlich anmerkt: Sein Streifen geizt nicht mit Gewalt, doch ist diese nicht selbstzweckhaft vorgeführt, sondern denunziert sie. Georg Seeßlen nennt „Gewalt und Moral“ die zentralen Elemente von Peckinpahs Schaffen. „Straw Dogs“ ist eine Studie über die Entstehung der Gewalt, doch letztendlich ist dieses wahre Meisterwerk auch zutiefst moralisch und der Vorwurf, der Regisseur möge die Gewalt, löst sich bei näherem Hinsehen in Luft auf. Die Intention des Films ist, zu zeigen, dass jeder Mensch zu Brutalität fähig ist und diese einen ewigen Kreislauf auslöst. Auf mich wirkte das Werk zeitweise sehr distanziert – und das nicht nur wegen der Handlung. Die Kamera fängt kaum farbenreiche Bilder ein, sondern eher triste Töne, was aber nicht heißen soll, dass dies schlecht ist, eben nur trist in der Farbwahl. Hinzu kommt, dass keiner der Charaktere wirklich sympathisch ist. Hoffman wirkt sehr distanziert, was natürlich durch seine Rolle bedingt ist, aber seine Darstellung ist, wie bei ihm eigentlich gewohnt äußerst gut und hier auch sehr differenziert. Susan George spielt ihre Rolle sehr intensiv und überzeugt als Partnerin von Hoffman. Peckinpahs Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt ist eindrucksvoll gelungen und seine Regie ist sehr souverän, was „Straw Dogs“ letztendlich zu einem wahren Highlight werden lässt. Den Showdown gestaltet Peckinpah dann ähnlich wie in seinen Western inszeniert und alles platzen lässt, was die Handlung angeht. Der Film funktioniert natürlich nur dank der gewaltigen Änderung des Charakters von David Sumner, doch diese ist glaubwürdig durch gegebene Filmhandlung und da sie überragend gespielt wird. Das Drehbuch von David Zelag Goodman überzeugt durch den Dialog und erzählt die Geschichte bis zum Schluss äußerst geradlinig.

Sam Peckinpah und die Gewalt im Film
Die Filme des 1925 in Kalifornien geborenen Sam Peckinpah scheinen des öfteren als Kritik an der Gewalt und sind letzten Endes zutiefst moralische und kritische Werke des amerikanischen Films. Peckinpahs Intention Filme zu machen spiegelt sich in diesem Zitat sehr gut wider:
„Amerika verschließt seine Augen vor dem Hunger und der Gewalt; man muss diesem Amerika die Augen öffnen.“ Soweit also. Er hat ein Anliegen, was er in sehr vielen seiner Filme deutlich macht und gerade in „Wer Gewalt sät…“ ist das äußerst deutlich. Der Inhalt des Frühwerks war für die damalige Zeit sehr gewagt, aber dennoch hat man hier ein Thema, das niemand anderes außer Peckinpah hätte verfilmen können. Die Kritiker haben seine Filme nicht oft wohlwollend aufgenommen und gerade die Gewalt wurde oft kritisiert. Bei ihm ist sie aber das Mittel zum Zweck und wie schon erwähnt, kein bisschen selbstzweckhaft und daher handlungsnotwendig. Hier erinnert mich der Regisseur immer an seinen italienischen Kollegen Sergio Corbucci, der mit seinen Filmen ebenso seine Botschaft unterbringen wollte. Auch bei ihm erlebt der Zuschauer einige sehr brutale Szenen, ebenso wenig selbstzweckhaft wie bei Peckinpah. In „Wer Gewalt sät…“ ist der brutale Unterton eigentlich durchgehend vorhanden, man wartet schlichtweg darauf, dass Hoffmans Charakter zum „Straw Dog“ wird. Der ganze Film wirkt dann oft wie ein Alptraum, aus dem das junge Ehepaar schlussendlich mit David Sumners Ausspruch „…mein Gott…Ich habe sie alle umgebracht.“ erwacht.

Was für ein Film ist das denn nun?
Zu Beginn meiner Rezension schrieb ich, dass dieser Film kaum einem Genre zugeordnet werden kann und auch nach einigen Überlegungen ist „Thriller“ noch das eheste als was man „Wer Gewalt sät…“ bezeichnen könnte. Ich würde zur Gesellschaftssatire neigen, aber die dafür notwendigen Stilisierungen gehen dem Werk völlig ab. Auch die Tatsache das man diesen spät zu Ruhm gelangtem Streifen keinem Genre zuordnen kann sorgt dafür, dass man dieses Werk nicht wirklich mögen kann. Auch hier tun sich letztendlich Parallelen zu Corbucci auf, der mit Il Grande Silenzio einen wichtigen Film gemacht hat, den man aber irgendwie nicht so mag wie z.B. seine Companeros„. Beiden Filmen fehlt letzten Endes der Held, denn der ist in beiden Filmen abwesend. In Corbuccis Film ist der Kopfgeldjäger Silenzio halbwegs positiv, bei Peckinpah ist es David Sumner. Wirkliche Helden sind das nicht, aber eben auch keine wirklichen Schurken. Das lässt einem beide Filme sehr distanziert sehen und deshalb findet man auch beide Filme aus dieser Sicht eher ernüchternd, selbst wenn man sie (wie ich) als glänzende Vertreter ihrer Genres sieht. In einem Forum habe ich einmal geschrieben, „Straw Dogs“ sei die gelungene Mischung aus Kunstkino und Unterhaltung, doch muss ich mich hier berichtigen. Man hat es hier mit einem ganz großen Film zu tun, der jedoch nur bedingt zur Unterhaltung taugt. „Wer Gewalt sät“ scheint mir eher wie ein Kunstfilm, mit dem der Regisseur seine Botschaft unterbringen wollte. Das macht er jedoch bravourös.

When everything is said and done
Abschließend ist zu sagen, dass „Straw Dogs“ dank hervorragender Schauspielleistungen von Dustin Hoffman und Susan George, ein ganz hervorragender Film ist, der aber auch durch seine (grandiose) Regie, seine Kamera und die gelungene Musik des Komponisten Jerry Fielding bestechen kann. „Wer Gewalt sät“ ist nun auch endlich ungekürzt auf DVD erschienen, wodurch dieser Film zu einem Muss wird.



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Eine Antwort

  1. Candide

    Die (ungekürzte) DVD lag ja schon ne Weile hier rum, aber spätestens nach deinem Review musste ich ihn nun endlich mal ansehen.
    Dass das Thema niemand anderes als Peckinpah verfilmen hätte können wage ich zu bezweifeln aber ansonsten stimme ich unisono deiner Lobhudelei zu.
    Nachdem ich erst neulich von Hoffmans Leistung in „The Graduate“ begeistert war, gefiel er mir auch hier sehr gut. Im Gegensatz zu anderen großen Hollywood-Stars hatte er meiner Meinung nach seine großen Auftritte am Anfang seiner Spielfilm-Karriere und hat dann zunehmend abgebaut.
    Susan George fand ich ebenfalls hervorragend und Peckinpah’s nervenaufreibende Inszenierung erreicht seine Wirkung voll und ganz.
    Wo ich am ehesten deinen Aussagen widerspreche ist die Filmmusik von Fielding, die mir nicht sonderlich gefiel.

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