Über 40 Filme hat Andrew van den Houten bislang produziert und sich damit gerade bei Genrefans einen Namen gemacht. Eine seiner bekanntesten und populärsten Kollaborationen ist die mit dem US-amerikanischen Autor Jack Ketchum, dessen Roman Beutegier van den Houten selbst verfilmte. Bei den Fortsetzungen The Woman und Darlin’ fungierte er als Produzent. Anlässlich der kommenden Veröffentlichung der The Woman-Trilogie am 25. September 2020 als limitiertes Mediabook unterhalten wir uns mit van den Houten über seine Erinnerungen an den Dreh zu Beutegier, über das Label „torture porn“ sowie über die Lesart der Filme als Zivilisationskritik.

Vor über zehn Jahren hast du mit Beutegier den ersten Teil der Filmreihe um den Charakter der von Polyanna McIntosh gespielten Frau gedreht. Hast du noch spezielle Erinnerungen an den Dreh oder Anekdoten?
Ich habe so viele Erinnerungen an diese Produktion, zum Beispiel, dass einer der Schauspieler von der Polizei verhaftet wurde und deswegen nicht am Set erschien. Gegen drei Uhr morgens erhielt ich den Anruf, dass er wegen der Verhaftung nicht drehen konnte, zog mich an und machte mich auf zur Polizeistation, in deren Nähe sich glücklicherweise ein Geldautomat befand, sodass wir die Summe zahlen konnten, er wieder auf freiem Fuß war und wir drehen konnten. Was aber noch schlimmer war, war die Tatsache, dass ich, weil ich so viele Einstellungen drehen wollte, für diese Nacht noch eine zweite Crew bestellt hatte, die damit begonnen hatte, die Sets auszuleuchten. Das war vielleicht eine Geldverschwendung. (lacht)

Eine andere, schöne Anekdote war, als meine Mutter das Set besuchte und mich dafür tadelte, dass ich einen meiner Schauspieler ihrer Meinung nach schlecht behandelte und ihm immer wieder befahl, sich hinzuwerfen. Ich musste ihr erklären, dass dies Teil der Szene ist, dass seine Figur in der Szene stirbt. Im Nachhinein finde ich es so lustig, dass sie sich so um das Wohlergehen der Schauspieler sorgte, die für den Film wirklich alles gaben, was man auch in der Szene sieht.

Es gibt so viele schöne Erinnerungen an diesen Dreh, was auch am Drehort, Muskegon, Michigan lag, welches nah an einem See liegt. Dort gab es einen der größten Vergnügungsparks Michigans, sodass man uns, wenn wir gerade nicht drehten, auf der Wasserrutsche oder der Achterbahn des Parks finden konnte.

Im Allgemeinen war der Dreh zu Beutegier ein tolle Erfahrung, vor allem, weil Muskegon uns so toll unterstütze, besonders deren politische Vertreter, die uns viel ermöglichten.

Was interessierte dich besonders an der Romanvorlage von Jack Ketchum?
Nach der Arbeit an Jack Ketchum’s Evil, den ich mitproduzierte, sagte ich William Miller, dem Kameramann des Films, dass ich wirklich gerne mal wieder Regie führen würde. Ich unterhielt mich dann auch mit Jack, der mir sagte, ich solle mal einen Blick auf seinen Roman Beutegier werfen. Also las ich ihn und fand, dass es viele interessante Elemente und Charakter hat, sodass ich mich entschloss, es zu verfilmen.

In einem Essay über die Filme schreibt Kevin Kovenant, ein Mitarbeiter Jack Ketchums, dass die Filme, besonders Beutegier, in gewisser Hinsicht von der Welle europäischen Horrors, die man oft unter dem Label „torture porn“ zusammenfasst, profitierte. Was hältst du von diesem umstrittenen Label?
Wenn wir nach Kategorien wie Gewaltdarstellung allein gehen, dann müsste man auch die Werke Shakespeares „torture porn“ nennen, denn in ihnen geht es um Gewalt, um Inzest und viele andere, abstoßende Dinge. Ich finde, man muss doch darüber hinaus schauen und erkennen, dass es in Geschichten wie Beutegier und The Woman um interessante Charakter und Themen geht. Natürlich geht es für die Figuren um viel, es geht um ihr Überleben, weshalb die Handlung naturgemäß dramatisch überhöht ist und Blut fließt.

Mein Standpunkt ist, dass, wenn das Label auf kommerzieller Ebene dem Film hilft, dann sollen es die Leute gerne verwenden, doch gerade, weil es in diesen Geschichten um zivilisatorische Inhalte geht und man sie als Metapher in diesem Zusammenhang verstehen kann, passt dieses Label für mich nicht. In diesen Geschichten geht es um zivilisatorische Übergriffe, welche die Geschichte der USA definieren, angefangen mit den Übergriffen der Briten, die weite Teil des Landes einfach für sich beanspruchten und zerstörten. In diesem Sinne kann man Beutegier wie auch die Fortsetzungen als eine einzige Geschichte über Rache sehen, doch es zeigt auch, wie die Menschen in der Natur, der Stamm, den Polyanna McIntoshs Figur anführt, um ihr Überleben kämpfen, weil die Zivilisation ihnen ihren Lebensraum nimmt. Wenn wir dann über The Woman oder Darlin’ sprechen, reden wir von Geschichten, in denen die Figuren Opfer der Ausbeutung werden, seitens der Reichen und der Kirche.

Betrachtet man diese Zusammenhänge, denke ich, dass die drei Filme etwas zu bieten haben, was über das Label „torture porn“ hinausgeht.

Kannst du dich noch daran erinnern, wie du Polyanna McIntosh für die Rolle der Frau in Beutegier besetzt hast?
Polyanna kam auf Empfehlung von Cindy Rush, einer Besetzungschefin aus New York City, die auch meinen ersten Film als Regisseur betreut hatte. Von dem Moment an, als ich sie das erste Mal sah, wusste ich, sie kann das spielen und hat das Potenzial dieser Figur zu einer Ikone innerhalb des Horrorgenres zu machen. Ihre Darstellung war so fokussiert und ihre Präsenz so stark, dass ich sogleich beschloss, weiter mit ihr zu arbeiten und diesen Charakter zu erweitern.

Ein in meinen Augen schwieriger Aspekt der Geschichte ist die Sprache der Kannibalen. Wie bist du das vorgegangen?
Zum einen entstand diese Sprache durch die Zusammenarbeit mit Polyanna, wie sie Dinge ausdrückte in ihrer Rolle. Zum anderen hatte Jack sehr detailliert im Drehbuch geschrieben, wie diese Sprache klingen würde, welche Ähnlichkeiten sie beispielsweise zu Gälisch oder anderen Sprachen und Dialekten haben würde. Polyanna hat Jacks Anmerkungen und Erklärungen genau studiert und dann umgesetzt, sodass dann die Sprache der Kannibalen entstand.

Wenn du die Fortsetzungen The Woman und Darlin’ Revue passieren lässt, gibt es eine Entwicklung in Polyannas Figur oder ein Ereignis, was dich persönlich sehr überrascht hat?
In The Woman fand ich es bemerkenswert, wie sie mit dem Missbrauch umgeht, der ihr widerfährt und wie sie am Ende ihren großen Moment der Vergeltung erfährt. Ich bewundere ihre Würde, wie sie damit umgeht, dass ihr diese Familie diese grauenvollen Dinge antut. Sie bleibt dabei immer sie selbst, bleibt ruhig und wartet ihren Moment ab, so wie Regisseur Lucky McGee es beabsichtigt hatte.

Als The Woman auf dem Sundance Festival lief, gab es nicht durchweg positives Feedback. So sagte ein Zuschauer, dass dieser Film Frauen herabwürdigen würde. Glaubst du, dass gerade in der heutigen Zeit mit Bewegungen wie #MeToo Filme wie The Woman anders wahrgenommen werden?
Was ich an dieser Geschichte lustig finde, ist, dass der Mann, ein lokaler Politiker, der dies alles sagte, eine immense Pornosammlung daheim hatte, wie sich später herausstellte. Ich finde es geradezu ironisch, dass sich gerade jemand wie er dazu entschloss, sich mit uns anzulegen. Auf den Heimkinoveröffentlichungen von The Woman gibt es ein Feature, in dem dieser Vorfall thematisiert wird. Interessanterweise haben die weiblichen Zuschauer den Film verteidigt und betrachteten ihn als eine Geschichte über Feminismus und eine starke Frau.

Um noch einmal auf das Label „torture porn“ zurückzukommen, man kann natürlich sagen, dass alle drei Filme sich mit Gewalt befassen, aber gleichzeitig behandeln sie Erfahrungen, die im Kontext von Gewalt zu verstehen sind. Es geht hier um die Gewalt, die von der Gesellschaft, vom Patriarchat ausgeht und darum, wie man sich gegen diese Umstände zu Wehr setzt.

Kannst du uns was zu Projekten sagen, an denen du gerade arbeitest und ob du noch einmal für einen vierten Film zu der Welt von Beutegier, The Woman und Darlin’ zurückkehren wirst?
Das hängt sehr von der Geschichte und dem Ansatz ab, den man mir vorschlägt. Natürlich bin ich offen für alles, aber es muss für mich Sinn ergeben für die Figuren und für die Welt, in der die sich befinden. Mir ist diese Geschichte und sind diese Figuren sehr wichtig, weswegen ich sicherstellen würde, dass man ihnen gerecht wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Andrew van den Houten

Zur Person
Andrew van den Houten wurde am 9. Oktober 1979 in New York City geboren und ist in der Welt des Genrefilms vor allem als Produzent bekannt. Für seine Arbeit wurde van den Houten mit unzähligen Preisen geehrt und ist gern gesehener Gast auf internationalen Filmfestivals wie dem FrightFest, dem Sundance Film Festival und den Independent Spirit Awards. Sein Spielfilmdebüt als Regisseur gab er 2005 mit dem Horror-Science-Fiction-Film Headspace. Sein zweiter Spielfilm war Beutegier (2009) über einen Kannibalen-Clan.



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Andrew van den Houten [Interview]
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