Kritik

„Three Adventures of Brooke“

„Three Adventures of Brooke“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Das hat Xingxi (Fangyi Xu) gerade noch gefehlt. Eigentlich war die junge Chinesin nach Malaysia gereist, um dort ein bisschen Zeit für sich zu haben. Doch als sie mit dem Fahrrad unterwegs ist, hat sie einen ärgerlichen Platten. Was tun? Sie kennt niemanden vor Ort, spricht die Sprache der Einheimischen nicht. Doch während sie in der brütenden Sonne nach einem Ausweg sucht, erhält sie unerwartet Hilfe. Und das gleich mehrfach …

Moment, habe ich das eben nicht schon mal erlebt? Das kennen wir nicht nur aus dem eigenen Leben, sondern auch aus Filmen, in denen Protagonisten und Protagonistinnen in sich wiederholenden Zeitschleifen gefangen sind. Und täglich grüßt das Murmeltier ist sozusagen die Blaupause. Zuletzt hat es eine ganze Reihe von Werken gegeben, die dieses Element einsetzten. So war in Hello Again – Ein Tag für immer eine Frau in der Hochzeit ihrer Alpträume gefangen und musste diese Tag für Tag neu erleben. In The Fare durchlebten ein Taxifahrer und ein Gast eine gemeinsame Fahrt wieder und wieder.

Ein Platten, drei Wege
Three Adventures of Brooke erinnert an solche Filme und ist doch anders, wenn wir hier drei Versionen einer Geschichte sehen. Sie alle beginnen am 30. Juni, jenem Tag, an dem Xingxi einen Fahrradplatten hat. In allen dreien sucht sie daraufhin Hilfe, begegnet dabei aber jedes Mal jemand anderem. Beim ersten Mal ist es eine junge Einheimische namens Ailing (Ribbon), welche sie durch die Stadt führt und dabei in einem Laden Halt machen, in dem Kristalle verkauft werden. Version Nummer zwei führt zum Stadtplaner Fong (Kam Kia Kee), der fest entschlossen ist, den etwas verschlafenen Ort zu modernisieren. Bei der dritten Episode macht sie die Bekanntschaft des französischen Touristen Pierre (Pascal Greggory), der ebenso wie sie gestrandet ist.

Solche divergierenden Wege kennt man von japanischen Visual Novels und deren Anime-Adaptionen wie etwa Higurashi – When They Cry oder Steins;Gate, alternativ von den früher so populären Spielbüchern, bei denen Leser in der Geschichte an Weggabelungen ankamen und durch ihre Entscheidung – gehst du nach links oder rechts? – den weiteren Verlauf bestimmen konnte. Und doch hinkt der Vergleich. Bei diesen Werken ging es immer darum, den richtigen Weg zum Ziel zu finden. Das konnte das erfolgreiche Meistern eines Abenteuers sein oder die Lösung eines Geheimnisses. Three Adventures of Brooke tut tatsächlich auch rätselhaft, konfrontiert das Publikum mit einem mehrgleisigen Szenario, ohne ihm zu verraten, warum Xingxi denn nun immer wieder in diese Situation gerät.

Nachdenkliche und vielseitige Sinnsuche
Doch nicht das Finden, steht im Mittelpunkt, sondern das Suchen. Das ungewöhnliche Drama ist eine Entdeckungsreise ins Unbekannte, in der es mal um die Zukunft der Provinz geht, dann wieder um die eigene Vergangenheit. Ein Spiel mit dem Schicksal und gleichzeitig Sinnsuche inmitten einer fremd gewordenen Welt. Das kann mal komisch sein, gerade die erste Episode rund um einen Kristall, der vielleicht ganz sicher zu teuer oder zu billig angeboten wurde, hat einige deutlich humorvolle Untertöne. Der zweite Abschnitt, der sich mit der Balance zwischen gestern und morgen auseinandersetzt, mit Fragen der Identität, ist da schon gehaltvoller. Bei der dritten und längsten Geschichte wird es schließlich vollends nachdenklich, gar existenziell.

Der Wechsel der Begegnungen geht also mit einem Wechsel der Inhalte und der Stimmung einher. Er geht aber auch mit einem Wechsel der Protagonistin einher, die jedes Mal andere Facetten von sich zeigt. Je mehr Zeit wir mit ihr verbringen, umso besser lernen wir sie kennen, auch wenn dabei offen bleibt, ob wir nun eine Person oder doch drei sehen. Immer wieder gibt es zwar Querverbindungen zwischen den Geschichten, durch kurze Gastauftritte oder beim Passieren eines bekannten Ortes. Regisseurin und Drehbuchautorin Yuan Qing, die hiermit ihr Spielfilmdebüt gibt, führt die einzelnen Elemente aber nicht völlig zusammen. Das wird manche irritieren, vielleicht gar frustrieren, wie ein Rätsel, das nie aufgelöst wird. Aber der Beitrag vom Chinesischen Filmfest München 2018 ist ein interessanter, schön bebildeter Film, teilweise poetisch, der viel über die Welt nachdenkt, über die Rolle von Menschen und Identität, der auch von einer Sehnsucht erfüllt wird, deren Tiefe erst nach und nach offensichtlich wird.

Credits

OT: „Three Adventures of Brooke“
Land: China, Malaysia
Jahr: 2018
Regie: Yuan Qing
Drehbuch: Yuan Qing
Musik: Howie B, Andrew Lok
Kamera: Zhu Jinjing
Besetzung: Fangyi Xu, Pascal Greggory, Ribbon, Kam Kia Kee, Allan Toh Wei Lun, Lim Yi Xin, Zhan Zizhen, Andrew Lok

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 2018
Chinesisches Filmfest München 2020

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Three Adventures of Brooke
„Three Adventures of Brooke“ zeigt eine junge Chinesin, die bei ihrer Reise nach Malaysia einen Fahrradplatten hat und die in drei Variationen derselben Situation jeweils verschiedene Begegnungen hat. Trotz kleiner Querverbindungen wird daraus keine wirkliche Geschichte. Stattdessen ist das Drama ein Film über Sehnsucht und Selbstfindung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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