Kritik

Heiße Küste un barrage contre le pacifique The Sea Wall

„Heiße Küste“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Indochina im Jahr 1931: Nach dem Tod eines französischen Siedlers versucht seine Familie, irgendwie über die Runden zu kommen. Doch das ist schwer, seine kränkliche Witwe (Isabelle Huppert) ist völlig verarmt, denn die gesamten Ersparnisse gingen für ein Land auf, das jedes Jahr von dem Ozean überschwemmt wird. Zwar packen ihre Kinder Joseph (Gaspard Ulliel) und Suzanne (Astrid Bergès-Frisbey) kräftig mit an, ohne dabei jedoch etwas zu erreichen. Als der reiche chinesische Landbesitzer Herr Jo (Randal Douc) auftaucht und Interesse an Suzanne zeigt, könnte das der ersehnte Ausweg aus der Misere sein. Doch die Probleme nehmen kein Ende …

Bevor sie zu einer der bekanntesten und einflussreichsten Schriftstellerinnen Frankreich wurde, lebte Marguerite Duras (India Song) viele Jahre in Französisch-Indochina, aus dem später die Länder Laos, Kambodscha und Vietnam hervorgingen. Immer wieder verarbeitete sie ihre Erlebnisse dort in ihren Werken, etwa in dem preisgekrönten Roman Der Liebhaber von 1984. Aber auch Heiße Küste, das 1950 eines ihrer ersten Bücher war, ist autobiografisch gefärbt: Wie ihre Figuren wuchs sie in ärmlichen Verhältnissen mit der Mutter auf, nachdem eine Investition in Reisfelder sich als Fehlinvestition herausgestellt hat. Bereits 1958 wurde der Roman verfilmt. 50 Jahre später nahm sich Rithy Panh erneut der Aufgabe an, der Geschichte von Duras gerecht zu werden.

Wunderschöne Aufnahmen des Untergangs
Wobei man sagen muss, dass die Geschichte nicht die gehaltvollste ist. Und auch wenn mit Isabelle Huppert (Eine Frau mit berauschenden Talenten, Eva) ein absoluter Weltstar für die Hauptrolle gewonnen wurde, das Augenmerk liegt dann doch eher auf den Landschaftsaufnahmen. Die sind auch von einer betörenden, geradezu unwirklichen Schönheit. Die Riesfelder, auf denen unermüdlich geschuftet wird, die Wassermassen, die das Leben so bestimmen, sogar die kleinen Hütten – all das fügt sich zu Motiven zusammen, wie man sie für keine Postkarte besser hätte komponieren können. Das wirkt alles so idyllisch, dass man alles vergisst, das hier und jetzt, und sich von dem Zauber der Bilder einfangen lässt.

Dabei steht diese Idylle in einem starken Kontrast zu dem, was in dem Film so vor sich geht. Nicht allein, dass der Vater gestorben ist, die Familie hat sich selbst in den Ruin getrieben. Ihr ganzes Leben ist von der Geldarmut geprägt, von dem verzweifelten Kampf ums Überleben. Die Mutter ist zudem schwer krank, wird im weiteren Verlauf von Heiße Küste immer zerbrechlicher und ausgemergelter werden. Die Versuche, einen Damm zu errichten, der die Gegend vor dem alles durchfressenden Meerwasser schützt – daher der Originaltitel Un barrage contre le Pacifique – ist zwar ein Zeichen der Hoffnung, das die drei Franzosen mit der einheimischen, ländlichen Bevölkerung verbindet. Doch es ist keine Hoffnung, die ein festes Fundament hat.

Rückblick auf eine unrühmliche Geschichte
Gleichzeitig befasst sich Duras kritisch mit der Kolonialgeschichte ihres Landes. Auch wenn die Hauptfiguren hier überwiegend französisch ist, die Besiedelung Südostasiens wird nicht nur mit der nostalgischen Erinnerung angereichert, die solche Rückblicke oft an sich haben. Stattdessen wird offen gezeigt, wie die fremde Macht die Einheimischen unterdrückt und sie ihres Reichtums berauben will. Und auch die drei haben ihre liebe Not mit korrupten Beamten und dem ausbeuterischen System, das nur einem auserwählten Kreis zuspielt. Ein System, dem die Familie nicht angehört. Je stärker und mächtiger die Landsmänner werden, umso düsterer werden die eigenen Perspektiven.

Heiße Küste ist deshalb ein seltsam zerrissener Film, der einerseits wehmütige Erinnerung darstellt, untermalt von einem dazu passenden, elegischen Soundtrack, der gleichzeitig aber nicht viel Gutes zu sagen hat. Ein Film, der viel vom Leben der einfachen Bevölkerung zu erzählen hat, dabei jedoch so kunstvoll ist, dass er nicht weiter von dieser entfernt sein könnte. Die verklärte Dekonstruktion hätte sicher noch tiefer in die Materie einsteigen können, manches lässt einen hier doch verwirrt zurück, so als wäre Relevantes verschwiegen worden. Es ist am Ende eher ein Gefühl und eine Stimmung des schwülen Untergangs, die sich festsetzen, während man immer tiefer in den Traum hinabgleitet.

Credits

OT: „Un barrage contre le Pacifique“
IT: „The Sea Wall“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2008
Regie: Rithy Panh
Drehbuch: Rithy Panh, Michel Fessier
Vorlage: Marguerite Duras
Musik: Marc Marder
Kamera: Pierre Milon
Besetzung: Isabelle Huppert, Gaspard Ulliel, Astrid Bergès-Frisbey, Randal Douc, Duong Vanthon, Stéphane Rideau

Bilder

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Heiße Küste
„Heiße Küste“ nimmt uns mit ins Indochina der 1930er, wo eine französische Familie gegen eine Überschwemmung und die völlige Verarmung ankämpft. Der teils traumartige Film ist dabei von wunderschönen, unwirklichen Bildern geprägt, die in einem starken Kontrast zu dem Elend der Menschen stehen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Trotz Weltstar Isabelle Huppert in der Titelrolle als Mutter von zwei erwachsenen Kindern: Joseph (Gaspard Ulliel) und Suzanne (Astrid Bergès Frisbey) ist der Film kein Erfolg. Die Neuverfilmung eines Duras-Romans vom einheimischen Regisseur Rithy Panh kommt zu distanziert daher. Es ist das fernöstliche Guckkasten-Kino, das wir hier genießen können, in dem eine Identifikation mit Figuren auf der Leinwand nicht möglich ist. Die Figuren agieren mit gebremstem Schaum, alles ist immer unter Kontrolle. Die Huppert scheint gelangweilt, die Kids desinteressiert, abgehoben und nicht aus Fleisch und Blut.
    Über allen schwebt das Damokles-Schwert der Armut. Reiche Chinesen kaufen den Bauern das Land ab, einer von ihnen, Monsieur Jo (Randal Douc) nähert sich zögerlich Suzanne. Mutter und Tochter kämpfen unentschlossen an mehreren Fronten. Joseph zieht es in die Ferne, die Mutter stirbt und Suzanne bleibt frustriert allein zurück.
    Die sozialen Unruhen im Lande – bei der Duras viel stärker betont – stehen hier etwas aus dem Zusammenhang gerissen wie Salzsäulen im literarischen Raum, in dem das Süßwasser sich mit dem Wasser des Meeres mischt, wenn der Damm bricht. Ganz unverständlich hat man titelmäßig ‘Heiße Küste‘ daraus gemacht. Das mit dem Damm hat die Duras deutlicher betont. Sein Bruch – so der Titel des Originals wird hier nur mal kurz am Rande erwähnt. Ansonsten schlägt sich die verarmte dreiköpfige Familie etwas planlos durchs Leben, bevor sie sich auflöst.

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