Kritik

To the Ends of the Earth Les confins du monde

„To the Ends of the World“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Indochina 1945: Wie durch ein Wunder gelingt es dem Soldaten Robert Tassen (Gaspard Ulliel), dem Massaker zu entkommen, dem der Rest seiner Einheit, darunter sein eigener Bruder, zum Opfer gefallen ist. Alleine schlägt er sich durch den Dschungel weiter, bis er sich erneut der Armee anschließt. Allerdings tut sich der junge Franzose schwer damit, sich bei der Truppe seiner Landsleute zu integrieren, die alle auf ihre Weise sichtlich von dem Krieg und ihren Erlebnissen geprägt sind. Dabei hat Tassen nur ein Ziel vor Augen: Er will sich an den Morden seiner Kameraden rächen! Während er wie ein Besessener nach einem Schuldigen sucht, macht er die Bekanntschaft der Prostituierten Maï (Lang Khê Tran), die seine Entschlossenheit ziemlich ins Wanken bringt …

Still sitzt er auf einer Bank, den Blick nach vorne gerichtet. Wohin der junge Mann schaut, ob da überhaupt etwas ist, auf das seine Augen gerichtet sind – wir wissen es nicht. Mit dieser Szene beginnt To the Ends of the World, mit dieser wird der Film auch enden. Dazwischen hat sich jede Menge getan, gleichzeitig aber irgendwie nichts. Das französische Kriegsdrama ist getrieben, erzählt vom Wollen und Suchen, vom Besitzen und Erobern. Und ist doch ganz still, findet keine Worte, um das Grauen zu beschrieben oder das, was in dem Protagonisten vor sich geht. Vielleicht weil es diese Worte nicht mehr gibt, weil alles Reden vergeblich ist.

Das vergessene Wort
Dabei gibt es ein Gegenstück zu dem schweigsamen Soldaten: Saintonge, ein Schriftsteller, gespielt von Gérard Depardieu, einer der wenigen französischen Zivilisten, die im Indochina unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geblieben sind. Er wird mit ihm reden, diskutieren, einiges auch in Frage stellen. Dazu gibt es – passend – ein Buch. Da stehen viele Worte drin, die vielleicht einmal Bedeutung hatten. Doch Tassen scheint sich nicht so recht dafür zu interessieren. So wie auch Regisseur und Co-Autor Guillaume Nicloux (Es war einmal ein zweites Mal) lieber an der Oberfläche bleibt, mit einem neugierigen Blick, mal entlarvend, mal vorbeihuschend. Ein verstümmelter Körper hier, dort ein bisschen Sex, dazwischen ein Dschungel, betörend und gefährlich.

Es sind die Bilder, die in Erinnerung bleiben, von dem Drama, das in der Directors‘ Fortnight von Cannes 2018 Premiere hatte. Bilder, die eine Geschichte erzählen, selbst wenn sie nicht erzählen. Über die wenigsten Figuren werden wir im Laufe der gut hundert Minuten etwas erfahren. Entweder sie sterben sofort oder verschwinden auf andere Weise. Und selbst die, die geblieben sind, sind nie ganz da. Immer wieder lässt Nicloux die Kamera auf Gaspard Ulliel richten, dessen Miene sich in To the Ends of the World nur selten verzieht. Zeigt ihn von allen Seiten und dringt doch nie zu ihm durch. Während bei anderen Figuren das mangelnde Interesse des Filmemachers ausschlaggebend gewesen sein mag, dass er nicht mehr über sie erzählt, ist das Mysterium seines Protagonisten faszinierend.

Eine Rache wie (k)eine andere
Ein bisschen erinnert die französische Produktion an die vielen Rachethriller, die vor allem im Direct-to-Video-Bereich wuchern. Auch dort sind es Soldaten, Polizisten, Agenten oder Killer, die sich für einen Mord an einem geliebten Menschen rächen wollen. Doch während die nach und nach ihrem Ziel näherkommen und unterwegs einen Berg Leichen aufhäufen, da sind die Versuche von Tassen sehr viel weniger zielführend. Auch weil ihm seine Gefühle in den Weg kommen, zumindest seine Begierden. Natürlich, hübsche Love Interests der Helden, die gehören dazu, ein bisschen Quotenfrau, damit Mann noch von was anderem träumen kann als einem moralischen Amoklauf. Aber selbst der Weg scheint hier nur noch weiter in die Hölle zu führen, die am Ende der Welt auf die Soldaten wartet.

Wenn der Soldat Maï begegnet, dann geht damit nicht die Macho-Romantik einher, wie wir sie kennen. Er will sie besitzen, die Frau, die sich anbietet und doch niemandem gehören will, wird eifersüchtig, wird gewalttätig. Maï ist so wie das Land, schön, ein bisschen wild, undurchdringlich. Was die Wut in dem jungen Mann nur noch stärker macht. In To the Ends of the World treffen Trauma und Raserei aufeinander, Sehnsucht und Sinnsuche angesichts des Nichts. Am Ende steht jedoch nicht die Erlösung, welche Rache oder auch die Frau versprochen haben. Es gibt nur die Bank, das Gefühl der Leere und der Blick, der schon lange keinen Halt mehr findet.

Credits

OT: „Les confins du monde“
Land: Frankreich
Jahr: 2018
Regie: Guillaume Nicloux
Drehbuch: Guillaume Nicloux, Jérôme Beaujour
Musik: Shannon Wright
Kamera: David Ungaro
Besetzung: Gaspard Ulliel, Guillaume Gouix, Lang Khê Tran, Gérard Depardieu

Bilder

Trailer



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To the Ends of the World
4.05 (80.91%) 22 Artikel bewerten

To the Ends of the World
In „To the Ends of the World“ überlebt ein junger Soldat ein Massaker und will nun Rache. Was sich wie einer der beliebigen Rachethriller anhört, wird hier zu einem Drama, das mit betörenden Bildern lockt, neugierig und gierig weiterschaut, dabei jedoch nichts findet und sich der wütenden Sprachlosigkeit ergibt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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