Kritik

Heroes Dont Die Les héros ne meurent jamais

„Heroes Don’t Die“ // Deutschland-Start: 15. Januar 2021 (Amazon Prime Video)

Als Joachim (Jonathan Couzinié) eines Tages in Paris von einem Unbekannten angesprochen wird, der ihn für jemand anderen gehalten hat, staunt er nicht schlecht. Denn dieser andere soll ein bosnischer Soldat gewesen sein, der ausgerechnet am 21. August 1983 gestorben ist – also am Tag von Joachims Geburt. Verunsichert von dieser Erfahrung, treibt ihn im Anschluss die Frage um: Was, wenn es wahr ist? Was wenn es tatsächlich so etwas wie Reinkarnation gibt und er dieser bosnische Soldat war? Gemeinsam mit seinen Freundinnen Alice (Adèle Haenel) und Virginie (Antonia Buresi) tritt er daraufhin die Reise nach Bosnien an, um dem Verstorbenen nachzuspüren. Mit dabei: eine Kamera, um die Erfahrungen in Form eines Dokumentarfilms festzuhalten …

Ein neues Leben nach dem Tod

Die Vorstellung, dass es uns irgendwann nicht mehr geben soll, dass wir von einem Moment zum nächsten verschwinden und nichts bleibt, die ist für die meisten unerträglich. Und so entstanden im Laufe der Menschheitsgeschichte die verschiedensten Theorien, Mythen und Vorstellungen, die ein Leben nach dem Tod ermöglichen. Ob nun Geister noch Unerledigtes zu Ende bringen wollen, wir Zutritt zu einem Himmel erfahren oder eins werden mit dem Kosmos, die Auswahl an Möglichkeiten ist riesig. Eine der interessanteren Überzeugungen ist die, dass wir nach dem Tod in einem neuen Körper wiedergeboren werden, die Reinkarnation uns zum Teil eines größeren Kreislaufs macht. Das hat nicht nur den Vorteil, dass eben nicht alles vorbei sein wird. Oft geht das mit der Idee einher, dass die Wiedergeburt die Folge unseres vorangegangenen Lebens sein kann, damit nicht alles umsonst war und wir immer bei Null anfangen.

Heroes Don’t Die greift diese Idee der Reinkarnation auf. Anders als man vielleicht denken könnte, wird daraus aber kein Drama, das sich mit dem Prinzip der Spiritualität auseinandersetzt. Zwar steht immer wieder die Frage im Raum, ob es eine solche Wiedergeburt geben kann. Doch diese Beschäftigung ist mehr ein Aufhänger für die Reise nach Bosnien. Eine Reise, die gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit ist. Und das in mehrfacher Hinsicht: Während das Trio herauszufinden versucht, wer dieser Zoran Tadic sein könnte, mit dem Joachim in Verbindung stehen soll, treffen sie auf Menschen, die von früher erzählen. Sie treffen aber auch auf Orte, die wortlos die Geschichte des Landes verdeutlichen.

Das kann manchmal ganz komisch sein. Vor allem die diversen Versuche des Trios, der heimischen Bevölkerung zu erklären, was es genau da tut, führen immer wieder zu skurrilen Situationen. Wie sagt man jemandem, dass man ein wiedergeborener Soldat ist, ohne sich dabei lächerlich zu machen? Hinzu kommen Verständigungsprobleme. Zwar spricht Alice durchaus die Landessprache. Dennoch kommt es regelmäßig vor, dass etwas nicht wirklich beim Gegenüber ankommt. Verpackt ist das Ganze zudem in ein Mockumentary-Gewand à la Mann beißt Hund oder Borat: Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen, welches viel Raum für interne Reibungen und peinliche Situationen lässt.

Komisch, nachdenklich und emotional

Dennoch macht sich Regisseurin und Co-Autorin Aude Léa Rapin, die mit Heroes Don’t Die ihr Langfilmdebüt gibt, nicht über das Trio oder speziell Joachim lustig. Die Reise des Mittdreißigers ist nicht allein eine Spinnerei, sondern Ausdruck der Sehnsucht, selbst Teil von etwas Größerem zu sein, einen Platz zu haben und dabei unsterblich zu werden. Vor allem aber nutzt der Film das ungewöhnliche Szenario, um aufzuzeigen, welche Folgen der Krieg auf die Bevölkerung hatte. Wenn die drei über den Friedhof laufen und nach dem Namen suchen oder anderweitig die großen Verluste deutlich werden, wie viele Opfer die Auseinandersetzungen nach sich zogen, dann wandelt sich der kuriose Trip schnell zu einer bitteren Begegnung mit alten Wunden, die nie ganz verheilt sind.

Vor allem zum Ende hin sind Lachen und Weinen nicht weit auseinander, wenn groteske, gewaltsame und herzliche Szenen aufeinanderfolgen. Die Neugierde ist dabei groß, zum einen darauf, was als nächstes geschieht, aber auch ob es eine Form der Auflösung gibt. Wer eine solche braucht, eine klare Antwort einfordert, ob es eine Reinkarnation gibt oder das doch nur Humbug ist, der ist bei Heroes Don’t Die dabei falsch. Enttäuschend ist das Finale aber nicht. Die Tragikomödie, die auf der Semaine de la Critique 2019 in Cannes Premiere feierte, bleibt dabei seiner enigmatischen Ausrichtung treu, überlässt dem Publikum die letzte Entscheidung. Dafür gibt es kurz vor Schluss eine wunderschöne Szene, die obwohl ganz ruhig gehalten, emotional so überwältigt, dass Begriffe wie Zeit, Vergangenheit, Krieg oder Glauben, Realität oder Film irrelevant geworden sind.

Credits

OT: „Les héros ne meurent jamais“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Aude Léa Rapin
Drehbuch: Aude Léa Rapin, Jonathan Couzinié
Kamera: Paul Guilhaume
Besetzung: Adèle Haenel, Jonathan Couzinié, Antonia Buresi

Bilder

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Heroes Don’t Die
Wenn in „Heroes Don’t Die“ ein Mann davon überzeugt ist, die Reinkarnation eines toten Soldaten zu sein, dann wird das zunächst zu einem kuriosen Trip im Mockumentary-Gewand. Doch diese Reise wird auch eine in die Vergangenheit, welche an die Opfer des Krieges erinnert, an kollektives Leid, und besonders zum Schluss richtig zu Herzen geht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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