(„Les innocents aux mains sales“, directed by Claude Chabrol, 1975)

„Soll ich Dir von der Nacht erzählen, in der ihr mich umgebracht habt?“

Chabrol-Kennern dürfte die Handlung bekannt vorkommen: Eine Frau ist mit einem älterem Mann verheiratet, von dem sie finanziell abhängig ist. Die Ehe ist unglücklich. Eine Scheidung kommt nicht in Frage, daher bleibt nur eine Möglichkeit: der Mann muss umgebracht werden. Mittäter ist der Geliebte der Frau. Doch die Tat scheint zunächst schiefzugehen. Was hier klingt, wie eine Inhaltsangabe von Claude Chabrols Blutige Hochzeit ist zugleich auch die von Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen. Romy Schneider spielt Julie Wormser. Seit zehn Jahren ist sie mit dem bedeutend älteren Louis (Rod Steiger) verheiratet, der nach einem Herzinfarkt sein Geschäft verkauft hat und nun mit seiner Frau ein ruhiges Leben in einem teuren Anwesen in St. Tropez verlebt.

Die Beziehung ist jedoch schon länger erkaltet, sodass sich Julie nach mehr Leidenschaft sehnt, die ihr Mann ihr nicht geben kann. Da ist es ein Wink des Schicksals, dass eines Nachmittags der fliegende Drache eines attraktiven Nachbarn (Paolo Giusti) auf ihrem nackten Körper landet, den sie im Garten bräunt. Aus dieser zufälligen Bekanntschaft mit Jeff Marle entwickelt sich bald eine Affäre. Fast jeden Abend geben sie sich hemmungslosem Sex hin, während Julies Mann oft betrunken schon früh ins Bett geht und von all dem nichts mitzubekommen scheint. In den Köpfen der beiden sich Liebenden reift bald ein Plan heran: Louis muss verschwinden. Eines Nachts bringt Julie ihren fest schlafenden Ehemann um, Jeff beseitigt daraufhin den Leichnam (falls der Rezensent diesen Tatvorgang bzgl. des Bootes aufmerksam genug studiert hat, findet sich hier ein dicker Logikfehler, auf den man achten sollte). Die Polizei untersucht den Fall des vermissten Ehegatten, stößt auch auf das Boot, kann jedoch die Leiche nicht finden. Jeff verschwindet für die Zeit der Untersuchungen nach Italien, während man Julie immer mehr verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden von Louis Wormser zu tun zu haben. Die Dinge nehmen eine unerwartete Wendung, als der Totgeglaubte plötzlich wieder auftaucht – lebendig.

Es wurde viel über die Botschaft dieses Films philosophiert. Manche Rezipienten sehen in diesem Werk gar eine feministische Botschaft mit Schneider als Femme Fatale, die sich gegen alle Männer verteidigen muss, da alle ihr etwas Böses anhaben wollen. Erwähnenswert in dieser Hinsicht ist, dass Romy Schneider die einzige weibliche Person ist, die in diesem Streifen auftaucht. Vielleicht ist daher an dieser Theorie der starken, aber verlassenen Julie Wormser etwas dran, aber vordergründig geht es um wesentlich plakativere Dinge, wie sexuelle Abhängigkeit, Prostitution und Dominanz, aufgrund derer sich Menschen fast freiwillig ins Unglück stürzen. Verpackt wurde das in einen recht stereotypen Kriminalfall, der dem Zuschauer nichts von der psychologischen Raffinesse des Chabrols aus jener Zeit offeriert.

Der Film ist nicht derart symbolträchtig wie etwa Die untreue Frau, wo in langen, kargen Szenen die Leidenschaftslosigkeit des Ehepaares beschrieben wird. Stattdessen geschieht dies wesentlich unspektakulärer, indem Louis Wormser sich gleich zu Beginn beklagt, warum seine Frau ihn nicht mehr küsse oder andere Gesten der Liebe entgegenbringe. Psychologisch unbefriedigend ist zudem, dass jegliche Beweggründe für zwieträchtigen Hass nur in der Sexualität gesucht werden. Tiefgründige Erklärungen für den Zwiespalt zwischen dem Ehepaar Wormser werden zu keinem Zeitpunkt geliefert, was in der Natur der Sache liegt, denn die Zeit, das Seelenleben der Charaktere zu erforschen, hatte Chabrol in diesem Fall nicht. Stattdessen war er mehr damit beschäftigt, Wendungen über Wendungen einzubauen, von denen eine überraschender ist als die andere.

Dies macht den Krimi anfangs zwar noch sehr interessant, wirkt aber bald aufgrund der unnötigerweise aufkeimenden Komplexität sehr konstruiert und komplett unglaubwürdig. Dies hätte vielleicht durch eingehendere Charakterstudien besser kaschiert werden können, doch durch die fehlenden Analysen seiner Figuren, wie man sie von Chabrol gewohnt ist, ist man bis zum Schluss nicht gewillt, wahres Interesse für die Protagonisten aufkeimen zu lassen – ein Todesurteil für einen Krimi dieser Art, der bis zur letzten Minute erklärungsfaul bleibt. Das fehlende Interesse für die Personen auf dem Bildschirm oder auf der Leinwand wurde hier kompensiert mit mehr und mehr konstruierten Überraschungen, die letztlich nur noch ermüdend sind.

Doch der Film hat auch gute Aspekte. Claude Chabrol hat es sehr gut verstanden, Romy Schneider erotisch gekonnt in Szene zu setzen, sodass vor allem die Szene im Gedächtnis bleibt, in der Schneider komplett angekleidet und fast völlig im Dunkeln auf einem Türkis-angestrahlten Teppich liegt, die Augen halb geschlossen ihr Kleid langsam an den Beinen hochschiebend. Die Farbspiele sind allgemein bemerkenswert, denn im ersten Drittel des Films ist das Haus der Wormsers in ein diffuses, schimmerndes Türkis getaucht, was teils für surrealistische, sehr schön anzusehende Bilder sorgt.

Trotz der Nachlässigkeit bezüglich seiner Hauptfiguren hat es Chabrol nicht verlernt, skurrile Nebenfiguren einzufügen, die diesem Werk mehr Biss und Würze zukommen lassen, als es das Ehepaar Wormser zu tun vermag. Brillant als drahtiger Anwalt ist etwa die französische Schauspiellegende Jean Rochefort, der zwar nur in drei kurzen Szenen zu sehen ist, doch diese gehören aufgrund seiner amüsanten Präsenz zu den rar gesäten Highlights dieses Films. Die anfänglichen Ermittlungen gegen Julie versprechen immerhin noch einen zwar bescheidenen, aber nicht uninteressanten Kriminalfall, der sich anschließend leider immer mehr in seinen eigenen Wendungen verliert, sodass letztendlich eine einzige interessante Frage bleibt, welche die Spannung noch für eine gewisse Zeit aufrecht erhalten kann: wem kann Julie trauen, denn die aufkeimenden Überraschungen werfen sie stets in einen neuen Strudel, der sie nur verlassen und schockiert zweifeln lässt – an ihrem Mann, an Jeff, am ehesten vielleicht aber auch an sich selbst …

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen
4.12 (82.4%) 25 Artikel bewerten

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen
6von 10

2 Responses

  1. Ijon Tichy

    Also in meinen Augen war der Film alles andere als feministisch! Deine „Dominanz“-Interpretation trifft es doch eher. Insgesamt, wie auch du schreibst, sehr schwacher Film, den man nicht gesehen haben muss. Da gibt es bessere (französische) Filme mit Schneider!

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  2. Stephan Eicke

    Ich würde jetzt gerne auf deine Bemerkung zum Feminismus eingehen, aber ich erinnere mich kaum noch an den Film, abgesehen von der Szene im Dunkeln mit dem türkis angestrahlten Teppich und Romy Schneider… 😉

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