Revenge

„Revenge“ // Deutschland-Start: 23. August 2018 (DVD/Blu-ray)

Ein bisschen Spaß haben, sich amüsieren. Mehr hatte Richard (Kevin Janssens) ja gar nicht vor, als er sich mit der schönen Jen (Matilda Lutz) in die Villa in der Wüste zurückzog. Als aber auch Richards Freunde Stan (Vincent Colombe) und Dimitri (Guillaume Bouchède) dort auftauchen, einen Tag früher als geplant, ist der Spaß schnell vorbei. Denn auch die haben Gefallen an Jen gefunden. Und so kommt das eine zum anderen, nach einer feuchtfröhlichen Party wird Jen vergewaltigt und soll im Anschluss im nahegelegenen Canyon entsorgt werden. Doch die drei haben sich dabei kräftig verkalkuliert, denn das vermeintlich harmlose Opfer stellt sich als sehr viel zäher heraus – und sinnt nun auf Rache.

Wenn Frauen in Filmen vergewaltigt werden und sich im Anschluss an ihren Peinigern rächen – das gute alte Rape-and-Revenge-Subgenre –, dann handelt es sich meistens um nur wenig verhüllte Männerfantasien. In mehrfacher Hinsicht. Knapp bekleidete Schönheiten, riesige Wummen, dazu ein reichliches Vergießen von Blut und Munition, mehr braucht das überwiegend männliche Publikum nicht, um seinen Spaß zu haben. Mehr bekommt es meistens auch nicht.

Altbekanntes mit einem Twist
Zunächst wirkt Revenge so, als wäre auch hier nicht mehr zu erwarten. Sicher, hier ist es am Anfang ausnahmsweise ein gut aussehendes und wohl proportioniertes Exemplar Mann, das an die Wäsche der holden Maid darf. Sobald es aber an die Vergewaltigung geht, wird doch wieder der etwas unappetitlicheren Variante der Vorrang gelassen. Also einem Mann, der auch wirklich nur mit Gewalt das bekommt, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Wenn sich Jen diesem zu entziehen versucht, dann ist das ebenso wenig überraschend wie die gewaltsamen Reaktionen, die der Vorfall provoziert.

Und doch ist der Thriller, der 2017 auf dem Toronto International Filmfestival debütierte, ein wenig anders als die Kollegen. Der auffälligste und am häufigsten genannte Unterschied: Revenge stammt von einer Frau. Genauer ist es die Französin Coralie Fargeat, die hier als Regisseurin und Drehbuchautorin ihren Spielfilmeinstand feiert. Als feministische Variante des Rape-and-Revenge-Thrillers wurde der Film daher gefeiert, vergleichbar zu dem Western Marlina – Die Mörderin in vier Akten der indonesischen Kollegin Mouly Surya. Denn wenn eine Frau so etwas dreht, dann hat das automatisch eine andere Bedeutung.

Fleischbeschau auf beiden Seiten
Aber auch das Publikum, das von dieser Besonderheit nichts weiß oder dem das vielleicht egal ist, dürfte merken, dass hier einiges anders ist. Zum einen ist an Jen sehr viel mehr dran als ein hübscher Hintern, den sie in knappe Kleidung pressen darf. Zum anderen scheut Fargeat nicht davor zurück, die Männer in dem Film ebenfalls zu einem Objekt zu degradieren. Gerade Richard darf seinen muskulösen Körper demonstrieren, lange demonstrieren, unter gleichermaßen voyeuristischen wie absurden Bedingungen.

Aber absurd ist ja so manches hier. Angefangen von dem vermeintlich tödlichen Vorfall, den Jen auf unerklärliche Weise überlebt, bis hin zum grandiosen Finale, der wirklich so gar keinen Sinn mehr ergeben will – man ist sich nie so ganz sicher, ob Revenge sich gerade über das Publikum oder alte Genreklischees lustig machen will. Wenn nicht gar beides. Der Beitrag der Fantasy Filmfest Nights 2018 ist aber auch aus anderen Gründen ein echter Hinkucker: Fargeat zeigt in ihrem Debüt ein Stilbewusstsein, das ein Großteil der Konkurrenz erblassen lässt – ganz unabhängig vom Geschlecht. Ob es die kontrastreichen Bilder sind oder der stimmungsvolle Synthiescore, der Thriller ist auch audiovisuell ein Guilty Pleasure, das zwar nicht das Genre revolutioniert, dafür aber jede Menge Spaß macht.

Revenge
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Revenge
Eine Frau wird vergewaltigt und macht sich im Anschluss auf die Jagd nach ihren Peiniger: Das klingt nach klassischem Rape-and-Revenge. Der Thriller bricht aber gleich mehrfach mit den Erwartungen, gefällt zudem sowohl durch seinen Hang zum Absurden sowie ein fantastisches Stilbewusstsein.
7von 10

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