In der auf einem Roman basierenden Krimikomödie Eine Frau mit berauschenden Talenten (Kinostart: 8. Oktober 2020) von Jean-Paul Salomé spielt Isabelle Huppert eine Übersetzerin der Polizei, die bei ihrer Arbeit viel Kreativität zeigt, indem sie nebenbei als Drogenhändlerin arbeitet – ohne dass die Kollegen es mitbekommen. Wir haben uns mit dem französischen Regisseur über sein erstes Werk seit vielen Jahren unterhalten, wollten aber auch wissen, wie es in einer globalisierten Welt um das nationale Kino steht.

In den letzten Jahren haben Sie überwiegend im Filmgeschäft gearbeitet, beispielsweise als Präsident von UniFrance. Was hat Sie dazu veranlasst, für Eine Frau mit berauschenden Talenten wieder hinter die Kamera zu wechseln?
Mein eigentliches Metier ist ja das des Filmemachers. Als Präsident von UniFrance das französische Kino weltweit zu promoten, war zwar ein schöner Zweitjob und fast so etwas wie Ferien, aber ich habe doch festgestellt, dass ich nicht beides gleichzeitig sein kann. Und obwohl mit diese Mission so viel Freude bereitet hat, musste ich sie dann doch aufgeben, um mich wieder den Filmen widmen zu können. Ein Jahr später habe ich schließlich mit den Dreharbeiten zu Eine Frau mit berauschenden Talenten begonnen.

Warum haben Sie sich für Ihren ersten Film den Roman Die Alte von Hannelore Cayre ausgesucht? Was hat Sie daran gereizt?
Mir hat die Mischung der verschiedenen Genres gefallen, zwischen Krimi, Komödie und Sozialem. Ich mochte aber auch die starke Frau, die hier im Mittelpunkt steht und bei der ich sofort an Isabelle Huppert gedacht habe. Diese Verbindung der verschiedenen Stimmungen, dazu noch eine Schauspielerin wie Huppert – das war etwas, das ich selbst gern als Zuschauer sehen würde.

Was waren die Herausforderungen dabei, den Roman zu adaptieren?
Die Geschichte selbst war relativ leicht zu adaptieren, da sie bereits gut geschrieben und aufgebaut war. Wenn es eine Herausforderung gab, dann war es, der Vielschichtigkeit und den vielen Facetten der Hauptfigur gerecht zu werden, wie sie im Buch angelegt waren. Bei einem Buch ist das schon leichter, weil du da auch einmal in die erste Person wechseln kannst. Da mussten wir andere Mittel finden, um das ausdrücken zu können. Eine weitere Schwierigkeit war die Figur der marokkanischen Krankenschwester. Im Buch stirbt sie, und das sogar ziemlich schnell. Im Film war das absolut unmöglich, weswegen wir an der Stelle die Geschichte umgeschrieben haben. Das war ganz amüsant, weil ich das Drehbuch ja mit Cayre geschrieben habe, der Autorin des Romans. Sie war es, die mich immer wieder dazu ermuntert hat, Sachen zu ändern, während ich versucht habe, möglichst nahe am Original zu bleiben.

War die Autorin auch beim Filmdreh selbst involviert oder war sie da komplett draußen?
Sie hat sich da komplett rausgehalten. Sie kam zwar einmal zum Dreh vorbei, doch das war ein rein freundschaftlicher Besuch. Nachdem wir beide mit dem Drehbuch fertig waren, hat sie mich meine Arbeit als Filmemacher machen lassen. Natürlich war ich trotzdem etwas nervös, als ich ihr den fertigen Film gezeigt habe, weil ich nicht wusste, ob er ihr so gefallen würde. Sie war aber sehr berührt, weil für sie alles drin was, was ihren Roman ausgemacht hat, aber noch mehr Emotionalität reingekommen ist. Die Komödie, das Anarchistische und Ironische, das gab es in dem Buch. Durch die Darstellung von Isabelle Huppert kamen aber mehr Gefühle hinzu.

Eine Frau mit berauschenden Talenten La Daronne Isabelle Huppert

In „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ spielt Isabelle Huppert eine Polizei-Dolmetscherin, die heimlich Drogen verkauft (© Neue Visionen Filmverleih).

In dem Film geht es viel um Sprachen, wenn im Mittelpunkt eine Übersetzerin spricht. Es gibt auch viele Szenen, die nicht auf Französisch sind, sondern Arabisch oder Chinesisch. Wie schwierig ist es als Regisseur, eine Szene zu drehen, wenn man die Sprache nicht spricht?
Das mag seltsam erscheinen, aber dabei geht es viel um Musik und Rhythmus. Das Drehbuch selbst war ja komplett auf Französisch und wurde erst später in die anderen Sprachen übersetzt. Deswegen wusste ich schon genau, was sie da sagen, und musste nur darauf achten, ob der Rhythmus passt. Und das spürst du schon irgendwie als Filmemacher, selbst wenn du die Sprache nicht sprichst. Ich habe auch schon auf Englisch gedreht, eine Sprache, die ich zwar irgendwie beherrsche, aber nicht perfekt. Und das ging. Du entwickelst mit der Zeit ein Gespür dafür, ob gerade etwas funktioniert oder nicht.

Ein Film ist selbst so etwas wie eine Sprache, der sich nicht nur aus Worten zusammensetzt, sondern auch aus Bildern, aus Musik, aus den auftretenden Menschen. Eine Sprache, die im Ausland nicht immer verstanden wird. Wie französisch ist Ihr Film, wie universell ist er?
Eine Frau mit berauschenden Talenten ist allein deshalb schon ein französischer Film, weil im Mittelpunkt eine Frau steht, die ein gewisses Alter erreicht hat. In einem US-amerikanischen Film hätte man daraus eine junge Frau um die dreißig gemacht. Jemanden zu zeigen, der jenseits der 50 ist, das hat schon etwas Französisches oder auch Europäisches. Universell ist aber, dass wir doch alle im Leben irgendwann den Wunsch haben, etwas anderes zu machen, etwas Neues auszuprobieren. Wir haben nur nicht unbedingt den Mut dazu. Diese Frau macht es einfach.

Als Präsident von UniFrance war es Ihre Aufgabe, Filme im Ausland zu verkaufen. Inwiefern hat dies auch Ihre Arbeit als Filmemacher beeinflusst? Haben Sie beim Drehen beispielsweise darüber nachgedacht, wie etwas bei einem internationalen Publikum ankommt?
Wenn ich mich für ein Thema entscheide, denke ich schon darüber nach, ob das etwas ist, das man auch außerhalb Frankreichs zeigen kann. Ich könnte mir nicht vorstellen, ein Thema zu verfilmen, das rein französisch ist. Aber sobald ich anfange zu drehen, stelle ich mir diese Frage nicht mehr. Ich denke bei Szenen nicht darüber nach, ob sie jetzt ein Nicht-Franzose verstehen würde.

Gibt es in einer globalisierten Welt mit internationalen Coproduktionen überhaupt noch rein nationale Filme?
Ich denke schon, dass es ein nationales Kino gibt und dass es auch wichtig ist, seine eigene Besonderheit zu bewahren, weil man ansonsten schnell bei diesen Europuddings landet, die total uninteressant sind. Ein französischer Film soll schon eine französische Realität abbilden, ein deutscher Film die deutsche Realität. Dass man den Film bei der Finanzierung nach außen hin öffnet, das ist schon wichtig, etwa für europäische Gelder. Das sollte aber nicht dazu führen, dass man alles verwässert bei dem Versuch, ein globales Produkt zu erstellen, das es sowieso nicht gibt. Insofern ja zu einer internationalen Finanzierung, auch weil dadurch ermöglicht wird, dass die Filme reisen können und außerhalb ihrer Landesgrenzen gezeigt werden. Das tun sie oft noch nicht wirklich, aber das ist ein ganz anderes Problem.

Was müsste man denn tun, damit sie mehr reisen können?
Zunächst müssten die US-amerikanischen Filme mehr Platz lassen. Es müsste auch die Neugierde des Publikums auf das Kino der anderen wieder geweckt werden. Unmöglich ist das nicht, aber auch nicht leicht.

Welche Projekte stehen als nächstes an?
Ich arbeite an verschiedenen Projekten. Eines dieser Projekte soll auch wieder mit Isabelle Huppert sein.

Zur Person
Jean-Paul Salomé wurde am 14. September 1960 in Paris, Frankreich geboren. Er studierte Filmwissenschaft an der Sorbonne, bis er sein Studium abbrach, um 1981 an Claude Lelouchs Film Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen als Aushilfe mitzuarbeiten. Nach einigen Dokumentationen erfolgte 1991 Salomés erste fiktionale Regiearbeit für den Fernsehfilm Crimes et Jardins, für den er auch das Drehbuch schrieb. Sein Kinodebüt feierte er drei Jahre später mit der französischen Komödie Rache ist weiblich. 2007 wurde er zum Präsident der französischen Autoren-, Regisseur- und Produzentengilde (ARP) gewählt. Dieses Amt behielt mit einer zweijährigen Unterbrechung bis 2012. Danach ernannte man ihn zum Präsident von UniFrance, der Auslandsvertretung der französischen Filmbranche, wo er von 2013 bis 2017 tätig war.



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Jean-Paul Salomé [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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