Kritik

„The Fare“ // Deutschland-Start: 27. August 2020 (Kino) // 25. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Für Harris (Gino Anthony Pesi) ist es ein echter Lichtblick, als Penny (Brinna Kelly) zu ihm ins Auto steigt. Immer wieder kurvt er mit seinem altmodischen Taxi durch die menschenleere Gegend, sammelt hier und da mal einen Passagier ein und lauscht ansonsten den Leuten und ihren komischen Geschichten im Radio. Da ist eine hübsche Frau wie sie doch mal eine willkommene Abwechslung. Tatsächlich verstehen sie sich auf Anhieb gut, tauschen sich über alles Mögliche aus – bis es zu einem seltsamen Unfall kommt und Penny spurlos verschwindet. Aber das ist nur der Anfang, denn als Harris seinen Taxameter zurückstellt, beginnt die Geschichte von Neuem …

Das Gefühl, dass jeder Tag irgendwie gleich ist, das dürften die meisten von uns irgendwann einmal haben. Die Routine im Alltag, die ständig sich wiederholenden Aufgaben im Büro, da kann man schon mal vergessen, welcher Tag gerade ist. Oder welches Jahr. Filme gehen da gern noch einen Schritt weiter und lassen Protagonisten und Protagonistinnen in Zeitschleifen feststecken, welche sie meistens einen Tag, manchmal auch einen Moment, immer wieder erleben lassen. Einer der bekanntesten Filme in der Hinsicht ist zweifelsfrei Und täglich grüßt das Murmeltier, in den letzten Jahren haben Werke wie The Endless, Happy Deathday oder Source Code ständig neue Varianten entwickelt, die mal im komischen, oft im düsteren Bereich angesiedelt sind.

Zurück in eine unbekannte Zeit
The Fare scheint zunächst ein klarer Fall für Letzteres zu sein. Die Bilder sind komplett in Schwarzweiß gehalten, dazu eine betörende Fremde, die mitten im Nirgendwo auftaucht und irgendein Geheimnis mit sich herumzutragen scheint – da lehnt sich schon jemand sehr stark an die Film-Noir-Klassiker an. Als nach wenigen Minuten klar wird, dass die beiden jedoch in einer eben dieser Zeitschleifen feststecken und dazu gezwungen sind, dieselbe Taxifahrt wieder und wieder zu machen, meint man, eine längere Folge der legendären Serie Twilight Zone entdeckt zu haben. Verstärkt wird das durch die bewusst altmodische Ausrüstung: Das Taxi scheint aus einer anderen Zeit zu sein, es gibt keine Handys oder andere Objekte, die auf die Gegenwart verweisen.

Tatsächlich ist es bei The Fare unmöglich, eine bestimmte Zeit festzumachen, in der der Film spielen soll. Gleiches gilt für den Ort, der so fernab der Zivilisation zu sein scheint, dass Harris mehrfach denselben Kommentar macht. Tatsächlich wird es immer wieder Variationen derselben Dialoge oder Situationen geben, die sich nur in Nuancen unterscheiden. Eine Antwort mit verschiedenen Worten, die aber doch dieselbe ist. Auf diese Weise verhindert Brinna Kelly, die nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch das Drehbuch schrieb, dass es zu den üblichen Redundanzen kommt, die ein solcher Zeitschleifen-Film quasi automatisch mit sich bringt. Denn wo sonst die Hauptfigur meist gleich merkt, dass sich da etwas wiederholt, da wird hier mit Déjà-vu-Erlebnissen gearbeitet und sich nur nach und nach in Richtung Wahrheit vorwärtsbewegt.

Zwei Herzen und ein großes Rätsel
Während der Mystery-Part einen großen Teil des Reizes von The Fare ausmachen – wie sind die beiden in die Zeitschleife geraten? Wie kommen sie wieder heraus –, so ist er doch nur die eine Hälfte. Kelly hat die typischen Elemente eines solchen Films genommen und mit einer Liebesgeschichte verbunden, die sich praktisch nur im Inneren eines Taxis abspielt. So etwas kann aufgrund der eingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten schnell langweilig werden. Hier ist das glücklicherweise nicht der Fall, weil der Umgang zwischen den beiden einsamen Seelen so charmant ist, teilweise auch witzig, dass man zwischenzeitlich komplett vergisst, dass da ja noch irgendwo ein Rätsel zu lösen ist. Auch wenn die Laufzeit von nicht einmal 90 Minuten kaum ausreicht, um so richtig in die Tiefe zu gehen, auch dank des Duos hat man hier das Gefühl, es mit tatsächlichen Menschen zu tun zu haben.

Dass dem Film bislang keine größere Aufmerksamkeit zuteilwurde, er auf nur wenigen Festivals lief, ist deshalb schon schade. Er hätte auf jeden Fall mehr verdient. Die zwischenzeitlichen Spielereien mit der Farbe hätte es nicht gebraucht, zum Ende hin wird auch emotional dicker aufgetragen, als notwendig gewesen wäre. Dafür gibt es im weiteren Verlauf noch ein paar Wendungen, zum Schluss zeigt The Fare sogar, dass das Potenzial für eine ganze Serie gegeben wäre. Aber auch in der kürzeren Form ist diese ungewöhnliche Genremischung ein echter Geheimtipp, dem man eine Chance geben sollte.

Credits

OT: „The Fare“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: D.C. Hamilton
Drehbuch: Brinna Kelly
Musik: Torin Borrowdale
Kamera: Josh Harrison
Besetzung: Gino Anthony Pesi, Brinna Kelly

Trailer

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The Fare
Ein Taxifahrer und eine Frau sind in einer fortwährenden Taxifahrt gefangen. „The Fare“ nimmt das beliebte Zeitschleifenprinzip, kombiniert dabei Mystery und leichte Thrilleranleihen mit einer Liebesgeschichte. Die Mischung ist ungewöhnlich, aber stimmig: Gerade das Zusammenspiel des Duos ist so gelungen, dass einige kleinere Schwächen kaum ins Gewicht fallen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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