Kritik

Little Women

„Little Women“ // Deutschland-Start: 30. Januar 2020 (Kino)

Die vier Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen) führen Mitte des 19. Jahrhunderts ein idyllisches, glückliches Leben – wäre da nur nicht der Bürgerkrieg, der die Familie vorläufig entzweit hat. Denn während ihr Vater (Bob Odenkirk) fort ist und gegen die Sklaverei kämpft, muss sich Mutter Marmee (Laura Dern) um die vier kümmern. Die machen dafür das Beste aus der Situation, jede von ihnen sucht nach einem Weg sich auszudrücken und nach der eigenen Rolle in dieser Welt. So ist Jo fest entschlossen, Schriftstellerin zu werden und sich an keinen Mann zu binden. Nicht einmal an Laurie (Timothée Chalamet), mit dem sie eine tiefe Freundschaft verbindet …

Ein bisschen verwundert durfte man schon sein, als bekannt wurde, dass Greta Gerwig Little Women drehte. Ausgerechnet die Künstlerin, die in ihren Drehbucharbeiten (Frances Ha) wie auch in ihrem Regiedebüt Lady Bird originelle, willensstarke, moderne Frauen entwarf, verfilmt den mittlerweile über 150 Jahre alten Klassiker von Louisa May Alcott? Wozu? Adaptiert wurde der zuvor schon diverse Male, hierzulande dürften Betty und ihre Schwestern sowie die Animeserie Eine fröhliche Familie am bekanntesten sein. Eine weitere Version erschien da irgendwie überflüssig, eine Verschwendung sogar von Gerwigs großem Talent, die bislang ebenso universelle wie einzigartige Geschichten erzählte.

Ein typischer Kostümfilm, der keiner ist
Glücklicherweise ist Little Women dann aber doch mehr als nur ein weiterer Kostümfilm, der mit großen Gefühlen und großen Namen ein entsprechend geneigtes Publikum anlocken möchte. Wobei sich das Drama auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so sehr von anderen Titeln unterscheiden mag. Der Film ist vollgestopft mit bekannten, attraktiven Darstellern und Darstellerinnen, die in idyllischen Häusern oder großen Villen leben, vornehme Kleidung tragen und immer wieder mit romantischen Verwicklungen zu kämpfen haben, manchmal auch mit anderen Hindernissen, die sie irgendwie überwinden müssen, um am Ende das Glück zu finden. Und selbst Glück zu bescheren, schließlich wollen die Menschen da draußen vor den Leinwänden beseelt wieder aus dem Kino gehen.

Zum Teil erfüllt der Film eben diese Voraussetzungen. Zum Teil aber auch nicht. Gerwig, so wird bald klar, liebt das Buch, liebt die Geschichte und die Figuren, ließ es sich aber nicht nehmen, alles ein bisschen abzuändern und zu modernisieren. Die auffälligste Änderung ist, dass sie auf die Chronologie der Ereignisse verzichtet. Stattdessen springt sie immer wieder in der Zeit hin und her, spricht beispielsweise gleich zu Beginn eine Szene an, die erst gegen Ende des Films gezeigt wird. Das ist zunächst etwas verwirrend, sowohl für Kenner der Vorlage wie auch Neulinge. Doch der Kniff zahlt sich aus: Er sorgt einerseits für etwas mehr Abwechslung, führt außerdem dazu, dass Little Women immer wieder Querverweise einbaut, welche uns den Klassiker aus einer neuen Perspektive zeigen.

Historisch mit aktuellen Seitenhieben
Die zweite nennenswerte Neuerung ist die Rahmenhandlung um Jo, die ihre Geschichten verkaufen will, um die Familie zu unterstützen. Das erlaubt Gerwig, quasi über die Hintertür noch mehr über Frauen und ihre Kämpfe in einer von Männern dominierten Welt zu erzählen – ein Thema, mit dem Gerwig selbst immer wieder zu kämpfen hat. Ohnehin: Little Women mag im 19. Jahrhundert spielen, hat aber nach wie vor einiges zu Geschlechterungerechtigkeit und der Suche nach Selbstbestimmung zu sagen. Alle vier Schwestern sind den Künsten zugewandt – Jo schreibt, Meg schauspielert, Amy malt, Beth musiziert –, müssen aber einsehen, dass dies kein Lebensunterhalt ist. Entweder passen sie sich männlichen Vorgaben an, lassen sich von ihnen aushalten oder geben ganz ihre Ambitionen auf. Vernunft, das bedeutete damals für eine Frau, freiwillig die zweite Geige zu spielen, und sich anderweitig nützlich zu machen.

Little Women kritisiert das natürlich, tut dies jedoch ohne erhobenen Zeigefinger. Gerwig zeigt hier ein großes Talent, schwere Themen leicht zu verpacken, oft auch ein bisschen Humor mit hinein zu nehmen. Gerade die Auseinandersetzungen zwischen Jo und den Männern sorgen immer wieder für Erheiterung, nicht zuletzt weil Ronan – die schon in Lady Bird die Hauptrolle hatte –, mal wieder als Wildfang brilliert. Ohnehin, die Besetzung ist so fabelhaft, dass man sich schon sehr zurückhalten muss, um nicht zu sehr ins Schwärmen zu geraten. Ob nun Ronan und Chalamet auf mitreißende Weise miteinander tanzen, Laura Dern für warmherzige Momente sorgt oder Meryl Streep die verknöcherte, letztendlich aber wohlmeinende Tante gibt, in den zwei Stunden reiht sich ein Höhepunkt an den nächsten. Ein bisschen schade ist es zwar schon, dass nicht alle Figuren derart vielschichtig angelegt sind, gerade bei den Männern gibt es einige, die offensichtlich nur dazu da sind, als Dekoration in der Gegend herumzustehen. Dennoch, der Film ist sowohl für Gerwig wie auch ihr Ensemble ein Triumph, der trotz der bislang fehlenden Auszeichnungen der Award Season einer der besten dieses Jahres sein wird.

Credits

OT: „Little Women“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Greta Gerwig
Drehbuch: Greta Gerwig
Vorlage: Louisa May Alcott
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Yorick Le Saux
Besetzung: Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Laura Dern, Timothée Chalamet, James Norton, Chris Cooper, Meryl Streep, Louis Garrel

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
AACTA Awards 2020 Beste internationale Darstellerin Saoirse Ronan Sieg
Beste internationale Nebendarstellerin Florence Pugh Nominierung
Academy Awards 2020 Bester Film Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Saoirse Ronan Nominierung
Beste Nebendarstellerin Florence Pugh Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Greta Gerwig Nominierung
Beste Musik Alexandre Desplat Nominierung
Beste Kostüme Sieg
BAFTA Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin Saoirse Ronan Nominierung
Beste Nebendarstellerin Florence Pugh Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Greta Gerwig Nominierung
Beste Musik Alexandre Desplat Nominierung
Beste Kostüme Sieg
Golden Globe Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin – Drama Saoirse Ronan Nominierung
Beste Musik Alexandre Desplat Nominierung



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Little Women
4.15 (83.08%) 13 Artikel bewerten

Little Women
Noch eine Verfilmung des Klassikers „Little Women“, braucht es das wirklich? Ja, tut es: Greta Gerwig schafft es, der altbekannten Geschichte einen neuen Anstrich zu geben, und beschert uns ein ebenso intelligentes wie charmantes Historiendrama, teilweise humorvoll aufgearbeitet und so mitreißend gespielt, dass selbst Gegner des Kostümfilms hier jede Menge Stoff geboten bekommen.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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