Kritik

Eva

„Eva“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Eigentlich kümmert sich Bertrand (Gaspard Ulliel) um einen Schriftsteller, der inzwischen recht gebrechlich geworden ist. Toll ist der Job nicht, aber er hat sich damit arrangiert – zumal er den älteren Herren immer mal wieder um dessen Besitz erleichtert. Als der eines Tages plötzlich stirbt, zögert Bertrand auch nicht lange und schnappt sich dessen Manuskript, das er kurz zuvor geschrieben, aber noch niemandem gezeigt hat, und veröffentlicht es unter seinem eigenen Namen. Er feiert mit dem Theaterstück tatsächlich große Erfolge. Nur das mit dem Folgewerk gestaltet sich für den bislang völlig erfahrungslosen Pseudoautor schwierig. Während der noch nach einem Weg sucht, tatsächlich selbst etwas zu Papier zu bringen, begegnet er der Edelprostituierten Eva (Isabelle Huppert), von der er so fasziniert ist, dass er sie zur Protagonistin seines Werks machen will …

Wer hat nicht schon mal davon geträumt, einen eigenen Roman zu schreiben, etwas Wichtiges zu sagen und dafür Anerkennung zu bekommen? Doch so schön dieser Traum ist, so wenig realistisch ist er auch. Selbst Leute mit unbestreitbarem Talent haben es nicht leicht, sich auf diesem umkämpften Markt zu etablieren. Was sollen dann erst die Leute machen, die kein Talent haben? Antwort: Sie schreiben ab. Einige Filme haben bereits dieses Motiv des ambitionierten, jedoch wenig inspirierten Schreiberlings genommen, die sich frei an dem Leben des Umfelds bedienen und dessen Kopie als Literatur verkaufen wollen. Sibyl – Therapie zwecklos machte aus dem Stoff eine Tragikomödie, El Autor setzte auf eine Mischung aus schwarzem Humor und Spannung.

Alles da für einen Thriller
Eva wiederum ist irgendwo zwischen Drama und Thriller angesiedelt, theoretisch zumindest. Wenn Bertrand zu Beginn das Manuskript stiehlt, dann weckt das die Erwartung, dass der Film maßgeblich diese geborgte Identität eines Autors zum Thema machen wird. Wie lange kann der junge Mann die Täuschung aufrecht erhalten? Wird er irgendwann überführt? Durch die Titelfigur wiederum kommt eine mysteriöse Femme Fatale ins Spiel, ein ebenfalls maßgebliches Element des Genrekinos. Eigentlich ist also alles da, um einen spannenden Film zu drehen, umso mehr da auch noch Settings wie ein abgelegenes Chalet zum Einsatz kommen, das wie gemacht ist für düstere Geheimnisse und Abgründe.

Das größte Geheimnis ist jedoch: Was genau wollte Regisseur Benoît Jacquot mit Eva eigentlich erreichen? Dass Bertrand kein eigenes Talent hat, außer dem, andere mit seinem guten Aussehen zu blenden, das wird schnell klar. Geradezu peinlich ist, wie er Dialoge aus dem wahren Leben eins zu eins kopiert, was ihm irgendwann auch von seiner Freundin Caroline (Julia Roy) leichten Spott einbringt. Doch der Film bleibt an der Stelle stehen. Bertrand versucht anderthalb Stunden lang, eine wirkliche Person zu werden, scheitert aber daran, entwickelt keine wirkliche Charaktereigenschaft, keine Perspektive. Das wäre eigentlich Stoff für ein interessantes Drama, wenn ein innerlich leerer Mensch darum kämpft, doch jemand zu sein. Nur interessiert sich hier keiner dafür.

Und wo bleibt die Spannung?
Es entsteht aber auch keine wirkliche Spannung. Erst sehr spät eskaliert die Situation und zeigt auf, dass die wachsende Besessenheit Bertrands Grund zur Sorge wäre. Dass darin eine Gefahr besteht. Aber selbst dann wird das Thema nicht wirklich genutzt, ist vorbei, noch bevor es angefangen hat. Hinzu kommt, dass nie wirklich schlüssig wird, warum genau Bertrand überhaupt so von Eva besessen ist. Interpretieren kann man an der Stelle sehr viel, von der Gemeinsamkeit zweier Menschen, die sich verkauften, bis zu der Sehnsucht, die Fassade aufzubrechen. Aber es ist mühselig, wird zu keiner Zeit von Eva belohnt. Auch der große Altersunterschied zwischen den beiden – Huppert spielte ein Jahrzehnt zuvor in Heiße Küste schließlich die Mutter Ulliels – wird nie genutzt, um wenigsten daraus etwas zu machen.

Eine Katastrophe ist das Werk, das 2018 auf der Berlinale Weltpremiere hatte, damit nicht. Da wären zum einen die schönen Bilder und die edle Atmosphäre. Außerdem ist Isabelle Huppert (Eine Frau mit berauschenden Talenten, Elle) natürlich eine Idealbesetzung für eine Figur, die rätselhaft und unterkühlt ist, attraktiv und doch distanziert. Man kann sich allein deshalb schon irgendwie die Zeit mit Eva vertreiben. Am Ende ist die Adaption eines Romans von James Hadley Chase aber eine ziemliche Enttäuschung, weil hier so viel vorbereitet wird, das die Bühne eines erstklassigen Psychothrillers zu werden verspricht – der am Ende aber irgendwie nie zustande kommt.

Credits

OT: „Eva“
Land: Frankreich
Jahr: 2018
Regie: Benoît Jacquot
Drehbuch: Benoît Jacquot, Gilles Taurand
Vorlage: James Hadley Chase
Musik: Bruno Coulais
Kamera: Julien Hirsch
Besetzung: Gaspard Ulliel, Isabelle Huppert, Richard Berry, Julia Roy, Marc Barbé

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2018

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Eva
Ein junger Mann gibt sich als erfolgreicher Autor aus und erliegt in seiner Suche nach Inspiration einer älteren Edelprostituierten: „Eva“ bringt von dem Szenario über das Setting bis zur erstklassigen Besetzung eigentlich alles mit für einen spannenden Psychothriller. Am Ende holt der Film aber kaum was heraus, auch der tragische Aspekt eines Niemands, der ein Jemand sein wird, kommt nicht zum Tragen.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort