Eine fremde Tochter TV Fernsehen Das Erste ARD Mediathek
© NDR/Georges Pauly

Eine fremde Tochter

Eine fremde Tochter TV Fernsehen Das Erste ARD Mediathek
„Eine fremde Tochter“ // Deutschland-Start: 9. März 2022 (Das Erste)

Inhalt / Kritik

Der Schock ist groß bei Alma Schönbeck (Hannah Schiller): Eigentlich hatte die Teenagerin zusammen mit ihrer Mutter Carolin (Maja Schöne) Essen gehen wollen und muss dann mitansehen, wie diese vor ihren Augen überfahren wird. Jede Hilfe kommt zu spät, Carolin stirbt noch am Unfallort. Da ihre Großeltern inzwischen zu alt und zu schwach sind, soll Alma bei ihrem getrennt lebenden Vater Oliver (Mark Waschke) unterkommen. Dabei ist sie auf ihn nicht gut zu sprechen, seitdem er damals die Familie verlassen hat und nun mit Felix (Wanja Mues) eine Beziehung führt. Die erste Zeit gestaltet sich schwierig, Vater und Tochter finden nur schwer Zugang zueinander. Deutlich besser läuft es da schon mit Johannes (Oskar Wohlgemuth), der auf dieselbe Schule geht wie sie und ihr seine Hilfe anbietet. Dass er bei den Zeugen Jehovas ist, stört sie nicht weiter. Vielmehr entwickelt sie Interesse für die Lehren seiner Gemeinschaft …

Eine tragische Familienzusammenführung

In Dramen gehört es immer mal wieder zu den gern verwendeten Szenarien: Ein Mensch stirbt, wodurch dann ein nun allein lebendes Kind von einem anderen Familienmitglied aufgezogen werden. Meistens handelt es sich dann um ein entfremdetes Familienmitglied, der Film erzählt, wie die beiden sich zusammenraufen und Differenzen überbrücken müssen. Ob Manchester by the Sea, Familienbande oder Babamin Kemani – Die Geige meines Vaters, die Liste an Beispielen ist lang. Insofern steht der ARD-Film Eine fremde Tochter in einer langen Tradition, wenn hier eine Jugendliche nach dem plötzlichen Tod der Mutter ein neues Leben beginnen muss. Dass hier das entfremdete Familienmitglied der eigene Vater ist, das ist eine etwas seltenere Variante. Vom Prinzip her funktioniert es aber sehr ähnlich.

Der bedeutendere Unterschied ist der Grund für die Entfremdung: Wenn ein Vater sich scheiden lässt, weil er lieber doch mit Männern zusammen sein will, dann ist das verständlicherweise irritierend. Wobei diese Irritation überwiegend bei der Tochter auftritt, die Mutter schien damit ihren Frieden gemacht zu haben. Bei Eine fremde Tochter geht es also nicht nur um eine reguläre Annäherung. Die Geschichte ist eng mit Themen wie Schuld und Vergebung verbunden, dazu noch Fragen der Identität. Oliver und Alma müssen sich damit auseinandersetzen, wer sie sind, da trifft Coming of Age auf Coming out. Dabei kommt es zwangsläufig zu thematischen Überschneidungen: Die Familienzusammenführung kann nur dann erfolgreich sein, wenn beide einen Weg für sich selbst finden.

Ein überladenes Drehbuch mit viel Willkür

Das ist grundsätzlich eine ganz interessante Abwandlung des bekannten Szenarios. Problematisch ist aber, dass Drehbuchautor Daniel Nocke sich damit nicht zufriedengeben soll. Während der tragische Tod und die Auseinandersetzung mit der Homosexualität zwar eine ungewöhnliche, aber doch noch einigermaßen plausible Geschichte ist, schichtet Eine fremde Tochter mehr und mehr Themen und Dramen oben drauf, bis alles unter dem Gewicht zusammenkracht. Dass mit dem Auftauchen der Zeugen Jehovas noch eine weitere inhaltliche Front aufgemacht wird, hätte es absolut nicht gebraucht. Anderthalb Stunden reichen einfach nicht dafür aus, das alles einigermaßen ausreichend zu behandeln. Wenn dann auch noch Punkte hinzukommen wie ein Sporttrainer, der mit Minderjährigen etwas anfangen könnte, dann darf man endgültig fragen: Was genau wollte der Film damit sagen?

Diese Flut an Themen führt zudem dazu, dass die Figuren sich zunehmend willkürlich verhalten, um irgendwie den Wendungen hinterherzukommen. Wer gerade mit wem gut kann oder nicht kann, entspringt dann nur noch dem Zufallsprinzip. Konflikte kommen aus dem Nichts und sind ebenso plötzlich wieder verschwunden. Das ist schade, teilweise sogar ärgerlich, da die Themen an sich durchaus interessant sind. Und auch dem Ensemble ist nichts vorzuwerfen, das sich achtbar durch den Unsinn schlägt. Ob die inhaltlichen Mängel der Grund dafür sind, dass nach der Premiere beim Filmfest Hamburg 2019 zweieinhalb Jahre bis zur regulären Ausstrahlung vergingen, lässt sich nur spekulieren. Die Welt wäre zumindest nicht unbedingt ärmer, wenn Eine fremde Tochter in den filmischen Katakomben geblieben wäre.

Credits

OT: „Eine fremde Tochter“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Stefan Krohmer
Drehbuch: Daniel Nocke
Musik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas
Kamera: Armin Dierolf
Besetzung: Mark Waschke, Wanja Mues, Hannah Schiller, Oskar Wohlgemuth

Bilder



(Anzeige)

Eine fremde Tochter
Fazit
Wenn nach dem Unfalltod der Mutter die Tochter beim Vater leben soll, der sich aufgrund seines späten Coming-outs von der Familie getrennt hat, dann ist das eine zunächst interessante Abwandlung eines beliebten Drama-Szenarios. „Eine fremde Tochter“ begnügt sich aber nicht damit, sondern häuft noch deutlich mehr Themen und Probleme an, bis der Film trotz guter schauspielerischer Leistungen in sich zusammenfällt.
Leserwertung459 Bewertungen
3.9
4
von 10