Kritik

Frances Ha

„Frances Ha“ // Deutschland-Start: 1. August 2013 (Kino) // 3. Dezember 2013 (DVD/Blu-ray)

Auch wenn der Erfolg bislang auf sich warten lässt, die 27-jährige Frances (Greta Gerwig) hält noch immer an ihrem Traum fest, eine große Tänzerin zu werden. Und bis es so weit ist, genießt sie einfach das Leben in New York. Das wiederum wird deutlich erschwert, als ihre Mitbewohnerin Sophie (Mickey Sumner) auszieht und sich Frances wohl oder übel eine neue Bleibe suchen muss. Ihrer guten Laune tut dies jedoch keinen Abbruch. Unbeirrt wechselt sie von Unterkunft zu Unterkunft, von einem miesen Job zum nächsten, lässt sich von keinen Fehlschlägen entmutigen. Denn irgendwann, davon ist sie überzeugt, wird sie es doch noch schaffen …

Über leicht neurotische Eliten zu reden, gerne aus dem New Yorker Künstlerumfeld, das schien lange Zeit ein Vorrecht Woody Allens zu sein. Während dem Großmeister dazu aber nicht mehr wirklich viel einfällt, er teilweise wie seine eigene Kopie wirkt, zeigt Noah Baumbach, wie das deutlich besser gelingt. Ein schönes Beispiel hierfür ist Frances Ha: Einige Jahre bevor der Filmemacher in seinem derzeit gefeierten Marriage Story das Eheende eines Künstlerpaares seziert, zeigte er hier, wie eine Künstlerin noch am Anfang steht. Oder besser: Wie sie sich mitten im Umbruch befindet, während sie selbst noch davon überzeugt ist, dass das nur der Anfang ist.

Man lernt doch nie (aus)
Gewissermaßen hat Baumbach hier deshalb eine Art Coming-of-Age-Film gedreht. Während das normalerweise aber bedeutet, dass sich Jugendliche von ihren Eltern abnabeln und die erste Liebe entdecken, bedeutet das hier: Was zum Teufel fange ich mit meinem Leben an? Der Fall Frances ist in der Hinsicht schon irgendwie tragisch, denn sie weiß ja sehr genau, was sie werden will. Das Problem ist nur, dass aus diesem Wollen allein nicht automatisch ein Sein wird. Knapp anderthalb Stunden jagt sie ihrem Traum nach, nimmt Demütigungen in Kauf, schlingert irgendwie herum, während man als Zuschauer schon längst aufgegeben hat, dass daraus jemals etwas wird.

Und doch ist der Ton von Frances Ha gar nicht so schrecklich trübe. Trotz der melancholischen Tendenzen, die immer wieder durchscheinen, ist der Film erfüllt von Optimismus. Denn die Titelheldin lässt sich einfach nicht unterkriegen, ist angetrieben von einer offensichtlich unerschütterlichen Antriebskraft, die einen selbst daheim noch mitreißt. Greta Gerwig, persönliche wie künstlerische Partnerin Baumbachs, ist für eine solche Figur natürlich die Idealbesetzung. Wie im einige Jahre später erschienenen gemeinsamen Werk Mistress America wirbelt sie durch die Gegend, selbst dann wenn sie nicht tanzt, eine fröhliche Naturgewalt, die vielleicht keinen direkten Weg einschlägt, dabei aber so charmant ist, dass einem das völlig egal ist.

Bei der nächsten Abbiegung …
Der Film selbst ist dabei ebenso ziellos wie seine Protagonistin. Grundsätzlich erzählen Baumbach und Gerwig ihre Geschichte zwar schon chronologisch in dem Sinn, dass jede Szene zeitlich auf die vorangegangene folgt. Sie bauen nur nicht wirklich aufeinander auf. Stattdessen springt Frances Ha munter von Einzelmoment zum nächsten, ohne dabei immer klar zu machen, wie viel Zeit vergangen ist oder was in der Zwischenzeit geschehen ist. Das muss man sich wenn selbst erschließen, etwa aus den Dialogen. Aber selbst dann bleibt die eine oder andere Lücke, der Film bleibt ein fragmentarischer Einblick in das Leben von Frances, der mehr mit einer Gesamtsituation beschäftigt ist als mit einem roten Faden.

Das wird nicht jedem gefallen: Der Film ist ein typischer Indie, der sich damit gefällt, anders als der Rest zu sein, was sich auch in den Schwarz-und-Weiß-Bildern zeigt. Wer mit dieser Art Film aber etwas anfangen kann, für den ist Frances Ha ein Geschenk. Die Tragikomödie ist ausgesprochen liebenswürdig, dazu wunderbar besetzt – die gemeinsamen Szenen mit den Teilzeit-Mitbewohnern Lev (Adam Driver) und Benji (Michael Zegen) gehören zu den Höhepunkten des munteren Chaos. Wer sich selbst einmal in einer derart unsicheren Situation befunden hat oder immer noch befindet, dem wir das hier aus dem Herzen sprechen. Aber selbst wer immer geradlinig war und erreicht hat, was er wollte, ist herzlich dazu eingeladen, sich einmal durch New York treiben zu lassen. Man weiß schließlich nie, was man dabei findet.

Credits

OT: „Frances Ha“
Land: USA
Jahr: 2012
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach, Greta Gerwig
Kamera: Sam Levy
Besetzung: Greta Gerwig, Mickey Sumner, Charlotte d’Amboise, Adam Driver, Michael Zegen, Michael Esper

Bilder

Trailer

Filmfeste

Telluride Film Festival 2012
Toronto International Film Festival 2012
Berlinale 2013

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Golden Globe Awards 2014 Beste Darstellerin – Komödie/Musical Greta Gerwig Nominierung
Independent Spirit Awards 2014 Bester Film Nominierung
Bester Schnitt Nominierung

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Frances Ha
4.33 (86.67%) 15 Artikel bewerten

Frances Ha
Eine 27-Jährige träumt von der großen Tänzerkarriere und stolpert doch nur von Misserfolg zu Misserfolg. „Frances Ha“ ist ein fragmentarischer, überaus charmanter Einblick in die Künstlerszene in New York. Das richtet sich eher an ein indieaffines Publikum, ist aber so charmant und wunderbar besetzt, dass jeder hier willkommen ist.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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