Kritik

„Gagarine“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Der 16-jährige Youri (Alséni Bathily) hat sein ganzes Leben in der Cité Gagarine verbracht, eine Sozialbausiedlung aus den 1960ern im Randbezirk von Paris. Doch damit soll bald Schluss sein, der Abriss ist bereits beschlossene Sache. Für Youri, der sich immer für den Erhalt eingesetzt hat, kommt diese Nachricht schockierend. Während die anderen sich damit abgefunden haben, dass sie sich ein neues Zuhause suchen müssen, träumen er, sein Freund Houssam (Jamil McCraven) und Nachbarin Diana (Lyna Khoudri) davon, das Gebäude doch noch irgendwie zu retten. Und so beginnt Youri, der von Klein auf Astronaut werden wollt, die leerstehende Anlage langsam in eine Raumstation umzuwandeln …

Größer könnte der Unterschied kaum sein. Der Film beginnt mit realen Archivaufnahmen, die Juri Alexejewitsch Gagarin zeigen, den ersten Menschen im Weltraum, wie er dem Hochhauskomplex einen Besuch abstattet, das nach ihm benannt wurde. Es sind Bilder voller Hoffnung, voller Freude und Träume. Wenn Menschen jetzt schon das Weltall erkunden können, wird es bald keine Grenzen mehr geben! Viele Jahrzehnte später, wenn die eigentliche Geschichte von Gagarine beginnt, ist von dieser Aufbruchsstimmung nicht mehr viel übrig. Das Gebäude ist zerfallen, nicht mehr bewohnbar und soll nun abgerissen werden – ein mehr als symbolischer Vorgang, der für viele Menschen den Verlust von Heimat und Identität bedeutet.

Ein persönliches Drama um Jugendliche
Der Verdacht liegt bei einem solchen Szenario nahe, dass es sich um einen weiteren Film handelt, der das allgegenwärtige Thema Gentrifizierung behandelt – eine Entwicklung, in der die Stadtkerne nur noch von Vermögenden und Geschäften geprägt sind, während die ärmere Bevölkerung an den Stadtrand geschafft wird. Gagarine ist jedoch anders. Zum einen befand sich die Cité Gagarine ohnehin schon am Stadtrand, wo es die kommunistische Partei Anfang der 60er hatte bauen lassen. Außerdem hält sich das Drama komplett aus gesellschaftlichen und politischen Diskussionen raus. Stattdessen stehen hier eine Gruppe junger Menschen im Mittelpunkt, die entweder dort gewohnt haben oder mit der Siedlung zu tun hatten.

Tatsächlich sind Erwachsene einen Großteil des Films unsichtbar, lassen sich nur zu Beginn und zum Schluss blicken. Die restliche Zeit geht es um Youri, der nicht bereit ist, sein Zuhause kampflos aufzugeben. Das Regieduo Fanny Liatard und Jérémy Trouilh hatte dieses Thema schon einmal behandelt, in einem gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahr 2015. Gagarine weitet die Geschichte nun auf Spielfilmlänge aus. Wobei Geschichte das Ganze nur zum Teil trifft. Vielmehr ist das Drama, welches bei den Filmfestspielen von Cannes 2020 Premiere gehabt hätte, das Porträt mehrerer Jugendlicher, die ihren Weg durch eine sich verändernde Welt suchen und in der Gemeinschaft ihren halt finden.

Zauber zwischen Alltag und Aufbruch
Die Coming-of-Age-Elemente sind dabei jedoch vergleichsweise zurückhaltend. Anstatt sich mit dem auseinanderzusetzen, was direkt vor ihm geschieht, flüchtet sich Youri in seinen Traum, einmal selbst Astronaut zu werden und sein Zuhause zu einem Raumschiff umzubauen. Die Erkenntnisgewinne, die ein Jugendfilm normalerweise mit sich bringt, fehlen auf diese Weise natürlich. Stattdessen hat Gagarine selbst eine traumartige Atmosphäre, hält dabei die Balance zwischen poetisch und skurril. Wenn sich der Jugendliche seine eigene kleine Welt baut, dann erscheint das nicht nur den anderen etwas eigenartig, die irgendwann davon mitbekommen. Dem Publikum geht es da ganz ähnlich – und ist bald selbst von diesem wundersamen Ort verzaubert, der sich der Realität entzieht.

Dass man sich sehr schnell in all dem verlieren kann, liegt aber auch an der audiovisuellen Gestaltung. Begleitet von sphärischen Klängen lassen einen die wunderbaren Bilder, irgendwo zwischen Alltag und Ausbruch, selbst davon träumen, einmal alles hinter sich zu lassen. Gagarine weckt die Illusion, dass die Sterne tatsächlich ganz nahe sind, lässt uns für einen Moment wieder diese Aufbruchstimmung fühlen, für die es heute keinen Platz mehr gibt. Das geht zu Herzen, auch weil die dargestellten Jugendlichen gleichzeitig ungewöhnlich und doch Identifikationsfiguren sind. Hier heißt es sich zurücklehnen, staunen und am Ende ein klein wenig glücklicher sein.

Credits

OT: „Gagarine“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Fanny Liatard, Jérémy Trouilh
Drehbuch: Fanny Liatard, Jérémy Trouilh, Benjamin Charbit
Kamera: Victor Seguin
Besetzung: Alséni Bathily, Lyna Khoudri, Jamil McCraven, Finnegan Oldfield, Farida Rahouadj, Denis Lavant

Bilder

Trailer

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Gagarine
„Gagarine“ nimmt uns mit in eine französische Sozialbausiedlung, die abgerissen werden soll. Das Drama hält sich jedoch mit gesellschaftlichen und politischen Kommentaren zurück, sondern konzentriert sich ganz auf die Jugendlichen, die dort leben. Das Ergebnis ist ein Film zwischen Alltag und Ausbruch, der einen mit wunderschönen Bildern wieder träumen und die Sterne ganz nah erscheinen lässt.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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