Kritik

Darlin

„Darlin’“ // Deutschland-Start: 28. November 2019 (DVD/Blu-ray)

Völlig verdreckt und verwildert taucht eine junge Frau namens Darlin’ (Lauryn Canny) in einem Krankenhaus auf und wird vom Personal so gut es geht versorgt. Da die Frau scheinbar in der Natur aufwuchs, keine verständliche Sprache beherrscht und schon einen Arzt angegriffen hat, wählt sie ein Bischof (Bryan Batt) als Schülerin in der von der Kirche betriebenen Erziehungsanstalt aus. Um seiner Kirche wie auch sich selbst eine medienwirksame Erfolgsgeschichte erzählen zu können, nimmt er sich vor die Frau zu sozialisieren, ihr lesen, sprechen und zivilisierte Umgangsformen beizubringen sowie natürlich den Glauben an Gott. Mit der Zeit lernt Darlin’ wieder zu sprechen, freundet sich mit den anderen Schülerinnen an und hofft durch den Glauben an Gott, den Teufel in ihr auszutreiben. Währenddessen hat sich die wilde Frau (Pollyanna McIntosh) auf die Suche nach Darlin’ gemacht, für die sie bislang gesorgt hatte. Die Spur führt sie in die Stadt, wo sie alle, die sich ihr in den Weg stellen, ermordet, bis sie an einen Pfleger gerät, der ihr den Weg zu der kirchlichen Schule zeigt. Aus der Ferne beobachtet die Frau Darlin’, ihre Chance abwartend, denn die Jugendliche ist, was in der Schule keiner weiß, schwanger und die wilde Frau will sie so bald es geht wieder zu sich holen.

Zivilisation und Kirche
Auch wenn Darlin’ in gewisser Weise eine Fortsetzung der Filme Beutegier und The Woman ist, braucht man als Zuschauer keinen der Vorgängerfilme gesehen zu haben, denn der von Pollyanna McIntosh inszenierte Film steht sehr gut für sich alleine. Da McIntosh bereits bei einem Kurzfilm Regie geführt hatte, bot Produzent Andrew van Houten letztlich ihr auch die Chance an, bei Darlin’ auf dem Regiestuhl zu sitzen und das Drehbuch zu schreiben. Dennoch stand für McIntosh vor allem die Möglichkeit im Vordergrund, den Charakter der wilden Frau und ihre Welt weiter zu erforschen. Entstanden ist dabei ein Film, der sich, wie in gewisser Weise auch The Woman, als zivilisationskritisch begreift und auch die Stellung der Kirche als Heilbringer kritische beäugt, wobei sich der Film bisweilen in seinen vielen Themen und Konzepten verliert.

Anders als im Vorgängerfilm ist nun nicht mehr McIntoshs Charakter derjenige, der zivilisiert werden soll, sondern die von Lauryn Canny gespielte Darlin’, deren Ursprünge bereits in der Zivilisation liegen. Dies bringt eine interessante Dynamik in die Entwicklung ihrer Figur, da sie immer zwischen beiden Aspekten steht, die Natur und die Zivilisation in ihr im Widerstreit stehen. Hierbei spielt insbesondere das Konzept des Sündenfalls eine Rolle, einer der ersten Lektionen, die Darlin’ über sich ergehen lassen muss in einem Prozess der Zivilisierung gesteuert durch die Institutionen Kirche und Schule wie auch der Angst vor der eigenen Natur und welche Auswüchse diese annehmen kann. McIntosh spielt immer wieder mit der Ambiguität dieses Gedanken, da der Sündenfall auch gerade mit der Akzeptanz der Zivilisation oder den Regeln der Kirche einhergehen kann, ein Gedanke, der wahrlich treffend ist, bedenkt man die Ansichten des Bischofs, die bisweilen wenig mit christlichen Werten zu tun haben.

Initiationsprozesse
Wie schon in The Woman sind Frauen entweder Außenseiter oder die Elemente, welcher „zivilisiert“ und kontrolliert werden müssen. Ihre Initiation wird fremdgesteuert in einem moralisch wie auch menschlich fragwürdigen Bedürfnis der Bestätigung der eigenen Überlegenheit oder der Werte, die man vertritt. Diese Aspekte werden interessanterweise nicht alleine über den von  Lauryn Canny gespielten Charakter verhandelt, sondern auch über ihre Mitschüler wie auch die Schwestern in der Schule, teils „konvertierte Sünder“, die in der Religion einen Ausweg aus ihrem früheren Leben suchten, aber in der Kirche auf eine weitere Instanz der Ausbeutung stießen.

Würde McIntoshs Film auf dieser Ebene verbleiben, würde er sich nicht gerade in der zweiten Hälfte in wenig ergiebigen, feministisch angehauchten Bezügen verlieren, die den Film ausbremsen und insgesamt eher unnötig erscheinen. Die Begegnung der von ihr gespielten wilden Frau mit einer Gruppe weiblicher Obdachloser wirkt beispielsweise sehr aufgesetzt und auch der Film weiß nicht so richtig, was er mit dieser Entwicklung anfangen soll.

Credits

OT: „Darlin’“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Pollyanna McIntosh
Drehbuch: Pollyanna McIntosh
Kamera: Halyna Hutchins
Besetzung: Pollyanna McIntosh, Lauryn Canny, Bryan Batt, Nora-Jane Noone, Cooper Andrews

Bilder

Trailer

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Darlin’
„Darlin’“ ist eine solide Mischung aus Horrorfilm und Coming-of-Age-Geschichte, die sich bisweilen in der Vielzahl ihrer thematischen Aspekte verheddert. Die guten Darsteller, allen voran Lauryn Canny als Darlin‘, retten einen insgesamt etwas überladenen Film und geben ihm die nötige Erdung.
5von 10

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