„Leave No Trace“, USA, 2018
Regie: Debra Granik; Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini; Vorlage: Peter Rock; Musik: Dickon Hinchliffe
Darsteller: Ben Foster, Thomasin McKenzie

Leave no Trace

„Leave No Trace“ läuft im Rahmen des 36. Filmfests München (28. Juni bis 7. Juli 2018)

Eine Schule hat Tom (Thomasin Harcourt McKenzie) schon lange nicht mehr gesehen. Und auch kein Haus, sieht man einmal von den gelegentlichen Einkäufen ab, die sie und ihren Vater Will (Ben Foster) in die Stadt führen. Ansonsten leben die beiden zurückgezogen in einem Park in Oregon, versuchen sich von der Konsumgesellschaft unabhängig zu machen und autark zu leben. Das klappt mal besser, mal schlechter – bis die zwei irgendwann von der Polizei aufgegriffen werden. Da es verboten ist, in dem Park zu leben, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als eine neue Bleibe zu suchen. Für eine Weile kommen sie auch tatsächlich in einer für sie besorgten Wohnung unter. Doch dann lockt wieder der Ruf der Natur.

Erste Eindrücke können täuschen, bei Menschen wie bei Filmen. Wer unvorbereitet in Leave No Trace geht, der könnte meinen, in einem der vielen Endzeitfilme gelandet zu sein. Eine Katastrophe ist geschehen, ob nun irdischen oder fantastischen Ursprungs sei mal dahingestellt, es bleibt nur der Versuch, sich neu in der Natur wiederzufinden und für sich selbst zu sorgen. A Quiet Place war ein kürzliches Beispiel hierfür, Genrewerke wie The Survivalist oder It Comes at Night kommen in Erinnerung. Dass hier etwas anders ist, das wird erst wenige Minuten später klar, als Tom und Will den Park verlassen, Autos an ihnen vorbeifahren, das Leben in der Zivilisation noch so ist, wie wir es kennen.

Nur wenige Spuren im Hintergrund
Das bedeutet nicht, dass in Leave No Trace keine Katastrophe stattgefunden hätte. Sie ist nur weniger offensichtlich, etwas versteckt. Etwas, worüber keiner hier sprechen möchte. Regisseurin und Co-Autorin Debra Granik, die hier den Roman My Abandonment von Peter Rock adaptiert, lässt sich zunächst nicht in die Karten schauen. Nur nach und nach gibt sie Informationen preis, weshalb es die beiden in den Wald verschlagen hat. Und selbst dann bleibt sie dem Publikum letzte Antworten schuldig, überlässt es diesem, sich die restlichen Puzzlestücke selbst zusammenzubasteln.

Für ein größeres Publikum ist das hier aber ohnehin nicht gedacht. Das Drama, das beim Sundance Film Festival 2018 Weltpremiere feierte, vermeidet es, die eigene Tragik ausschlachten zu wollen. Wenn Will und Tom anfangs von der Polizei aufgegriffen werden, ist das schon der Höhepunkt an Dramatik. Auch später wird es Vorkommnisse geben, die sich anbieten würden, um den Zuschauern und Zuschauerinnen richtige Schauwerte zu bieten. Doch Granik, die mit ihrem oscarnominierten Winter’s Bone viel Aufmerksamkeit auf sich zog, bleibt hier ihrer Linie treu. Erzählt leise, zurückhaltend.

Die Tragik der Entfremdung
Und doch ist Leave No Trace eines der aufwühlendsten Dramen der letzten Zeit geworden. Wo das thematisch ähnliche Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück auf skurrile Außenseiter-Tragikomik setzte, drehte Granik einen Film über Schmerz, über die Unfähigkeit, damit umzugehen, über kaputte Menschen, die mit dieser Welt nicht zurechtkommen. Immer wieder wird Will die Möglichkeit erhalten, zurück in die Gesellschaft zu finden. Es gibt keinen Druck, keine Vorwürfe und Erwartungen. Es ist sogar geradezu befremdlich, wie verständnisvoll und zuvorkommend ihm alle begegnen. Wie leicht sie es ihm machen. Dass er sich dessen bewusst ist, es dennoch nicht annehmen kann, nicht einmal seiner Tochter zuliebe, macht die große Tragik dieses kleinen Filmes aus.

Dieses besondere Verhältnis der beiden ist es dann auch, was sich nach und nach als das eigentliche Herzstück herausstellt. Die gegenseitige Abhängigkeit, gleichzeitig aber auch die Konflikte, die sich daraus ergeben. Der Beitrag vom Filmfest München 2018 handelt eben auch von einer schweren, sehr schweren Abnabelung. Davon, wie Tom die Welt da draußen kennenlernt, auch weiter kennenlernen möchte. So ungewöhnlich die Situation von Leave No Trace auch ist, so universell ist das Thema, das der Film anspricht. Vieles davon bleibt wortlos. Braucht keine Worte, wenn der kernige Ben Foster und die vielversprechende Newcomerin Thomasin McKenzie zusammenkommen, um in kleinen Gesten und rührenden Szenen zu zeigen, wie hier etwas unaufhörlich auseinanderdriftet. Und spätestens zum Schluss, wenn eine sanfte Folkmusik die Credits einleitet, die unberührte, majestätische Natur vereint und trennt, hat die Aussteigergeschichte, haben Vater und Tochter so sehr das Herz erweicht, dass man erst einmal sitzen bleibt, das schützende Kino nicht wieder verlassen möchte.

Leave No Trace
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Leave No Trace
Ein Vater und seine Tochter leben zusammen in den Wäldern, wollen mit der Zivilisation nichts zu tun haben. Das klingt komisch, könnte auch aus einem Endzeitfilm stammen, entwickelt sich dann aber zu einem höchst emotionalen Aussteigerdrama. Dabei zeichnet sich „Leave No Trace“ dadurch aus, dass es auf plakative Momente verzichtet und lieber leise, ohne viele Worte inmitten unberührter Natur von kaputten Menschen und einer besonderen Beziehung erzählt.
9von 10

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