(„Les noces rouge“, directed by Claude Chabrol, 1973)

Als Thriller kann Blutige Hochzeit nur versagen. Das einzige Element, welches diese Kategorisierung rechtfertigen würde, wäre die Ermordung des Ehemannes, doch der Klappentext der DVD täuscht. Dreh- und Angelpunkt dieses Films ist nämlich in keiner Weise die Planung oder Durchführung dieses Verbrechens, sondern primär die Liebesbeziehung zwischen Pierre (Michel Piccoli) und Lucienne (Stéphane Audran), die mit dem Bürgermeister verheiratet ist, während Pierre seine unter starken Depressionen leidende Frau pflegen muss.

Der Bürgermeister ahnt nichts von der Affäre seiner Frau, im Gegenteil: Pierre ist ihm derart sympathisch, dass er diesen zu seinem Vertreter im Stadtrat ernennt. Überfordert mit seiner Ehe, bringt Pierre schließlich seine kranke Frau um, um sich Lucienne noch mehr hingeben zu können. Die Liebesaffäre zwischen dem Paar dauert fast ein Jahr, bis der Bürgermeister misstrauisch wird und seine Frau zugibt, ihn zu betrügen. Obwohl er Lucienne nicht im Mindesten zu grollen scheint, wird es bald unausweichlich, dass man den Bürgermeister umbringen muss.

Blutige Hochzeit (den Sinn des deutschen Titels hat der Rezensent bis heute nicht verstanden und erdreistet sich trotz Unverständnis, hiermit eine Kritik zu verfassen) ist das Porträt einer Affäre, ähnlich wie Der Schlachter die Darstellung einer unmöglichen Beziehung ist. Warum ist dieser Film nun besser als das Werk über den mörderischen Metzger? Obwohl Blutige Hochzeit nicht mit derart beeindruckenden Einstellungen wie etwa der Autofahrt-Szene in Der Schlachter aufwarten kann, so ist dieses Werk dadurch unterhaltsamer, als dass die Charaktere vielschichtiger und interessanter gestaltet sind. Lucienne wird als Frau des Bürgermeisters als Frau aus der oberen Schicht angesehen, bis Chabrol ihre Fassade langsam bröckeln lässt, indem er den Zuschauer erfahren lässt, dass sie bereits mit 17 Jahren ein Kind bekam, von dem Vater sitzengelassen wurde und schließlich den Politiker heiratete, der sie im Bett langweilt, weshalb sie sich in eine Affäre flüchtet, die ihr nur auf sexueller Ebene etwas zu bedeuten scheint.

Pierre hat eine kranke Frau, die ihm viel Kummer bereitet, weshalb er irgendwann nicht mehr bereit ist, weiter mit ihr zusammenzuleben. Chabrol betreibt mit dem Zuschauer in eine der interessantesten Szenen ein Assoziationsspiel, indem Pierre seiner Frau ein Medikament in flüssiger Form verabreicht, woraufhin sie bemerkt, das Medikament werde auch von Tag zu Tag bitterer. Die Kamera schwenkt zum nichts sagenden Gesicht Piccolis und man ahnt, weshalb das Getränk so bitter schmeckt. Einige Minuten später hat man Gewissheit. Über mehr als 60 Minuten hinweg beobachtet Chabrol die Affäre zwischen Pierre und Lucienne und das Besondere ist, dass diese Darstellungen zu keiner Sekunde langweilig werden, obwohl man dies erwarten könnte, liest man die Inhaltsangabe mit dem Versprechen, einen Mord serviert zu bekommen.

Ähnlich wie Pierre und Lucien fürchtet auch der Zuschauer, dass diese Affäre auffliegen könnte und durch Hinweise oder gezielte Dialoge lässt Chabrol diese Furcht der Charaktere stets von Neuem aufflammen, um die Spannungskurve stets ansteigen zu lassen und den Cineasten gut zu unterhalten. Das eigentliche Verbrechen spielt in diesem Film fast keine Rolle, wobei die Auflösung das Sahnehäubchen darstellt. Der Film wurde – um das erwähnt zu haben- von einem realen französischen Kriminalfall inspiriert, was hier eigentlich nicht wichtig ist, da man Blutige Hochzeit als unangenehm realistisches Psychodrama empfindet, ohne wissen zu müssen, ob die Geschichte nun auf realen Ereignissen beruht oder nicht.

Durch eine clevere Geschichte, hervorragende darstellerische Leistungen und genau ausgearbeiteten Psychogrammen der Charaktere wird dieses Werk zu einem wahren Erlebnis. Die Beziehung zwischen Pierre und Lucienne wird nie romantisch verklärt, sondern im Gegenteil eher humoristisch karikiert, hier soll also nicht der Eindruck entstehen Blutige Hochzeit sei ein perfekter Film für verliebte Pärchen, die sich gerne Romanzen anschauen. Es ist eher ein Film für Sadisten, Voyeure oder Perverse, welche das unsympathische Liebespaar beobachten und diebische Freude an jedem Missgeschick haben, welches ihnen widerfährt.

Blutige Hochzeit
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Blutige Hochzeit
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