Kritik

Edison Ein Leben voller Licht The Current War

„Edison – Ein Leben voller Licht“ // Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (Kino)

1880 verfolgt der Erfinder Thomas Edison (Benedict Cumberbatch) einen Traum: Er will die komplette USA zum Leuchten bringen! Der Anfang ist bereits getan, er hat ein Erfahren entwickelt, um mittels Elektrizität eine Glühbirne zu versorgen. Doch das Verfahren ist teuer, auch die Reichweite ist begrenzt. Das wiederum eröffnet neue Möglichkeiten für den Geschäftsmann George Westinghouse (Michael Shannon), der im Gegensatz zu Edisons Gleichstrom-Methode auf Wechselstrom setzt. Zwischen beiden entflammt eine große Schlacht darum, wer die Städte Amerikas erleuchten darf. Eine Schlacht, die viele Opfer fordert – auch solche, die keiner von ihnen auf dem Plan hatte …

Ein bisschen leid kann einem Alfonso Gomez-Rejon (Ich und Earl und das Mädchen) ja schon tun. Erst wurde er dazu gezwungen, seinen Film Edison – Ein Leben voller Licht auf Biegen und Brechen fertig zu kriegen, um rechtzeitig zum Toronto International Film Festival 2017 fertig zu sein und damit Schwung für die Award Season zu sammeln. Doch dann fielen die Reaktionen bescheiden aus, nach dem Weinstein-Skandal wurde der Film verkauft und eingemottet. Immerhin erhielt Gomez-Rejon, der selbst nicht glücklich war mit der vorzeitig aufgeführten Fassung, auf diese Weise jedoch die Möglichkeit, noch einmal Hand anzulegen. So drehte er neue Szenen, um ein paar Figuren auszutauschen, kürzte an anderen Stellen, auch der Soundtrack wurde für den Director’s Cut neu komponiert.

So viele Jahre, so wenig Zeit
Ob das alles was gebracht hat, wird sich zeigen. Die neue Fassung, die jetzt auch zu uns ins Kino kommt, hat größtenteils bessere Kritiken erhalten als die Urversion. Tatsächliche Begeisterung kann der Film jedoch nach wie vor nicht entfachen. Der größte Kritikpunkt vorweg: Edison – Ein Leben voller Licht ist an vielen Stellen recht langweilig. Dabei gibt es an und für sich jede Menge Geschichte, die hier aufgearbeitet wird. Über 13 Jahre ziehen sich die Ereignisse hinweg, es werden diverse bis heute relevante Themen angeschnitten. Das ist jedoch Teil des Problems. Wenn so viel zusammenkommt, muss zwangsläufig konzentriert werden, was zu Lasten des Inhalts geht – es bleibt schlicht nicht die Zeit, um alles auszuarbeiten.

Darunter leiden gerade die Nebenfiguren wie Edisons Frau Mary Stilwell (Tuppence Middleton), der Erfinder Nikola Tesla (Nicholas Hoult) und der spätere Geschäftsmann Samuel Insull (Tom Holland), die alle integriert, aber größtenteils missachtet werden. Obwohl Gomez-Rejon hier ein absurd prominentes Ensemble zur Verfügung steht, erhalten die Schauspieler und Schauspielerinnen nur wenig Gelegenheit zu glänzen. Selbst Westinghouse, der als Gegenspieler von Edison eingeführt wird, bleibt eher schemenhaft. Ein kurzzeitiger Versuch, ihm mehr Hintergrund zu verleihen, scheitert, das schauspielerische Schwergewicht Michael Shannon bekommt einfach nicht genug zu tun und wird zu sehr darauf reduziert, ein bisschen grimmig dreinzuschauen.

Ein Genie ohne Skrupel
Im Mittelpunkt steht dann doch Edison, weshalb der Originaltitel The Current War, der sich auf den Kampf zwischen Gleich- und Wechselstrom bezieht, hierzulande in Edison – Ein Leben voller Licht umbenannt wurde. Das entspricht tatsächlich mehr dem Fokus, verschleiert dadurch jedoch, dass der Erfinder alles andere als eine Lichtgestalt ist. Tatsächlich ist der interessanteste Aspekt des Films, wie moralisch verkommen er war. Cumberbatch, dank Sherlock die naheliegendste Besetzung für soziopathische Genies, ist dann auch eines der Argumente, weshalb man sich das hier anschauen könnte. Das andere sind Edisons Schmutzkampagnen, die erstaunlich aktuell sind, sowie der Einblick in die Geschichte des elektrischen Stuhls, die maßgeblich auf Edison zurückgeht – und damit das Genie in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt.

Während diese Abkehr von einer reinen Heldenverehrung im Umfeld historischer Biopics ungewöhnlich ist, begnügt sich Edison – Ein Leben voller Licht ansonsten mit den Standards. Die Ausstattung ist gut, die Bilder schön, der Soundtrack dramatisch, wo er es sein soll. Aber es ist eben auch irgendwo leblos, von den diversen Ausfällen Edisons einmal abgesehen gleicht das Drama mehr dem Abhaken einer Liste als einer wirklichen Geschichte. Wer diese Art Filme mag, der bekommt hier zumindest eine Einführung in ein an und für sich bedeutsames Thema, die jedoch unter ihren Möglichkeiten bleibt.

Credits

OT: „The Current War“
Land: USA
Jahr: 2017
Regie: Alfonso Gomez-Rejon
Drehbuch: Michael Mitnick
Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans
Kamera: Chung-hoon Chung
Besetzung: Benedict Cumberbatch, Michael Shannon, Nicholas Hoult, Katherine Waterston, Tom Holland, Tuppence Middleton

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Edison – Ein Leben voller Licht
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Edison – Ein Leben voller Licht
„Edison – Ein Leben voller Licht“ nimmt uns mit ins späte 19. Jahrhundert, wo zwei Männer mit konkurrierenden Methoden darum kämpfen, wer die USA mit Elektrizität versorgt. Der Film ist hochkarätig besetzt, gut ausgestattet und hat einige interessante Sachen zu erzählen, ist aber doch auch irgendwie langweilig – nicht zuletzt weil vieles hier nur angeschnitten werden kann, die meisten Figuren zudem blass bleiben.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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