Kritik

Coma

„Coma“ // Deutschland-Start: 6. Februar 2020 (Kino) // 3. April 2020 (DVD/Blu-ray)

Als Viktor (Aleksey Serebryakov) nach einem Unfall zu sich kommt, ist alles ganz anders. Der Ort, an dem er sich befindet, ist gleichzeitig bekannt und doch fremd, alles um ihn herum scheint brüchig, jederzeit im Stande, sich aufzulösen. Während er durch die Gegend stolpert, trifft er auf eine Gruppe von Menschen, die wie er in dieser bizarren Welt gefangen sind. Durch sie erfährt er, dass sie alle eigentlich im Koma liegen und der Ort sich aus Erinnerungen zusammensetzt, die jeder mit sich bringt. Doch für Erklärungen ist keine Zeit, denn außer ihnen sind noch ganz andere Wesen hier, die es auf ihr aller Leben abgesehen haben …

Die Zukunft aus dem Osten
In den letzten Jahren sind erstaunlich viele Filme aus Russland nach Deutschland gekommen, die aus dem Genreumfeld kommen und zeigen, dass in dem riesigen Reich mehr als schwere Dramen produziert werden. Ob nun Horror (Quiet Comes the Dawn) oder Fantasy (Weltengänger), die Auswahl an Beispielen wird immer größer. Neuester Zugang in diesem Bereich ist Coma, dieses Mal ein Vertreter aus dem Science-Fiction-Genre. Besucher des Fantasy Filmfests durften letztes Jahr schon einen frühen Blick auf den Film werfen. Jetzt liegt er komplett vor, die zum Teil noch sehr fragmentarischen Bilder der Work-in-Progress-Versionen sind nun vollständig.

Wobei, ganz vollständig sind sie nicht. Sollen sie auch gar nicht sein. Vielmehr ist der interessante visuelle Einfall hinter Coma, dass sich die Welt aus dem zusammensetzt, was in unserer Erinnerung vergraben ist. Das wiederum ist nur bruchstückhaft, kann nur bruchstückhaft sein. Vielleicht erinnern wir uns an die Eingangstür eines Hauses. Aber wie sahen noch einmal die Fenster aus? Und welche Gebäude waren eigentlich in der Seitenstraße, an der wir immer vorbeilaufen? Während Viktor und die anderen durch diese erinnerte Welt laufen, sehen sie deshalb oft nur Teile der Umgebung oder auch der Menschen, eben der Teil, der übrig geblieben ist.

Alles irgendwie anders und schräg
Das erinnert an die volatilen Traumwelten von Paprika und Inception, hat ebenfalls eine surreale Note. Ein Trick: Die verschiedenen Bestandteile sind in keiner logischen Weise miteinander verknüpft, da können Straßen schon mal im Neunzig-Grad-Winkel zueinanderstehen, fremde Gegenden aus dem Nichts kommen. Dass solche Bilderwelten nur am Computer entstehen können, versteht sich von selbst. Zu jeder Zeit sieht man diesen Konstruktionen ihre Künstlichkeit an, Coma gleicht an vielen Stellen eher einem Computerspiel als einem Kinofilm. Ein wirkliches Manko ist das in diesem Fall aber nicht, Authentizität konnte man da einfach nicht erwarten. Tatsächlich ist der Look sogar ausgesprochen reizvoll und der eigentliche Höhepunkt des Films.

Inhaltlich ist Coma hingegen weniger erwähnenswert. Der Einstieg ist ausgesprochen rasant, macht auch aufgrund der fehlenden Erklärungen neugierig auf das, was noch folgen wird. Ist jedoch erst einmal die Welt etabliert und geht die Handlung zum actionreicheren Teil über, geht dieses Besondere wieder etwas verloren. Zum einen wird das Setting hier nicht wirklich genutzt. Zum anderen sind die Figuren durch die Bank weg uninteressant, ihre Persönlichkeiten wurden zugunsten von Spezialfähigkeiten geopfert – da hätte man durchaus mehr rausholen können. Aber auch wenn die Geschichte etwas enttäuschend ist, die Auflösung sogar ein wenig absurd, so ist Coma doch einer der sehenswerteren Science-Fiction-Filme der letzten Zeit. Der Titel macht auch ein wenig neugierig auf weitere Genretitel aus Russland.

Credits

OT: „Coma“
Land: Russland
Jahr: 2020
Regie: Nikita Argunov
Drehbuch: Nikita Argunov, Timofei Dekin, Aleksey Gravitskiy
Musik: Ilya Andrus
Kamera: Sergey Dyshuk
Besetzung: Aleksey Serebryakov, Lyubov Aksyonova, Milos Bikovic, Rinal Mukhametov, Anton Pampushnyy, Vilen Babichev, Albert Kobrovsky

Bilder

Trailer

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Coma
3.82 (76.36%) 11 Artikel bewerten

Coma
„Coma“ nimmt uns mit in eine Welt, die aus den Erinnerungsbruchstücken von Koma-Patienten besteht. Das ist visuell überaus reizvoll, auch das Konzept als solches ist interessant. Inhaltlich wird jedoch nicht genug daraus gemacht, sowohl bei den Figuren wie auch der Geschichte wäre mehr möglich gewesen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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