Die Geschichte machte damals bis weit über die Grenzen Österreichs hinaus Schlagzeilen: Ein Video zeigte den damaligen österreichischen Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache bei einer höchst kompromittierenden Situation rund um Korruption und politische Einflussnahme und kostete den Österreicher letztendlich sein Amt. Die Ibiza Affäre zeichnet den Weg nach, wie es überhaupt zu diesem Video kommen konnte. Zum Start am 21. Oktober 2021 auf Sky Atlantic unterhalten wir uns mit Patrick Güldenberg, der einen der Journalisten spielt, über die Arbeit an der Serie, Korruption und die Aufgabe des Journalismus.

 

Was hatte dich an Die Ibiza Affäre interessiert?

Ich versuche eigentlich immer etwas zu machen, das auch etwas bedeutet. Das einen Sinn hat. Also mehr als nur reine Unterhaltung ist. Ich würde mich selbst schon auch als einen politischen Menschen bezeichnen, dem es wichtig ist, den Leuten zu zeigen, was da draußen gerade passiert. Vielleicht auch eine Sensibilität zu schaffen. Und das war bei diesem Projekt der Fall.

Hattest du die Affäre damals selbst verfolgt?

Ja, schon, wenn auch nicht sehr intensiv. Ich fand die Geschichte damals zuerst amüsant und danach schrecklich. Das ist wie bei der Serie. Irgendwie weiß man da gar nicht so recht, ob man da lachen, weinen oder sich fürchten soll. Da wird wirklich das gesamte Spektrum der Emotionen abgedeckt.

Das wirkt alles schon ziemlich irre, was ihr da erzählt. Wie viel davon ist wahr, wie viel wurde für die Serie abgeändert?

Ein Großteil davon ist tatsächlich wahr. Wir mussten die Geschichte zum Teil schon verkürzen, sonst hätten die vier Folgen nicht gereicht. In der Serie legen wir zum Beispiel den Fokus auf die beiden Journalisten von der Süddeutschen Zeitung. Aber eigentlich war das natürlich Teamwork. Auch das Rechercheteam bei der Süddeutschen war viel größer, als wir es gezeigt haben. Aber das wäre vermutlich einfach zu viel geworden.

Ein Punkt, der immer noch drin ist, sind die rechtlichen Bedenken, ob das Video veröffentlicht werden darf. Was würdest du in dem Fall wichtiger finden, die Einhaltung der Gesetze oder die Aufgabe der Aufklärung? 

Das ist natürlich eine Frage, die man nicht so leicht beantworten kann. Der Auftrag der Aufklärung ist absolut wichtig, klar. Und es ist sehr gut, dass es eine solche Aufklärung gibt. Ich bin da auf alle Fälle pro investigativer Journalismus. Aber wir leben in einer Zeit, die schon ziemlich kompliziert ist. Die Presse ist heute aufgrund von Fake News in einer sehr wackeligen Position. Da musst du inzwischen schon sehr vorsichtig sein, weshalb ich absolut verstehen kann, dass sie so zögerlich waren.

Die Ibiza Affäre Sky

Szene aus „Die Ibiza Affäre“: Die beiden Journalisten Bastian Obermayer (Stefan Murr) und Frederik Obermaier (Patrick Güldenberg) von der Süddeutschen Zeitung beratschlagen das weitere Vorgehen (© Petro Domenigg / Sky Studios / W&B Television / epo film)

In dem Zusammenhang auch die Frage: Wo ziehst du bei einem Menschen des öffentlichen Interesses die Grenze, ab wann etwas wirklich privat ist? Das kennst du als Schauspieler ja auch, dass auf einmal alle möglichen Leute sich für dein Privatleben interessieren.

Ich denke, dass wir in Europa da auch noch mal ein anderes Verständnis haben als in Amerika. Hier gibt es noch ein Gefühl der Würde: bis hierher und nicht weiter. Eine Paparazzikultur wie bei TMZ, wo wirklich das Leben der Prominenten ausgeschlachtet wird, haben wir so nicht. Eigentlich hätte man denken können, dass nach der Geschichte um Diana vielleicht ein Umdenken einsetzt. Stattdessen ist es noch extremer geworden. Das überschreitet mein Gefühl von Anstand. Im besten Fall solltest du als Schauspieler in der Lage sein, deine eigenen Grenzen zu ziehen. Am Ende ist das eine sehr individuelle Entscheidung. Manche schirmen sich da sehr ab und wollen selbst über banale Dinge nicht reden. Andere haben hingegen große Lust daran, ihr Privatleben nach außen zu tragen. Das ist dann doch von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Wie würdest du allgemein die Aufgabe des Journalismus beschreiben?

Das ist ein bisschen so, als würdest du mich zum Wesen der Schauspielerei fragen. Denn die kann alles sein vom Soap-Darsteller über Theater-Schauspieler bis zu Musical und Straßenkünstler. Und beim Journalismus ist das auch so. Im besten Sinne jedoch hat Journalismus schon einen gewissen Bildungsauftrag und trägt zur Aufklärung der Menschen bei.

Kommen wir noch zum Thema Korruption in der Politik. Denn davon handelt Die Ibiza Affäre ja auch. In den letzten Jahren gab es immer wieder Beispiele dafür, auch bei uns in Deutschland. Denkst du, dass das Einzelfälle waren, oder ist Korruption in der Politik mehr oder weniger der Normalfall?

Ich denke, dass Korruption im Allgemeinen zum menschlichen Leben dazugehört. Das betrifft nicht nur die Politik. In der Wirtschaft hast du die genauso oder auch in anderen Bereichen, bei denen du das vielleicht nicht denken würdest.

Hat die Arbeit an der Serie denn deine Sicht der Dinge noch einmal beeinflusst? Was hast du für dich mitgenommen?

Die Serie beschreibt für mich einen Querschnitt durch die Gesellschaft, wie ein Roman von Tolstoi. Da ist vom König bis zum Bauern alles dabei. Alle sind miteinander verbunden in dieser Verstrickung. Eine Gesellschaft ist dann doch eben die Summe ihrer einzelnen Teile. Das ist ein Gedanke, der bei mir aufgekommen ist, als ich die Serie noch einmal geschaut.

Letzte Frage: Was sind deine nächsten Projekte? Woran arbeitest du?

Etwas ganz anderes: Ich drehe eine Comedy-Serie für die ARD. Die ist wirklich toll geschrieben und ich freue mich darauf. Da heißt es wirklich: Pointe, Pointe, Pointe. Gleichzeitig hat sie aber auch wieder etwas zu sagen, weil es um die Frage geht, was Männlichkeit im Jahr 2021 bedeutet. Und das ist ein sehr wichtiges und aktuelles Thema.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Patrick Güldenberg wurde 1979 in Hamburg geboren. Schon mit zwölf Jahren stand er vor der Kamera. 1999 begann er sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Im selben Jahr gab er sein Kinodebüt in der DDR-Komödie Sonnenallee. Anschließend spielte er vor allem in Theater und war in zahlreichen TV-Produktionen zu sehen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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