Kritik

The Woman

„The Woman“ // Deutschland-Start: 9. Dezember 2011 (DVD/Blu-ray)

Während eines Jagdausflugs beobachtet der Anwalt Chris Cleek (Sean Bridgers) eine völlig verwahrloste Frau (Pollyanna McIntosh), die in den Wäldern lebt. Wenig später fängt er sie ein und sperrt sie in den Sturmkeller seines Anwesens, wo er plant, die Wilde zu zivilisieren. Seine Familie soll ihm bei der Erfüllung des Plans helfen, doch während sein Sohn Brian (Zach Rand) ihm seine Hilfe zusichert, sind seine Frau Belle (Angela Bettis) und seine verschüchterte Tochter Peggy (Lauren Ashley Carter) entsetzt über die gefangene Frau in ihrem Keller. Unter Chris’ herrischem Regime müssen aber auch sie ihm gehorchen und machen sich so an die Arbeit, die wilde Frau zu füttern, ihr Kleidung zu nähen und sie sauber zu machen. Durch das Erscheinen der Frau in ihrem Haus wird das ohnehin schon angespannte Verhältnis in der dysfunktionalen Familie noch mehr gestört.

Wider die Natur
Nachdem der Charakter der wilden Frau ohne Namen, gespielt von Polyanna McIntosh bereits in Andrew van den Houtens Film Beutegier (2009) eingeführt worden war, beschlossen Regisseur Lucky McKee und Autor Jack Ketchum, auf dessen Romanserie die Filme beruhen, diese Figur und ihre Welt weiter zu erforschen. Aus ihren Bemühungen entstand ein Horrorfilm, der sich in mancher Hinsicht auch als eine Sozialsatire sieht, eine Geschichte über das gespannte Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation sowie welche Motivation ein Mensch braucht, um zu einem wilden Biest zu werden.

Die Natur hat viele Gesichter in einem Film wie The Woman. In insgesamt drei Filmen, wenn man den von Polyanna McIntosh inszenierten Darlin’ dazu zählt, ist die namenlose Frau ein Spiegel der Natur, eines Teils des Menschen, der unbezähmbar, wild und nicht kontrollierbar ist. In gewisser Weise erinnert die Figur an die Geschichten rund um die Wolfskinder, die über einen Zeitraum hinweg isoliert von Menschen aufwuchsen und die man versucht hat, später in die Gesellschaft wiedereinzugliedern. Wildheit und Natur wecken das Bedürfnis, diese zu bändigen und zu zähmen, wenn man der Logik des Films folgt, wobei man vergisst, dass die Frau ein Mensch ist wie man selbst und man von daher irgendwo in sich dieselben Triebe trägt, aber entweder geschickt verbirgt oder diese unterdrückt.

Dieses zwiespältige Verhältnis zur Natur spielt nicht nur in Darstellung der Charaktere eine Rolle, sondern auch in der Ästhetik des Films. In begrenzten Intervallen, wie dem Jagdausflug, ist die Natur für den Menschen ertragbar, solange es die Gewissheit gibt, man kann sich später in sein sicheres Zuhause zurückziehen. Das Anwesen der Cleeks ist ein Ausdruck jener Form der Bändigung der Natur, bemerkt man an den sorgsam geschnittenen Hecken, dem sattgrünen Rasen und der Tendenz alles Tierische einzusperren oder zu sanktionieren.

Die weibliche Zivilisation
Innerhalb dieses Kontexts fällt auf, dass es immer Frauen sind, die, zeigen sie sich als unbezähmbar oder eigensinnig, eingesperrt werden oder Opfer von Gewalt werden. Die durch den diktatorischen Familienpatriarchen zum Schweigen gebrachte Peggy oder ihre Mutter gehorchen dem Kontrolldrang des Vaters, der in fast jeder Szene ihnen mit diabolischer Selbstverständlichkeit neue Aufgaben gibt oder Befehle erteilt. Aus dieser Sicht ist die Zähmung der wilden Frau eine besondere Herausforderung an ihn, wobei sich seine eigene „wilde“ Natur immer wieder unter Beweis stellt und man sich mit der Zeit fragt, wer hier eigentlich noch die Kontrolle hat.

Ob man einen Film wie The Woman als Zivilisationskritik bezeichnen will, sei dahingestellt, aber in ihrem Skript hinterfragen Ketchum und McKee das Konzept durchaus. Bereits sehr früh bekommt das nach außen hin heile Familienbild der Cleeks Risse, was sich mit der Zeit nicht nur bestätigt, sondern immer neue verstörende Aspekte offenbart. Dies ist zwar nicht unbedingt besonders subtil beschrieben oder inszeniert, aber gibt jedem Familienmitglied genügend Raum, gerade wenn es um ihrer Verbindung zu McIntoshs Figur geht. Einzig der bisweilen sogar die Dialoge übertönende, durchweg unpassende Soundtrack stört den Fluss des Films und wirkt in vielen Szenen, welche die Figuren und ihre Welt vertiefen, störend.

Credits

OT: „The Woman“
Land: USA
Jahr: 2011
Regie: Lucky McKee
Drehbuch: Jack Ketchum, Lucky McKee
Vorlage: Jack Ketchum
Musik: Sean Spillane
Kamera: Alex Vendler
Besetzung: Pollyanna McIntosh, Angela Bettis, Sean Bridgers, Lauren Ashley Carter, Zach Band

Bilder

Trailer

Filmfeste

Sundance Film Festival 2011
Fantasy Filmfest 2011
Sitges 2011

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The Woman
3.96 (79.26%) 27 Artikel bewerten

The Woman
„The Woman“ ist ein Film, der als Horrorfilm gut zu unterhalten weiß und mit allerlei Effekten aufwartet. Doch gerade als Sozialsatire, als Kritik dessen, was sich Zivilisation nennt, hat der Film eine weitere, durchaus sehr spannende Ebene für seinen Zuschauer zu bieten, was nicht zuletzt den guten Darstellern zu verdanken ist.
7von 10

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