Swan Song

Udo Kier [Interview]

Udo Kier ist ein deutscher Schauspieler und Synchronsprecher, der durch eine Vielzahl von Rollen bekannt geworden ist. Im Laufe seiner langen Karriere hat er mit vielen namhaften Regisseuren und Künstlern zusammenarbeiten dürfen, darunter Andy Warhol (Andy Warhols Frankenstein, Andy Warhols Dracula), Rainer Werner Fassbinder (Die dritte Generation, Lili Marleen, Lola), Christoph Schlingensief (Das deutsche Kettensägenmassaker, 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker), Gus Van Sant (Even Cowgirls Get the Blues, My Own Private Idaho) und Lars Von Trier (Medea, Breaking the Waves, Nymphomaniac, Melancholia). Darüber hinaus spielte Kier in einer ganzen Reihe von Blockbustern mit, beispielsweise Stephen Norringtons Blade, Peter Hyams’ End of Days – Nacht ohne Morgen oder Michael Bays Armageddon – Das jüngste Gericht.

Obwohl er seit den 1990er Jahren in Hollywood nicht nur arbeitet, sondern auch lebt, hat er bislang nur in Nebenrollen mitgespielt. In Todd Stephens’ Swan Song hingegen spielt er die Hauptrolle, die Figur des Pat Pitsenbarger, eines Friseurs, der für einen letzten Auftrag zurückkehrt in seine alte Heimat. Vor allem Kiers Darstellung wurde von der Kritik gelobt und wurde 2022 beispielsweise auf dem Dublin International Film Festival oder dem Monte-Carlo Comedy Film Festival mit entsprechenden Auszeichnungen geehrt.

Anlässlich des Heimkinostarts von Swan Song am 25. Mai 2023 spricht Udo Kier im Interview über seine Rolle, die Dreharbeiten und die wichtigste Lektion als Schauspieler.

Pat Pitsenbarger ist, auch wenn man es nicht glauben mag, keine fiktiver Figur, sondern jemand, der in Sandusky, der Heimat von Regisseur Todd Stephens, so etwas wie eine Lokalberühmtheit war. Was kannst du uns über den echten Pat erzählen und was hat dich an der Rolle interessiert?

Als ich das Drehbuch gelesen hatte, wollte ich unbedingt mit Todd Stephens über diese Rolle sprechen. Swan Song behandelt ein sehr heikles Thema und mich interessierte, wie er dies verfilmen wollte. Bei dieser ersten Begegnung erzählte er mit von dem echten Pat Pitsenbarger, der, wie du schon sagst, eine wahre Berühmtheit in Sandusky war, alleine schon wegen einer auffallenden Kleidung, die etwas von David Bowie während der Ziggy Stardust-Phase hatte. Mir gefiel das, was mir Stephens erzählte, sodass ich nicht lange mehr überlegte und zusagte.

Während der Vorbereitung traf ich dann Menschen, die Pat kannten und mir noch mehr Details zu dieser Person gaben, von der Art, wie er seine Zigarette hielt, bis hin zu seiner Art zu gehen. Ich verbrachte auch ein paar Tage in dem Altersheim, in dem der Anfang von Swan Song spielt, habe in dem Bett gelegen und am Fenster des Zimmer gestanden, in dem der Charakter, den ich spielen sollte, lebt.

Wir haben den Film in etwas weniger als zwei Wochen in chronologischer Folge gedreht. Da es für Pat eine Reise in seine alte Heimat und seine Vergangenheit ist, kam mir diese Vorgehensweise sehr gelegen. Wir haben also im Altersheim die ersten Drehtage verbracht, sind dann in die Stadt und zum Friedhof gegangen, und schließlich wieder zurück in die Stadt, in der Pat sieht und hört, was sich alles verändert hat.

Wie hast du die Zusammenarbeit mit Regisseur Todd Stephens erlebt und die weiteren Dreharbeiten?

Es war eine sehr enge Zusammenarbeit mit ihm. Während der Dreharbeiten gab es immer wieder tolle Momente, beispielsweise als Pat im elektrischen Rollstuhl durch die Stadt fährt und sich hinter ihm der Verkehr staut. Das hat großen Spaß gemacht und ist ein toller Moment im Film.

Mir gefällt auch, mit welchem Feingefühl Todd Stephens den Film geschnitten hat, wie er die Musik auswählte und ich freue mich, dass er von Publikum und Kritik so positiv aufgenommen wurde. Dass ich für meine Rolle noch mit vielen Preisen geehrt wurde, ist das sprichwörtliche Sahnehäubchen.

Wie war es, zum ersten Mal in einem US-amerikanischen Film die Hauptrolle zu spielen?

In Projekten wie Blade, Ace Ventura, End of Days oder Armageddon hatte ich gute Rollen, aber es waren eben immer Nebenrollen. Anders als bei Schlingensief. In Swan Song spielte ich dann die Hauptrolle, was die New York Times zu der Zeile brachte, dass dies doch endlich einmal an der Zeit war. Jetzt kann man natürlich monieren, dass ich doch schon bei Andy Warhol Hauptrollen spielte, doch diese Filme wurden in Italien gedreht und waren keine US-amerikanischen Produktionen.

Bei Swan Song hat mir gefallen, dass ich mich in die Rolle des Pat Schritt für Schritt hineinversetzen konnte. Den grünen Anzug, den ich im Film trage, hatte ich auch nach Drehschluss meistens noch an, wurde von den Anwohnern meist mit „Pat“ angesprochen und immer wieder auf einen Chardonnay eingeladen.

Pat ist eine sehr glamouröse Gestalt, wobei der Anzug nur eine von vielen Requisiten ist. Gibt es einen Teil des Kostüms, den du am liebsten mochtest?

Das Kostüm bekommt er in einem Second-Hand-Laden als Geschenk, ebenso wie den Hut. Ich mochte an all diesen Dingen, wie sie Pat nach und nach verwandelten, ihn näher an die Person bringen, die er einmal war und die so viele Menschen in Erinnerung haben.

Leider ist es in vielen Produktionen, nicht nur US-amerikanischen, noch immer so, dass die Darstellung eines Homosexuellen mit gewissen Klischees einhergeht. Wie hast du diese umgangen?

Das ist leider wahr, was du sagst. Mir war von Anfang an wichtig, dass ich Pat nicht als jemanden spielen wollte, der durch übertrieben feminine Züge oder Verhaltensweise auffällt, wie man sie aus den von dir angesprochenen Produktionen kennt. Pats Freunde waren mir dabei eine sehr große Hilfe, wie ich schon sagte, weil sie mir verrieten, wie sich der echte Pat bewegte, wie er ging und wie er sprach. Abgesehen einmal davon, was könnte femininer sein, als einen Kronleuchter auf dem Kopf zu tragen und damit auf der Bühne zu stehen.

Was war eigentlich die wichtigste Lektion, die du deinen Studenten mit auf den Weg gegeben hast, als du einmal Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig warst?

Talent kann man nicht lernen. Man kann eine Technik erlernen, was vor allem im Theater sehr wichtig ist. Beim Film hingegen braucht man das nicht zwingend.

Als ich mich übrigens für die Stelle bewarb, musste ich einen Vortrag vor den Professoren halten. Mein Thema war „Kartoffeln schälen und Fenster putzen“. Den Job habe ich dann bekommen.

In meinem Kurs waren sieben Studenten eingeschrieben, eine Frau und sechs Männer. Zu Beginn sind wir in den Wald gegangen, wo ich sie bat, sich eine halbe Stunde lang alles genau anzusehen. Danach haben wir uns auf einen Kaffee getroffen und ich fragte sie, ob sie das Vogelnest oder andere Details gesehen hätte. Als sie mir sagten, dass sie diese Dinge nicht gesehen hatte, meinte ich, sie würden meine und ihre Zeit vergeuden und in den nächsten Sitzungen würden wir uns damit befassen, wie man Dinge beobachtet und wahrnimmt.

Wir gingen in Räume und die Studenten hatten nur zwei Minuten, um mir zu sagen, was sie alles sehen. Später im Semester haben wir Kurzfilme gedreht, in denen ich auch mitspielte.

Ich musste die Stelle ja dann aufgeben, weil ich in die USA zog, aber ich habe mich sehr gefreut, als man mir vor ein paar Jahren sagte, dass vier meiner ehemaligen Studenten mittlerweile selbst Professoren sind. Vor allem bin ich deswegen da so stolz drauf, weil mir der Direktor der Hochschule Braunschweig damals sagte, dass in meinem Kurs nur Problemfälle seien. (lacht)

An welchen Projekten arbeitest du aktuell?

Momentan spiele ich in der Serie Hunters zusammen mit Al Pacino. Ich spiele dort den nach Südamerika geflohenen Adolf Hitler. Vom Friseur von nebenan hin zum einem der bösesten Menschen, die es je gegeben hat – das nenne ich einmal einen Sprung. (lacht)

Außerdem arbeite ich an einem Projekt, in dem ich den Maler Albert Oehlen spiele.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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