Kritik

First Love

„First Love“ // Deutschland-Start: 5. Mai 2020 (DVD/Blu-ray)

Leo (Masataka Kubota) hat momentan so gar kein Glück im Leben. Erst wird der aufstrebende Boxer, der tagsüber in einem chinesischen Imbiss jobbt, in einem Kampf direkt ausgeknockt. Und dann muss er erfahren, dass er einen Gehirntumor hat, bei dem wohl nicht mehr viel zu machen ist. Als wäre das nicht alles schon kompliziert genug, rettet er kurze Zeit später die drogenabhängige Yuri (Sakurako Konishi), indem er ihren Verfolger niederschlägt. Dabei ahnt er jedoch nicht, dass es sich bei dem um den korrupten Polizisten Ōtomo (Nao Omori) handelt, der gemeinsam mit dem Yakuza Kase (Shota Sometani) ein großes Drogengeschäft plant – bei dem bald noch viel mehr Leute mitmischen …

Ein bisschen stutzig durfte man bei dem Titel ja schon sein. First Love? Hat Takashi Miike da tatsächlich einen Liebesfilm gedreht? Sicher, im Gesamtwerk des Regisseurs finden sich eine ganze Reihe von Genres. Das bleibt auch nicht wirklich aus, wenn man mit Ende fünfzig schon über 100 Filme gedreht hat. Immer nur dasselbe zu machen, wäre bei dieser Schlagzahl schließlich etwas langweilig. Dennoch, Romanzen sind nun wirklich nicht das, was man mit dem Namen verbindet. Und das wird wohl auch erst einmal so bleiben, denn von einer solchen ist das mittlerweile 103. Werk des Japaners weit entfernt. Wenn hier Gefühle geweckt werden, dann sind die eher anderer Natur.

Da hat schon wieder jemand den Kopf verloren
Man muss sich dafür jedoch ein paar Minuten gedulden. Anfangs wirkt First Love wie ein Sportdrama, wenn von dem jungen Boxer erzählt wird, dessen Karriere – und sein Leben – schon vorbei sein soll, noch bevor es richtig angefangen hat. Das ist ausgesprochen traurig, zumal Hauptdarsteller Masataka Kubota (Tokyo Ghoul) schon unter normalen Umständen mit einem ziemlichen Dackelblick durch die Gegend schlurft. Aber noch bevor man hier seine Taschentücher rausgekramt und dezent hineingeschneuzt hat, stellt man fest: Seine Lebenserwartung ist deutlich länger als die diverser anderer Figuren, die hier vorbeischauen. Denn wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich Späne. Und wo mit Drogen gehandelt, fallen Köpfe.

Das Besondere an dem Umgang mit den Verbrechern ist, dass Drehbuchautor Masa Nakamura (Sukiyaki Western Django) nicht einfach den Boxer gegen eine Gang antreten lässt, wie man es vielleicht vermuten könnte. Vielmehr gerät er zwischen die Fronten von der Yakuza-Bande, den chinesischen Triaden und der Polizei. Und nicht einmal innerhalb dieser Gruppierungen steht man immer auf derselben Seite. Ein großer Spaß besteht vielmehr darin, wie hier irgendwie jeder jedem in den Rücken fällt, die diversen offiziellen wie inoffiziellen Kleinkriege so ausufern, dass man schon gar nicht mehr weiß, wer denn da noch wohin gehört. Vor allem zum Schluss hin, wenn alles, das noch Beine und ein schlagendes Herz hat zum großen Showdown antritt.

Eine völlig überzogene Schlachtplatte
Der ist, wie man es von Miike kennt und eventuell schätzt, komplett überzogen und ungemein blutig. Da kommt es zwar schon mal vor, dass jemand nur über den Haufen geschossen wird. Aber das muss nicht so sein, als Waffe ist so ziemlich alles erlaubt, was den anderen irgendwie von dessen Leben trennt. Da ist man in First Love nicht zimperlich. Und auch bei der Wortwahl hält man sich nicht an die sprichwörtliche fernöstliche Höflichkeit, wenn geflucht und geschimpft wird, als ob es kein morgen gäbe. Was des Öfteren natürlich auch stimmt, die Halbwertszeit der Figuren ist eher überschaubar.

Anspruchsvoll ist das Genrewerk, das in Cannes 2019 Premiere hatte und anschließend von Filmfest zu Filmfest weitergereicht wurde, natürlich nicht. Dafür aber unterhaltsam, sofern man den etwas speziellen tiefschwarzen Humor Miikes mag, der zwischendurch immer wieder für einen überraschend Schlag ins Gesicht gut ist oder sich mit den Halluzinationen der drogenabhängigen Yuri einen absurden Spaß erlaubt. Lieben muss man das nicht, so wie auch die Romanze im Gegensatz zum Rest eher blutleer bleibt. Im ausufernden Gesamtwerk des Filmemachers nimmt First Love aber durchaus einen Platz im oberen Drittel ein: Miike präsentiert hier das, was er am besten kann und garniert das mit einigen verrückten bis dreisten Einfällen zu einer unterhaltsamen Verfolgungsjagd quer durchs nächtliche Tokio.

Credits

OT: „Hatsukoi“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Masa Nakamura
Musik: Koji Endo
Kamera: Nobuyashu Kita
Besetzung: Masataka Kubota, Nao Omori, Shôta Sometani, Sakurako Konishi, Becky, Takahiro Miura

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First Love
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First Love
In „First Love“ will ein totgeweihter Boxer eigentlich nur eine Prostituierte retten und gerät dabei zwischen mehrere Fronten. Das neueste Werk von Takashi Miike geizt mal wieder nicht mit Gewalt, macht aber vor allem durch die diversen verrückten Einfälle und den tiefschwarzen Humor Spaß, wenn aus einer guten Tat eine Verfolgungsjagd wird, bei der jeder gegen jeden kämpft und das Chaos regiert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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