Kritik

Sweat

„Sweat“ // Deutschland-Start: 18. Juli 2021 (Kino)

Sylwia (Magdalena Koleśnik) hat es geschafft: Mit ihren Fitness-Videos ist sie zu einem Star in den sozialen Medien geworden, mehr als 600.000 Menschen folgen ihr, wie sie Tipps dafür gibt, sich gesund zu halten oder wie man einen knackigen Po bekommt. Damit kann sie ganz gut leben, hat eine schöne geräumige Wohnung in Warschau. Sie genießt ihr Leben und die Aufmerksamkeit, die sie erhält. Dafür hat sie aber auch jede Menge investiert, musste privat einiges aufgeben. Mehr als ihr lieb ist, wie sie eines Tages feststellen muss. Denn einem ihrer Anhänger ist es nicht mehr genug, kleine Videos von ihr zu sehen. Er will ihr ganz nahe sein und beginnt deshalb sie zu stalken, was Sylwias Leben komplett durcheinanderbringt …

Sie sind eines dieser Phänomene unserer Zeit, an denen sich die Geister scheiden: Influencer. Natürlich hatte es Stars schon immer gegeben, die sich stärker über ihre Persönlichkeit verkaufen als über das, was sie eigentlich tun. Doch die Schwemme an Leuten, die daraus eine eigene Karriere gemacht haben, die sich ihren Alltag finanzieren, indem sie ihn festhalten und mit allen da draußen teilen – begleitet von Sponsoren –, der stehen nicht wenige fassungslos gegenüber. Während die eine Seite darin eine Möglichkeit des Ausdrucks sieht, betrachten andere es als reinen Job. Kritiker wiederum stören sich unter anderem an der Künstlichkeit, wenn etwas als Authentizität verkauft werden soll, das von Anfang bis Ende inszeniert ist, ähnlich zu so mancher Reality TV Show.

Der schöne Schein

Auch Magnus von Horn steht diesem Phänomen mindestens skeptisch gegenüber, zumindest wenn man seinen Film Sweat als Grundlage nimmt. Im Mittelpunkt steht eine junge Fitness Trainerin, die ihre Tricks und Kniffe aber eben nicht in einem regulären Fitnessstudio teilt, sondern mit kleinen Videos, bei denen das Sportliche und das Persönliche ineinander übergehen. Die Oberflächlichkeit, die mit solchen Influencer-Tätigkeiten oft einhergehen, sind in dem Fall natürlich besonders ausgeprägt. Die Gesundheit steht bei ihren Videos eher im Hintergrund. Wichtiger ist es für sie – und die Menschen da draußen – dass man gut aussieht und den schönen Schein bewahren kann. Da wird dann schon mal vor dem Spiegel posiert, um die eigenen Rundungen besonders gut zur Schau stellen zu können.

Nun ist Oberflächlichkeit immer ein dankbares Thema, wenn man sich über etwas echauffieren will. Es wäre ein leichtes für den schwedischen Regisseur und Drehbuchautor gewesen, Sylwia als heuchlerische Grinsekatze mit großem Geltungsbedürfnis darzustellen. Aber er interessiert sich dann doch mehr dafür, was ein solches Leben eigentlich für diejenigen bedeutet. Und das Ergebnis ist sehr viel weniger glamourös und glänzend, als man meinen könnte. Ein größerer Wendepunkt in der Geschichte ist der Zwischenfall mit dem Stalker, der ihr bis zu ihrer Wohnung folgt. Das ist eigentlich Stoff für einen Psycho-Thriller, fügt sich hier aber als Drama ein. Der Mann, der ihr folgt, ist eine tragische Gestalt, der selbst in diesen Traumwelten gefangen ist, in denen die Protagonistin unterwegs ist.

Die Schattenseiten des Ruhms

Sweat, das eigentlich bei den Filmfestspielen von Cannes 2020 Premiere hätte haben sollen, dafür aber bei zahlreichen anderen Festivals lief, handelt dann auch in erster Linie davon, wie für Sylwia selbst diese Traumwelt bröckelt. Ihr Verhältnis zu ihrer Familie ist von Distanz geprägt, eine Geburtstagfeier zeigt, dass keine Seite mehr zu Kommunikation in der Lage ist. Man hat sich nichts mehr zu sagen oder redet schlicht aneinander vorbei. Und auch die Einsamkeit von Sylwia wird thematisiert, die zwar Fans ohne Ende hat, aber keine nennenswerten zwischenmenschlichen Bindungen. Sie ist ein Mensch, der einerseits begehrt ist und im Mittelpunkt steht, dabei aber doch allein auf weiter Flur – zumal sich niemand wirklich für sie interessiert, nicht das Individuum abseits der engen Hot Pants.

Das ist über weite Strecken ruhig erzählt, mit einer dokumentarischen Anmutung. Von Horn bleibt immer eng an seiner Protagonistin dran, macht damit sein Publikum zu Voyeuren, die an Sylwia gekettet sind, ob sie es nun wollen oder nicht. Tatsächlich neue Einsichten bringt das Drama dabei zwar nicht so wirklich. Ausführungen zu Starkult und Einsamkeit, die man vor lauter Rampenlicht nicht sehen kann, die gab es schließlich schon zu Zeiten, als es den Ausdruck Influencer noch gar nicht gab. Zumindest erlaubt es Sweat aber, auch dank der nuancierten Darstellung von Magdalena Koleśnik, einen differenzierteren Blick auf einen Beruf zu werfen, der von der einen Seite verteufelt, von der anderen unkritisch gefeiert wird.

Credits

OT: „Sweat“
Land: Polen, Schweden
Jahr: 2020
Regie: Magnus von Horn
Drehbuch: Magnus von Horn
Kamera: Michał Dymek
Besetzung: Magdalena Koleśnik, Julian Świeżewski, Aleksandra Konieczna, Zbigniew Zamachowski

Bilder

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Sweat
„Sweat“ folgt einer Influencerin, die mit Fitnessvideos Hunderttausende Fans erreicht, bei der im Privaten aber einiges im Argen liegt. Das dokumentarisch inszenierte Drama gibt zwar keine komplett neuen Einsichten, wirft aber einen differenzierten Blick auf ein Phänomen, das von Oberflächlichkeit geprägt ist und an dem sich die Geister scheiden.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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