Becoming
© Filmfest Bremen
Becoming
„Becoming“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Die 17-jährige Mila (Tamiris Zhangazinova) zieht mit ihrer Mutter (Assel Kaliyeva) und ihrer jüngeren Schwester Lina (Medina Sagindykova) aus Almaty in ein Hotel außerhalb der Stadt. Auslöser ist erneut das Scheitern einer Beziehung der Mutter – ein Muster, das die beiden Schwestern kennen und das sie zunehmend belastet. Als die Mutter sie schließlich dort für einige Tage allein lässt, um zu ihrem Ex-Partner zurückzukehren, fühlt sich Mila orientierungslos und wütend. Im Hotel stößt sie auf eine Trainingsgruppe für Freiwasserschwimmen, die von dem charismatischen Vlad (Valentin Novopolskij) geleitet wird. Sie wird in die Gruppe aufgenommen und findet dort Halt und Gemeinschaft – eine Art Ersatzfamilie. Selbst ein tragisches Unglück während einer Party, bei dem eine der Schwimmerinnen ums Leben kommt, erschüttert den Zusammenhalt nur scheinbar. Doch als Milas Platz in der Gruppe ins Wanken gerät, wächst ihre Verzweiflung. Der Wunsch nach Zugehörigkeit treibt sie immer weiter an ihre Grenzen. 

Regiedebüt aus Kasachstan

Mit Becoming präsentiert die kasachische Regisseurin Zhannat Alshanova ihr Langfilmdebüt, das seine Weltpremiere im Wettbewerb Cineasti del Presente beim Locarno Film Festival 2025 feierte und nun beim Filmfest Bremen 2026 zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wurde. Alshanova, die in London lebt und dort ihre Ausbildung absolvierte, hat sich zuvor mit Kurzfilmen wie The White Orchid Hotel, End of Season, Paola Makes a Wish und History of Civilization einen Namen gemacht, die unter anderem in Cannes (Cinéfondation), Sundance, Toronto und Locarno liefen; für History of Civilization wurde sie 2020 in Locarno mit einem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. 

Es ist ein klassischer Coming-of-Age-Stoff, der Milas Suche nach Identität und Zugehörigkeit ins Zentrum stellt – und dabei formal durchaus zu überzeugen weiß. Vor allem die Kameraarbeit von Caroline Champetier verleiht dem Film eine beeindruckende visuelle Qualität. Die Bilder, gerade im Schwimmbecken oder im offenen Wasser, entwickeln eine eigene Sogwirkung und spiegeln Milas inneren Zustand mit großer Sensibilität. Auch Tamiris Zhangazinova trägt den Film mit einer intensiven, nuancierten Darstellung, die Verletzlichkeit, Trotz und Apathie glaubhaft miteinander verbindet. 

Formal stark – erzählerisch schwach

Gerade diese formale Stärke lässt jedoch die erzählerischen Schwächen umso deutlicher hervortreten. Alshanova vertraut ihren Bildern zu wenig und greift stattdessen zu expliziten Erklärungen. Die Metapher des Freiwasserschwimmens – als Symbol für Freiheit und Selbstbestimmung – wird durch Dialoge überdeutlich gemacht, wo sie doch bereits visuell klar vermittelt ist. Der Film neigt dazu, seine eigenen Bilder zu kommentieren, anstatt sie für sich sprechen zu lassen. 

Hinzu kommt ein unausgewogenes dramaturgisches Gefüge. Zentrale Ereignisse, wie der Tod einer Schwimmerin, werden erstaunlich beiläufig behandelt und entfalten kaum nachhaltige Wirkung. Auch die familiären Konflikte bleiben skizzenhaft; insbesondere das angedeutete schwierige Verhältnis zu den Großeltern wird nicht weiter vertieft. Viele narrative Ansätze wirken angerissen, aber nicht ausgearbeitet. Besonders problematisch ist die Figur des Vlad. Obwohl er als zentrale Bezugsperson innerhalb der Gruppe fungiert, bleiben Motivation und Methodik auffallend unklar. Seine Praxis – bis hin zur Gabe unerklärter Pillen (zur Leistungssteigerung?) – wird nicht plausibel entwickelt. Was wohl als geheimnisvolle, anziehende Ambivalenz gedacht ist, verkehrt sich so ins Gegenteil: Statt zur Projektionsfläche zu werden, bleibt die Figur – wie im Prinzip alle Nebenfiguren – merkwürdig blass.  

Das offene Ende schließlich hinterlässt schließlich weniger produktive Ambiguität als vielmehr den Eindruck einer erzählerischen Unentschlossenheit. Zwar ließe sich einiges hineininterpretieren, doch fehlt es dem Film an der nötigen inhaltlichen Fundierung, um diese Offenheit zu tragen. So bleibt Becoming ein visuell eindrucksvolles, atmosphärisch dichtes Debüt, das von einer starken Hauptdarstellerin getragen wird – zugleich aber ein Film, der auf erzählerischer Ebene hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurückbleibt. 

Credits

OT: „Becoming
Land: Frankreich, Kasachstan,  Niederlande, Litauen, Schweden
Jahr: 2025
Regie: Zhannat Alshanova
Buch: Zhannat Alshanova
Kamera: Caroline Champetier
Besetzung: Tamiris Zhangazinova, Valentin Novopolskij, Assel Kaliyeva, Medina Sagindykova, Yuliya Dyussebayeva

Bilder

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Becoming
fazit
Ein visuell beeindruckendes Debüt mit starker Hauptdarstellerin, das jedoch an erzählerischer Unschärfe und unterentwickelten Figuren leidet. Trotz großer Themen und vielversprechender Ansätze bleibt “Becoming” dramaturgisch hinter seinen Möglichkeiten zurück und verschenkt die Kraft seiner eigenen Bilder.
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