Die Odyssee La Traversee
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„Die Odyssee“ // Deutschland-Start: 28. April 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Bislang hatten die beiden Geschwister Kyona und Adriel ein schönes und glückliches Leben geführt. Doch das endet eines Tages schlagartig, als ihr Ort überfallen wird und ihre Familie gezwungen ist zu fliehen. Eigentlich sind das Ziel und der Weg dorthin schnell geplant. Bei einer Zugkontrolle werden sie aber von ihren Eltern getrennt und müssen erst einmal alleine weiter. Die anfängliche Hoffnung, sich bald wiederzusehen, zerschlägt sich. Und so müssen die 13-jährige Kyona und ihr ein Jahr jüngerer Bruder selbst einen Weg finden. Einfach ist das nicht, zumal ihnen unterwegs immer wieder Leute begegnen, die ihnen Böses wollen. Aber es sind auch welche dabei, die ihnen während ihrer Odyssee hilfreich zur Seite stehen …

Das große Thema Flucht

Das Thema Flucht ist seit der humanitären Krise 2015 ein fester Bestandteil der Filmlandschaft. Gerade der Dokumentarfilmbereich war sehr geprägt von den Geschichten der Menschen, die der Gewalt und dem Elend zu entkommen versuchten – mit den bekannten Folgen. Nachdem es zwischenzeitlich ruhiger wurde, dürfte der aktuelle Ukraine-Krieg eine neue Welle auslösen. An erzählenswerten Schicksalen und Motiven mangelt es nicht, wenn plötzlich Millionen Menschen gezwungen sind, in der Fremde unterzukommen. Dass Die Odyssee in dieser Phase in die hiesigen Kinos kommt, ist schon irgendwie unheimlich. Umso mehr, da die Regisseurin und Co-Autorin Florence Miailhe sich von der Lebensgeschichte ihrer eigenen Urgroßeltern hat inspirieren lassen, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus Odessa fliehen mussten.

Um eine direkte Verfilmung dieses Schicksals handelt es sich jedoch nicht. Tatsächlich vermeiden es Miailhe und Marie Desplechin, die mit ihr das Drehbuch geschrieben hat, in irgendeiner Form konkret zu werden. Der Name des Dorfes wird nicht genannt. Wir wissen nicht einmal, in welchem Land wir uns aufhalten. Und auch beim zeitlichen Kontext hält sich Die Odyssee sehr zurück. Anfangs meint man noch, es handele sich um einen historischen Stoff. Später wird dann aber doch ein Handy gezückt, was die Geschichte zeitgenössischer macht. Um eine Nachlässigkeit handelt es sich bei dieser Zurückhaltung nicht. Vielmehr verleihen diese bewussten Leerstellen dem Film etwas sehr Universelles. Es geht nicht um eine bestimmte Flucht, der wir verfolgen. Es ist vielmehr das Thema Flucht an sich, welches hier durchgenommen wird.

Flüchtige Begegungen

Zu diesem Zweck haben sich Desplechin und Miailhe eine ganze Reihe von Ereignissen und Begegnungen ausgedacht, die chronologisch aufeinander folgen, aber nicht unbedingt inhaltlich aufeinander aufbauen. Manche Begegnungen werden später aufgegriffen, andere sind flüchtig. Geprägt wurde Kyona, die als alte Frau per Voiceover an diese Zeit erinnert, von ihnen allen. Die Vielfalt innerhalb dieser einzelnen Episoden ist groß, auch weil Die Odyssee auf Ambivalenz setzt. Während einige Figuren ganz klar böse sind, darunter die Soldaten, und andere helfen wollen, finden sich viele irgendwie dazwischen wieder. Eine direkte Einteilung und Beurteilung fällt schwer. Denn nicht nur die zwei Kinder sind verzweifelt. Auch andere müssen schauen, wie sie irgendwie über die Runden kommen, weswegen an der geeigneten Stelle kollaboriert oder zumindest weggeschaut wird.

Neben dieser inhaltlichen Ambivalenz ist es vor allem die visuelle Umsetzung, die Die Odyssee zu etwas Besonderem waren. Genauer wurde der Film als aufwendige Öl-auf-Glas-Animation realisiert. Diese Technik ist nicht neu. Seit Jahrzehnten finden sich immer wieder Künstler und Künstlerinnen, die diese einsetzen. Berühmt ist beispielsweise Aleksandr Petrov, der für seinen meisterhaften Kurzfilm The Old Man and the Sea von 1999 nach dem gleichnamigen Roman von Hemingway einen Oscar erhielt. Die Technik ist jedoch so zeitintensiv, dass schon ein minutenlanger Film Jahre Arbeit fordert. Florence Miailhe ließ sich davon jedoch nicht abhalten und schuf den ersten spielfilmlangen Titel, der mit dieser Technik arbeitete. Am Ende dauerte es 15 Jahre von der ersten inhaltlichen Arbeit bis zum fertigen Film, der auf dem bedeutenden Animationsfestival Annecy 2021 gezeigt wurde.

Ein Kunstwerk für Erwachsene

Dass es dieser bei uns bis in die Kinos schafft, ist ein echtes Geschenk. Nicht nur dass Animationsfilme für ein erwachsenes Publikum bei uns dort selten zu sehen sind. Es ist zudem ein besonders kunstvolles Beispiel eines solchen. Die Designs mögen recht schlicht sein, teilweise so, als wären sie selbst von Kindern erstellt. Aber sie sind sehr ausdrucksstark, gerade auch durch die Farbgebung. Zuweilen wird die Optik auch etwas surrealer, wenn Grenzen verschwimmen, zeitliche wie örtliche. Überhaupt hat der Film immer was wieder etwas leicht Märchenhaftes an sich, gerade im Mittelteil, weil die Geschwister sehr ungewöhnlichen Menschen über den Weg laufen. Und doch zeigt Die Odyssee eindrucksvoll real, was es heißt, plötzlich ohne Heimat dazustehen und die halbe Welt umreisen zu müssen und vielleicht wieder eine neue zu finden.

Credits

OT: „La Traversée“
Land: Frankreich, Deutschland, Tschechische Republik
Jahr: 2021
Regie: Florence Miailhe
Drehbuch: Marie Desplechin, Florence Miailhe
Musik: Philipp E. Kümpel, Andreas Moisa

Bilder

Trailer

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Die Odyssee
Fazit
„Die Odyssee“ begleitet zwei Kinder, die auf der Flucht vor Gewalt von ihren Eltern getrennt werden und nun auf sich selbst angewiesen sind. Der Film gefällt durch seine ausdrucksstarke Öl-auf-Glas-Animationsoptik, aber auch durch den vielschichtigen Inhalt zwischen Realismus und Märchenhaftem. Gerade die Ambivalenz und die Beschäftigung mit den Einflüssen unserer Vergangenheit, so flüchtig diese auch sein mögen, machen das Werk sehenswert.
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