Inhalt / Kritik

Meeresleuchten

„Meeresleuchten“ // Deutschland-Start: 17. Februar 2021 (Das Erste)

Für Thomas (Ulrich Tukur) und Sonja Wintersperger (Ursina Lardi) bricht eines Tages eine Welt zusammen, als sie erfahren, dass ihre Tochter bei einem Flugzeugabsturz über der Ostsee ums Leben gekommen ist. Gemeinsam fahren sie an den Unglücksort, wo sich zahlreiche Angehörige der Opfer zu einer gemeinsamen Trauerfeier getroffen haben. Auf der Fahrt zurück ins Hotel wird Thomas das alles zu viel, weshalb er kurz entschlossen aus dem Bus aussteigt, um den Weg allein zurückzulegen. Dabei landet er zufällig in dem kleinen Ort Maalsund, wo er am nächsten Morgen einen kleinen Laden und ein Boot kauft, um so seiner verstorbenen Tochter näher zu sein. Während er und Sonja sich dadurch immer weiter entfremden, freundet sich Thomas zunehmend mit der einheimischen Bevölkerung an, darunter dem alten Max (Hans Peter Korff), der Rentnerin Rena (Carmen-Maja Antoni) und dem Künstler Matti (Kostja Ullmann) …

Der individuelle Umgang mit dem Schmerz

Bei den schmerzhaftesten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann, steht diese an einer der obersten Stellen: der Tod des eigenen Kindes. An Ratschlägen mangelt es in solchen Fällen natürlich nicht, vom generischen „die Zeit heilt alle Wunden“ über eher esoterische Ansätze bis zu Konfrontationstherapien. Tatsächlich aber gibt es nicht die eine richtige Methode, um auf einen solchen Verlust zu reagieren, wie Meeresleuchten sehr schön aufzeigt. So ähnlich die Erfahrung als solche sein mag, so unterschiedlich reagieren die Leute in der Situation. Schon bei der Trauerveranstaltung selbst wird das deutlich, wenn die Angehörigen zu einem wild zusammengewürfelten Haufen werden. Und auch zwischen Thomas und Sonja kommt es zu einem Bruch.

Dabei dauert es schon eine Weile, bis Meeresleuchten mal auf den Punkt kommt. Zunächst geht es erst einmal darum herauszufinden, ob die Tochter wirklich an Bord des Flugzeugs war. Später wird über Überlebenschancen diskutiert, auch darüber, wie es zu dem Unglück überhaupt kommen konnte. Der deutsche TV-Film erinnert an diesen Stellen an Flug ohne Rückkehr, wo Angela Lansbury für die Aufdeckung der Wahrheit kämpfte, was genau bei einem Flugzeugabsturz vorgefallen ist. Die eigentliche Geschichte beginnt hier aber erst, nachdem Thomas sich in Maalsund niederlässt und dort nach und nach Freundschaften zu den Einheimischen aufbaut.

Zwischen Trauer und Alltag

Mit dem tragischen Ereignis haben die natürlich nichts zu tun, sie wohnen nur zufällig in der Nähe des Unglücksortes. Damit einher geht auch eine inhaltliche Fokusverschiebung. Anders als man bei dem Szenario denken könnte, handelt es sich bei Meeresleuchten nicht um ein reines Trauerdrama, welches von der Verarbeitung eines individuellen Schmerzes handelt. Das Thema zieht sich natürlich schon wie ein roter Faden durch die Geschichte, wird immer mal wieder aufgegriffen. Ganz konsequent verfolgt wird er jedoch nicht. Vor allem die divergierende Entwicklung von Thomas und Sonja kommt dabei erstaunlich kurz, da wäre mehr doch wünschenswert gewesen.

Stattdessen nimmt Regisseur und Drehbuchautor Wolfgang Panzer das Szenario des Verlusts, um die Menschen vor Ort genauer zu beleuchten und ihre Geschichten zu erzählen. Das kann sich dann zwar auch mal um die Themen Verlust und Trauer drehen. Muss es aber nicht. Stattdessen wird Meeresleuchten zu einem recht gewöhnlichen Dorfporträt, wenngleich mit einer Vorliebe für das etwas Kauzige. Das geht aufgrund des TV-Formats und des damit verbundenen Zwangs, die 90-Minuten-Grenze einhalten zu müssen, nicht sonderlich in die Tiefe. Die Zahl der Figuren ist selbst im Rahmen eines ländlichen Settings erstaunlich gering. In der Hinsicht wäre eine Serie vermutlich die bessere Wahl gewesen.

Ruhig und humorvoll

Dafür bringt Meeresleuchten die Geschichte von Thomas, der in seinen spontanen Dorfaktivitäten eine Möglichkeit sieht, seiner Tochter nahe zu sein, zu einem schönen und versöhnlichen Abschluss. Ulrich Tukur (Das weiße Band, Und wer nimmt den Hund?) überzeugt dabei in seiner Doppelfunktion als Trauernder und Bindeglied der sonstigen Geschichten, darf zweifeln und gleichzeitig anderen Trost spenden. Auch sonst ist das Ensemble prima zusammengesetzt, bringt gelegentlich Ecken und Kanten hinein, verbunden mit etwas Humor. Carmen-Maja Antoni ist für solche Rollen schließlich geboren. Der ruhig und zurückhaltend erzählte Film hält dabei die Balance aus Nachdenklichkeit und Unterhaltung, beschäftigt sich mit einem ernsten Thema, ohne sich diesem – wie des Öfteren im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen übrig – ergeben zu wollen.

Credits

OT: „Meeresleuchten“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Wolfgang Panzer
Drehbuch: Wolfgang Panzer
Musik: Lionius Treikaukas
Kamera: Ramunas Greicius
Besetzung: Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Matthias Brenner, Hans Peter Korff, Kostja Ullmann, Simone von Zglinicki, Carmen-Maja Antoni, Marie Schöneburg

Bilder

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Meeresleuchten
In „Meeresleuchten“ verliert ein Ehepaar die Tochter durch einen Flugzeugabsturz und geht im Anschluss sehr unterschiedlich damit um. Der Film kombiniert dabei Trauerdrama mit dem Porträt einer kauzigen Dorfbevölkerung, das ganz eigene Geschichten zu erzählen hat. Das geht aufgrund des Format nicht so wirklich in die Tiefe, ist aber doch ein schöner Film mit gelegentlichem Humor.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

2 Responses

  1. Katharina Gerkum

    Hallo Herr Armknecht,
    ich möchte Ihrer durchweg positiven Rezension zum Film Meresleuchten eine bremsende Stimme hinzufügen: ich habe den Film zu Hause auf dem Laptop gesehen, gewiss keine günstigen Bedingungen für die wunderbar ruhigen Bilder.
    Was allerdings sowohl auf der Leinwand wie dem screen unhig wirkte, waren die wie gehetzt vorgetragenen Dialoge. In sich stimmig und durch die wunderbaren Schauspieler stellenweise gerettet, machte der Film irgendwie einen schnellen, zu routinierten Eindruck wie ein Lied das wg. der passenden Normlänge in schnellere BPM gepresst worden ist.
    Ein verschenkter Stoff, ein verschenktes Drehbuch!
    Mit freundlichen Grüßen
    Katharina Gerkum, Mydlinghoven, Düsseldorf

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