M Night Shyamalan Servant Interview Apple TV+
M. Night Shyamalan am Set von "Servant" (© Apple TV+)

M. Night Shyamalan [Interview]

In Serie Servant erzählt der für Blockbuster wie The Sixth Sense und Unbreakable – Unzerbrechlich bekannte Regisseur M. Night Shyamalan von einem Ehepaar, das einen schweren Verlust zu verkraften hat, aber auch von einem geheimnisvollen Kindermädchen, das bei ihnen anfängt. Dabei verknüpft er Horror, Mystery und Drama zu einem ebenso kunstvollen wie unheimlichen Rätsel, bei dem vieles nicht das ist, was es scheint. Zum Start der dritten Staffel am 21. Januar 2022 auf Apple TV+ unterhalten wir uns mit ihm über die Arbeit an der Serie, den Reiz von Wendungen und weshalb Menschen in Sekten landen.

 

In Servant führen neben dir noch eine Reihe weiterer Leute Regie, anders als bei deinen eigenen Filmen. Dennoch muss die Serie am Ende wie aus einem Guss wirken. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Ich suche mir die einzelnen Regisseure und Regisseurinnen ganz genau aus und schaue mir ihre Filme und Kurzfilme an. Das ist wie bei einem Casting. Unser großer Vorteil ist, dass alle Drehbücher bereits fix sind, wenn wir mit dem Dreh einer Staffel beginnen. Dadurch kann ich immer diejenigen Regisseure und Regisseurinnen auswählen, deren Stil perfekt zu einer Episode passt. Die einen sind zum Beispiel gut darin, eine mysteriöse Atmosphäre aufzubauen und diese langsam aufzulösen. Andere sind besser in kraftvollen Szenen, etwa bei einer Party. Jeder hat seine eigenen Stärken und eine eigene Stimme, sie passen aber trotzdem zu dem Stil, den wir insgesamt in Servant verfolgen.

In der zweiten Staffel hast du mit auffallend vielen Regisseurinnen zusammengearbeitet. Wird das so weitergehen?

Wird es, ja. Wir werden am Ende der Serie vermutlich mit mehr Regisseurinnen als Regisseuren gearbeitet haben. Auf jeden Fall wenn du mich nicht dazu zählst. Wir haben das aber nicht aus einer politisch korrekten Agenda heraus getan. Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch wertvoll ist und etwas Eigenes zu bieten hat. Vielleicht ist es so, dass ich als Immigrant das Gefühl hatte, in Hollywood nicht wirklich dazu zu gehören. Auf jeden Fall kann ich es nachempfinden, wie Frauen in Filmen über Angst sprechen, über Schmerzen. Das spricht mich besonders an. Es hängt aber auch vielleicht damit zusammen, dass es einfach weniger Regisseurinnen gibt und damit auch weniger Filme, die aus der Perspektive von Frauen erzählt werden. Dadurch fühlen sich ihre Filme frischer und neuer für mich an.

Nach der aktuellen Staffel soll es noch eine letzte vierte geben. Ist bei der bereits alles fest entschieden, wie es ausgeht, oder arbeitest du noch an der Geschichte?

Das ist mittlerweile alles fest. Als ich mit Servant angefangen habe, war ich mir noch nicht ganz sicher. Ich hatte zwar eine grobe Vorstellung von allem, ohne das aber konkret schon ausgearbeitet zu haben. Das war für mich etwas völlig Neues. Für mich wäre es undenkbar, einen Film zu drehen, ohne einen genauen Plan zu haben. Als dann die Pandemie losging, gab mir das die Gelegenheit, weiter an der Geschichte zu arbeiten und festzulegen, wie zum Beispiel Staffel drei enden wird. Und eben Staffel vier. Ich bin auch sehr dankbar, dass wir das Projekt so abschließen können wie geplant. Apple würde vielleicht noch weitere Staffeln genehmigen. Aber für mich ist die Geschichte, so wie ich sie geschrieben habe, definitiv abgeschlossen.

Du bist seit The Sixth Sense  besonders für deine Wendungen bekannt. Auch in Servant gibt es viele Überraschungen für das Publikum. Was gefällt dir so daran?

Ich bin jemand, der quasi mit Mystery handelt. Und es gehört zu Mystery dazu, dass du irgendwann eine Antwort auf diese Fragen bekommst. Es macht Spaß, zusammen mit der Hauptfigur erst einmal nicht zu wissen, was da geschieht und dann auf einmal alles zu verstehen. Ich liebe das. Bei meinem Film The Visit ist das Publikum im Kino am Ende ausgeflippt, als ihm klar wurde, was los ist. Bei Servant funktioniert das natürlich etwas anders, weil es sich um eine Online-Serie handelt, die man sich zu Hause anschaut und nicht in einer großen Gruppe. Aber das Gefühl, wenn auf einmal alles ganz klar wird, das hast du auch hier.

Das serielle Erzählen erfordert aber auch, dass das Publikum wieder einschaltet bei der nächsten Folge. Worin liegt deiner Ansicht nach der Reiz von Servant, dass die Leute zurückkommen und mehr wollen?

Ich denke, dass das zwei Punkte sind. Da ist zum einen die Tragödie um eine Familie, die einen schweren Verlust erlitten hat und mit diesem lernen muss umzugehen. Der zweite Punkt ist das geheimnisvolle Mädchen, von dem am Anfang nicht klar ist, woher es kommt. Wen haben die beiden da in ihr Haus gelassen? Woher kommt es?

Später wird klar, dass es in einer Sekte war, und wir erfahren, wie schwierig es für ist, aus dieser wieder herauszukommen. Was bringt die Menschen dazu, so einer Sekte überhaupt beizutreten?

Wenn du dir anschaust, was gerade auf der Welt geschieht, gerade in den USA, da siehst du bei vielen, dass sie sich so verhalten, als wären sie Teil einer Sekte. Wir gehen durch das Leben in dem Glauben, dass unsere Eltern alles wissen. Der Moment, in dem dir klar wird, dass vieles, was sie dir gesagt haben, nur ausgedacht ist, der ist schon sehr erschreckend. Oder auch wenn dir bewusst wird, dass die Regeln von Religionen nur darauf basieren, dass irgendjemand mal etwas gesagt hat. Du gehst dann durch die Welt, ohne dass es feste Regeln gibt oder eine eindeutige Wahrheit. Da kann es sehr verführerisch und beruhigend sein, wenn dir jemand sagt, wie die Welt aufgebaut ist, und du dadurch wieder etwas hast, an dem du dich festhalten kannst. Wir alle sehnen uns danach, zu etwas dazu zu gehören. Wir brauchen das als Menschen. Und manche finden das eben in Sekten, selbst wenn es völlig verrückt ist, was die dir erzählen. Sie würden dann alles dafür tun, Teil von dieser Gemeinschaft zu sein. Und sie würden selbst mit dieser untergehen, wenn es nötig ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
M. Night Shyamalan wurde 6. August 1970 in Mahé, Indien geboren. Seine Eltern immigrierten in die USA, als er sechs Wochen alt war. Er wollte schon früh Filmemacher werden und studierte später an der University Tisch School of the Arts in New York City. Sein Regiedebüt gab er 1992 mit dem semibiografischen Drama Praying with Anger. Seinen Durchbruch schaffe er 1999 mit dem Horrorfilm The Sixth Sense, der für mehrere Oscars nominiert war und bereits sein Markenzeichen enthielt: ein später Twist. Nach einigen weiteren erfolgreichen Filmen aus dem Mystery-Bereich geriet seine Karriere später ins Straucheln. Mit den selbst finanzierten Filmen The Visit (2015) und Split (2016) feierte er wieder ein Comeback und konzentriert sich seither auf kleinere Titel und Serien.



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