„Und wer nimmt den Hund?“ // Deutschland-Start: 8. August 2019 (Kino)

25 Jahre waren Georg (Ulrich Tukur) und Doris (Martina Gedeck) miteinander verheiratet. Doch das ist nun vorbei, schließlich hat Georg eine Neue, die 30 Jahre jüngere Doktorandin Laura (Lucie Heinze). Für Doris ist das ein Schlag ins Gesicht, sie will ihren untreuen Noch-Mann so schnell wie möglich aus ihrem Leben haben. Damit das jedoch einigermaßen gesittet vor sich geht, suchen sie Rat bei der Therapeutin Dr. Gisela Bruhns (Angelika Thomas). Sie soll ihnen helfen, sich ihrer Gefühle bewusst zu werden und alles auszusprechen, was ihnen auf der Seele liegt. Das macht die Sache jedoch nicht wirklich einfacher. In den gemeinsamen Stunden müssen sie immerhin ein Vierteljahrhundert Ehe aufarbeiten, da sind Streitigkeiten und Verletzungen vorprorgrammiert.

Ah ja, und schon wieder ein älterer Herr, der sich gegen seine Jahre sträubt und denkt, dank einer deutlich jüngeren Freundin selbst noch einmal jung sein zu können. Das ist meist ein erbärmlicher Anblick, wenn nicht gar lächerlich. Und wer nimmt den Hund? kann es sich dann auch nicht verkneifen, immer mal wieder über den großen Altersunterschied zu spötteln. Wenn Georg beispielsweise ruckartige Bewegungen vermeiden muss, während sie vom Kinderkriegen träumt, dann sind das zwei so offensichtliche Welten, die aufeinanderprallen, dass man nur darauf wartet, dass dieses amouröse Luftschloss irgendwann zusammenkracht.

Verständnis für die Figuren
Der Film macht sich jedoch nicht über Georg lustig. Vielmehr nimmt er das Thema der neuen Liebe, um ganz universelle Bedürfnisse anzusprechen. Das Bedürfnis nach Anerkennung. Nach Abwechslung. Nach Gemeinschaft. Dass er dies nicht mehr im Rahmen seiner Ehe findet, ist tragisch, aber nicht verwerflich. Schließlich geht es Doris ganz ähnlich. Sie wäre nur nicht auf die Idee gekommen, diesen Bedürfnissen nachzugehen. Und wer nimmt den Hund? ist damit nicht nur die Geschichte eines Mannes, der fragwürdigen Träumen nachjagt. Der Film spricht ganz allgemein über die Bedeutung von Kommunikation in einer Partnerschaft und von den Folgen, wenn diese ausbleibt.

Das sind ernste Themen, die Drehbuchautor Martin Rauhaus da anpackt, verpackt in eine Komödie. Von Anfang an liefern sich die beiden ehemaligen Partner amüsante Wortgefechte, wenn sie sich all den Frust und Schmutz der vergangenen Jahre an den Kopf werfen. Das erinnert an die Therapiestunden des einige Monate zuvor gestarteten Womit haben wir das verdient?. Aber auch Erinnerungen an den Scheidungsklassiker Der Rosenkrieg werden wach, wenn auch mal nicht-verbale Waffen zum Einsatz kommen. Ganz so heftig wie bei der Kultkomödie geht es hier dann aber doch nicht zu. Der eigentlich fürs Fernsehen produzierte Film will dem Publikum schließlich nicht zu viel zumuten. Da darf ein wenig gepikst werden, richtig böse wird es hingegen nicht.

Aus Spaß am Streit
Seinen Spaß hat man aber schon, auch weil die Darsteller und Darstellerinnen keine Hemmungen kennen. Ulrich Tukur (Exit Marrakech) geht mit Mut zur Hässlichkeit und Selbstdemontage zur Sache, Martina Gedeck darf wie vor Kurzem in Arthurs Gesetz ein bisschen das Biest heraushängen lassen. Aber auch an den Nebenrollen ist nichts auszusetzen: Sie sind ebenso wie das Paar selbst lustvoll übertrieben, ohne dabei zu reinen Karikaturen zu werden. Man könnte sich die Geschichte von Und wer nimmt den Hund? durchaus als real vorstellen, ein paar kleinere Punkte und Szenen rausgenommen. Universal genug sind die Konflikte und Probleme zumindest.

Hätte es das aber auf der großen Leinwand gebraucht? Vielleicht nicht. Die Komödie, die auf dem Filmfest München 2019 Premiere hat, wäre im Fernsehen besser aufgehoben, um sich einen gemütlich-netten Abend zu gestalten. Denn wirklich mehr als nett ist Und wer nimmt den Hund? nicht. Dafür hätte es mehr Schärfe gebraucht, wahlweise auch mehr Wärme. Wenn hier Menschen zusammenkommen, dann hat das mehr von einer Verpflichtung als einem inneren Drang. Es fehlen auch die überraschenden Momente. Lediglich die ungewöhnliche Erzählstruktur, die munter in der Chronologie hin und her springt, sprengt die Norm und verhilft dem Film zu ein bisschen mehr Individualität. Wer Letztere nicht braucht, kann hier durchaus seinen Spaß haben und sich zudem ein bisschen ermuntern lassen, das Leben nie ganz als gegeben hinzunehmen – es muss dabei ja nicht gleich die 30 Jahre jüngere Freundin sein.



(Anzeige)

Und wer nimmt den Hund?
3.41 (68.18%) 22 Artikel bewerten

Und wer nimmt den Hund?
„Und wer nimmt den Hund?“ zeigt ein Paar, dessen Ehe nach einer Affäre vor den Trümmern liegt. Das ist ganz amüsant, ohne die Bedürfnisse der beiden dadurch gleich ins Lächerliche zu ziehen. Vor allem Martina Gedeck und Ulrich Tukur tragen durch ihre kleinen Wortgefechte den Film. Insgesamt ist die Komödie aber zu nett, trotz einer eigenwilligen Erzählstruktur auch zu überraschungsarm.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.