Inhalt / Kritik

Die Ibiza Affäre Sky

„Die Ibiza Affäre“ // Deutschland-Start: 21. Oktober 2021 (Sky)

Der Wiener Anwalt Ramin M. (David A. Hamade) und der Privatdetektiv Julian H. (Nicholas Ofczarek) mögen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben. Der erste ist korrekt und seriös, der zweite schillernd und temperamentvoll. Eines aber schon: Sie verabscheuen Heinz-Christian Strache (Andreas Lust), der Vizekanzler Österreichs. Als sich ihnen die Chance bietet, den ebenso mächtigen wie skrupellosen Politiker zu Fall zu bringen, scheuen sie keine Mühe. Der Plan sieht vor, mithilfe einer vermeintlichen russischen Oligarchin (Anna Gorshkova) und des reichen Erben Johann Gudenus (Julian Looman) an Strache heranzukommen und dessen Korruption offenzulegen. Später werden auch die beiden Journalisten Bastian Obermayer (Stefan Murr) und Frederik Obermaier (Patrick Güldenberg) in die Geschichte hineingezogen – und können kaum glauben, was sie da sehen …

Ein Skandal nach dem anderen

Ist das jetzt ein gutes Timing oder ein schlechtes Timing? Zumindest ist es bemerkenswert, dass die Serie Die Ibiza Affäre kurze Zeit nach dem Skandal um Sebastian Kurz erscheint. In beiden Fällen geht es um österreichische Spitzenpolitiker, die nach Bekanntwerden systematischer Korruption und Einflussnahme auf die Medien zurücktreten mussten. 2019 noch bestand der ehemalige Bundeskanzler Kurz darauf, die Zusammenarbeit mit dem damaligen Vizekanzler Strache zu beenden, weil ein solches Verhalten nicht zu tolerieren sei. Inzwischen hat es ihn selbst erwischt, was die erste Geschichte fast schon ein wenig relativiert und die Frage aufwirft: Lohnt es sich da überhaupt, den alten Fall noch mal auszugraben, wenn es längst aktuellere Skandale gibt?

Antwort: ja. Natürlich ist das Ende der Geschichte bekannt. Selbst wer sich nicht groß weiter in das Thema einarbeiten wollte, dürfte davon gehört haben, wie sich Strache vor versteckter Kamera in mehr als einer Hinsicht daneben benahm und sich offen korrupt verhielt. In der Sky-Serie Die Ibiza Affäre geht es dann auch weniger um das Video als solches. Die Ereignisse, welche seinerzeit gefilmt wurden, nehmen einen vergleichsweise kleinen Raum ein. Stattdessen rücken hier zwei Männer-Duos in den Mittelpunkt. Da wären zum einen der Anwalt und der Privatdetektiv, welche die gesamte Geschichte einfädelten. Zum anderen begleiten wir die beiden Journalisten der Süddeutschen Zeitung, welche – neben einigen anderen – dafür sorgten, dass das Video und dessen Inhalte publik wurden.

Zwischen Witz und Schrecken

Immer wieder wechselt die Erzählung zwischen den beiden Duos hin und her. Damit einher geht ein recht großer Kontrast: Während die Passagen um die beiden Journalisten recht nüchtern und seriös sind, schließlich haben wir es mit einer respektablen Zeitung zu tun, da ist die Geschichte der beiden anderen oft kurios bis absurd. Nicht nur dass die Falle um eine vermeintlich schwerreiche Oligarchin ziemlicher Wahnsinn ist, auch sonst geht es da oft drunter und drüber. Die Ibiza Affäre erzählt eben nicht nur von einem Skandal großer Tragweite, sondern gerade auch von einer Reihe bemerkenswerter Persönlichkeiten, die grundverschieden sind und die erst im Zusammenspiel den Fall des Politikers ermöglichten. Persönlichkeiten, die tatsächlich auch interessanter sind als Strache selbst, der zusammen mit dem schwerreichen Proleten Gudenus nicht viel mehr als eine Witzfigur ist.

Überhaupt gibt es in der Serie erstaunlich viel zu lachen. Wobei man an der einen oder anderen Stelle nicht weiß, ob man da noch lachen möchte, weil das eigentlich richtig furchtbar ist. Das bedeutet auch, dass man bei Die Ibiza Affäre gar nicht so wirklich sagen kann, welches Genre das eigentlich sein soll. Auch wenn die deutsch-österreichische Produktion zuweilen als Politthriller verkauft wird, so schwankt sie doch – vergleichbar zu The Billion Dollar Code neulich – zwischen Komödie, Satire, Drama, Krimi und einigen anderen Bereichen hin und her, offensichtlich sehr darum bemüht, bloß in keiner Schublade steckenzubleiben.

Irrer und spielfreudiger Trip

Darauf muss man sich einlassen können. Regisseur Christopher Schier (Tatort: Die Amme) inszeniert die Geschichte als irren und spielfreudigen Trip, der sich an dem eigenen Wahnsinn berauscht. Manchmal ist es bei diesen vielen Sprüngen und Wendungen nicht ganz einfach, selbst noch in der Spur zu bleiben. Zudem ist die Serie dann doch noch stärker auf ein österreichisches Publikum ausgerichtet, das die diversen Verweise und Kontexte kennt und dadurch die Ereignisse besser einordnen kann. Aber selbst wer nicht dazu gehört und hier mitten ins kalte Wasser geworfen wird, kann mit Die Ibiza Affäre eine sehr gute Zeit haben. Die temporeiche, zum Teil verspielte Inszenierung und ein engagiertes Ensemble tragen dazu bei, dass man diesen Skandal trotz großer Echtzeit-Konkurrenz nicht so schnell wieder vergisst.

Credits

OT: „Die Ibiza Affäre“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2021
Regie: Christopher Schier
Drehbuch: Stefan Holtz, Florian Iwersen
Musik: Elizabeth Bernholz, Max De Wardener
Kamera: Thomas W. Kiennast
Besetzung: Nicholas Ofczarek, David A. Hamade, Andreas Lust, Julian Looman, Anna Gorshkova, Cosima Lehninger, Stefan Murr, Patrick Güldenberg

Bilder

Trailer

Interview

Noch mehr Infos zu Die Ibiza Affäre findet ihr in unserem Interview mit Patrick Güldenberg, der in der Serie einen der beiden Journalisten spielt.

Patrick Güldenberg [Interview]

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Die Ibiza Affäre
„Die Ibiza Affäre“ zeichnet die Vorgeschichte zum berühmten Enthüllungsvideo nach, welches die österreichische Regierung in eine Krise stürzte. Die Serie ist dabei temporeich inszeniert, über alle Genregrenzen hinweg, bleibt aber auch des Ensembles wegen in Erinnerung, das sich ganz dem Wahnsinn der Ereignisse hingibt.
8von 10
Leserwertung: (6 Votes)
5.4

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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