Inhalt / Kritik

Garagenvolk

„Garagenvolk“ // Deutschland-Start: 16. September 2021 (Kino)

Dass das Auto im Leben so manches Menschen, vor allem männlichen Geschlechts, eine sehr prominente Rolle spielt und gar zu einer echten Herzensangelegenheit werden kann, doch, davon hat man schon gehört. Dass aber manche eine Garage zu ihrem Lebensmittelpunkt machen, das ist erst einmal überraschend, zumindest für ein hiesiges Publikum. Aber Garagenvolk spielt eben nicht hier, sondern im fernen Russland. Der Film nimmt uns mit in eine ländliche Gegend, in der etwas abgelegen Dutzende von Garagen stehen, dicht an dicht. Von Autos fehlt dabei jede Spur, die nächste größere Überraschung. Dafür  findet man aber alles andere, was man sich vorstellen kann – und noch vieles mehr.

Das geheime Leben hinter dem Garagentor

Ein bisschen erinnert der Dokumentarfilm dabei an Im Keller. Damals stattete der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl seinen Landsleuten zu Hause einen Besuch ab und hielt mit der Kamera fest, welchen zum Teil absurden Hobbys diese in den eigenen vier Wänden nachgehen. Garagenvolk ist im direkten Vergleich deutlich normaler und alltäglicher, aber nicht weniger abwechslungsreich. Mal sehen wir Männern zu, die gerade Sport treiben. Musik spielt an einer Stelle eine Rolle, wenn eine Band gerade probt. Da werden Heiligenfiguren geschnitzt oder auch Schrott gesammelt und verarbeitet. Was den Leuten eben so einfällt und Spaß macht.

Anders als Im Keller, bei dem man immer das Gefühl hatte, dass sich jemand über die Protagonisten und Protagonistinnen lustig macht, liegt Regisseurin Natalija Yefimkina Spott fern. Sie begegnet in Garagenvolk den Leuten vielmehr mit echter Neugierde, will mit diesen gemeinsam die kleinen Welten erkunden, welche in den Garagen erschaffen wurden. Zum Teil wortwörtlich: Einem der Männer war der Platz offensichtlich nicht genug, weshalb er sich immer tiefer in die Erde buddelte und weitere Stockwerke aus dem Nichts schuf. Tatsächliche Grenzen gibt es keine, außer denen zur Seite: Man lässt sich hier gegenseitig in Ruhe. Anders als bei Schrebergärten, dem typischen Refugium der Deutschen, legt man sich gegenseitig keine Regeln auf. Jeder darf hier machen, was er will, sich austoben und entfalten.

Ohne Kommentar und Urteil

Verurteilt wird in dem Film dann auch niemand. Genauer wird nicht einmal kommentiert: Yefimkina nähert sich diesen Menschen an, bleibt aber immer etwas auf Distanz. Vor allem das Publikum wird hier vor dem Garagentor abgesetzt, ohne erklärende Informationen. So fehlen zunächst Kontexte, wo wir uns überhaupt befinden und wer diese Leute sind. Auch schweigt sich Garagenvolk darüber aus, inwiefern ihre Beispiele stellvertretend für das ganze Land stehen und wie sich diese Kultur eigentlich entwickelt hat. Wer sich anfangs darüber wundert, wie Garagen zu einem Ort der Selbstentfaltung werden konnten, anstatt wie bei uns vor allem Autos zu beherbergen, der ist im Anschluss nicht wirklich schlauer.

Und doch ist der Dokumentarfilm, der unter anderem auf der Berlinale 2020 lief, ein echter Gewinn. Garagenvolk erlaubt einem einen Blick auf eine Parallelwelt, die einerseits kurios erscheint und doch universelle Wünsche und Sehnsüchte offenbart, mit denen man sich aus der Ferne heraus identifizieren kann. Wir begegnen hier Menschen, die sich im Schutz der Garagenwände verwirklichen können, träumen oder etwas schaffen. Die manchmal auch einfach nur eine Ruhe finden, die es im Alltag so nicht unbedingt gibt. Das ist manchmal komisch, manchmal erstaunlich – und zugleich aufbauend und inspirierend, irgendwie schön und rührend.

Credits

OT: „Garagenvolk“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Natalija Yefimkina
Drehbuch: Natalija Yefimkina
Kamera: Axel Schneppat

Bilder

Trailer

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Garagenvolk
Garagenvolk“ nimmt uns mit in eine etwas abgelegene Gegend Russlands, in der Menschen sich in Garagenanlagen selbst verwirklichen. Viele Kontexte gibt es da nicht, dafür aber schöne und inspirierende Einblicke in kleine Parallelwelten, in der jeder so sein darf, wie er will.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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