In Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann spielt Jannis Niewöhner die Titelfigur eines jungen charmanten Mannes, der sich nach einer schwierigen Kindheit dank seiner Wandlungsfähigkeit in einem Paris Luxushotel nach oben arbeitet. Anlässlich des Kinostarts am 2. September 2021 haben wir uns mit dem Schauspieler über den Film, die Kunst der Hochstapelei und sowie den Reiz unterhalten, zu jemand anderem zu werden.

 

In Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull verkörperst du jemand, der immer wieder in neue Rollen schlüpft und damit erfolgreich ist. Was hat dich an dem Film gereizt?

Vor allem der Charakter, mit dem ich mich sehr schnell verbinden konnte. Ein Charakter, mit dem sich viele Leser und Zuschauer verbinden können, weil er einfach diese Lust aufs Leben hat. Das fand ich sofort sehr sehr spannend. Außerdem freute ich mich auf die Gelegenheit, noch einmal mit Detlev Buck zu arbeiten.

Kanntest du denn das Buch vorher?

Ich kannte es, weil mein Onkel es mir zu meinem 18. Geburtstag geschenkt hat. Er ist ein großer Fan von Thomas Mann und damit von Felix Krull und hat mich immer auf eine Art als Krull wahrgenommen.

Hast du das Buch vor dem Dreh noch mal gelesen oder wolltet ihr euch eher davon lösen?

Ich habe es tatsächlich noch mal gelesen. Wir wollten uns nicht zu stark von dem Buch lösen. Buck und Daniel Kehlmann, der mit ihm das Drehbuch geschrieben hat, haben aber natürlich schon darüber nachgedacht, wie sich der Stoff heute erzählen lässt, und haben eine eigene Vision gesucht. Ein Buch kann bei einer Verfilmung immer nur eine Vorlage sein, weil du gar nicht alles in einen Film packen kannst. Buck musste also schauen, welche Themen ihn besonders begeistern und wie er diese hervorheben möchte. Und so war es dann eben auch bei Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, das am Ende etwas ganz Eigenes wurde.

Felix schlüpft im Hotel immer wieder in verschiedene Rollen, während er versucht, seinen Traum zu erfüllen. Wie viel davon geschieht aus Notwendigkeit, weil es nicht anders geht, wie viel geschieht aus einer reinen Lust an dem Spiel mit diesen Identitäten?

Ich glaube, dass letztendlich alles auf diese Lust an dem Spiel mit den Identitäten zurückzuführen ist. Hochstapler sein, bedeutet für mich aber nicht nur, fremde Identitäten anzunehmen, sondern auch die Gunst der Menschen für sich zu gewinnen. Zu wissen, wie man mit den Menschen reden muss. Daran hat er eine wahnsinnige Freude. Er liebt es, die Menschen zu beobachten und verschiedene Rollen auszuspielen, etwa den Kellner oder den reichen Herren, der bedient wird. Das alles ist für ihn das Leben und die Abwechslung. Diese Leidenschaft daran ist für ihn die Hauptantriebsfeder. Sein Konflikt besteht vielmehr darin, auf der einen Seite weiterhin unabhängig bleiben zu wollen und immer wieder jemand anderes sein zu dürfen, aber gleichzeitig auch sich in jemanden zu verlieben. Er muss sich entscheiden: Mache ich mich, wenn ich mich dieser Liebe hingebe, jetzt doch abhängig oder nicht?

Als Schauspieler musst du ähnlich wie Krull immer wieder in andere Rollen schlüpfen und diese glaubhaft verkörpern. Sind Schauspieler damit die geborenen Lügner und Hochstapler?

Da müsste man wahrscheinlich jeden Schauspieler einzeln bewerten, je nachdem, wie gut er das macht. Ein guter Hochstapler würde sich selbst vermutlich auch nie als Hochstapler bezeichnen. Er wäre so gut in dem, was er tut, dass er völlig in der Rolle aufgehen würde und auch an die Realität seiner Figur glaubt. Das macht ein guter Schauspieler natürlich auch. Insofern könnte man da durchaus eine Parallele ziehen.

Was braucht es, um eine andere Person glaubhaft darstellen zu können, sei es als Schauspieler oder als Hochstapler?

Es braucht eine gute Beobachtungsgabe und die Lust, andere Menschen zu beobachten. Denn auf diese Weise eignet man sich ein Repertoire an, das man je nach Situation abrufen kannst. Es braucht eine emotionale Intelligenz. Es braucht auch eine gewisse Unvoreingenommenheit und Offenheit. Wenn man andere Menschen beobachtet, darf man sie nicht gleich bewerten, sondern muss sie bewusst als das wahrnehmen, was sie sind.

Muss man dann als Schauspieler jeden spielen können, wenn man für alles offen ist?

So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber ich glaube schon, dass man als Schauspieler alles spielen kann, weil ich uns alle und damit auch mich selbst als anteilig beschreiben würde. Wir alle haben Anteile des anderen in uns, die man zum Teil intensivieren muss, um dann zu diesem anderen zu werden. Und dafür braucht es diese Offenheit.

Und was macht für dich persönlich den Reiz aus, dieser andere zu werden?

Weil es Abwechslung ist. Weil es eine Extremsituation ist, durch die man in eine neue Realität einsteigt. Wenn ich als Jannis jemand anderen verkörpere, dann ist dieser andere gleichzeitig auch immer Jannis. Es entsteht ja alles aus mir heraus. Diese Verbindung aus etwas völlig Neuem und mir, das macht für mich den Reiz aus. Die Schauspielerei gibt einem auch die Möglichkeit, einen Teil von sich auszuleben, den man sich sonst vielleicht nicht erlaubt. Als ich zum Beispiel den Timo in 4 Könige gespielt habe, der sehr aggressiv ist und diese Wut hat, dann habe ich gemerkt, dass das etwas ist, das auch in mir ist und in eben diesem Kontext raus darf.

Wenn du meinst, dass du immer einen Teil von dir in diese Figuren mitbringst, wie ist es umgekehrt? Bleibt ein Teil dieser Figuren in die zurück?

Auf eine Art schon. Das geschieht nie in dem Ausmaß, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin, oder mich verloren fühle. Aber natürlich ist ein Dreh eine derart intensive Zeit, bei der man sich mit einer festen Gruppe zwei, drei Monate nur über eine Sache Gedanken machst. So etwas prägt einen und hat etwas Bleibendes. Im besten Fall lernt man auch etwas daraus.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Der geborene Schwindler: Jannis Niewöhner in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (© Warner Bros.)

Und was hast du speziell von Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull für dich gelernt?

Ich habe für mich gelernt, dass man Dinge immer wieder neu denken kann. Das zeichnet auch die Arbeit von Buck aus. Er lebt einem das beim Dreh vor. Wenn man einen solchen Roman verfilmt, kann schnell die Angst aufkommen, dass man das perfekt machen muss und unbedingt der Vorlage gerecht werden muss. Diese Angst muss man in kreativen Momenten aber ablegen, weil sie dich daran hindert etwas Eigenes zu schaffen. Wenn man zu sehr verkrampft, weil man irgendwie scheitern könnte, nimmst man sich die Chance, etwas als Künstler zu erreichen.

Krull muss bei seinem Bestreben etwas zu erreichen, immer wieder Umwege gehen und Kompromisse eingehen. Wie sieht es bei dir als Schauspieler aus? Welche Kompromisse musstet du als Schauspieler eingehen?

Ich habe sehr früh mit der Schauspielerei angefangen und habe deshalb relativ schnell als Jugendlicher gewisse Dinge nicht mehr machen können. Ich musste zum Beispiel in der Zeit, in der andere frei hatten, nach- oder vorlernen. Irgendwann ist es dann auch so, dass man keinen wirklichen Alltag mehr hat. Das ist auch das Thema von Krull. Ich liebe es und brauche es für mich, ständig neue Menschen kennenzulernen und mich in neue Figuren einzudenken. Das bringt aber mit sich, dass ich keine Stringenz habe. Diese Unabhängigkeit, die ich brauche, hat ihre Schattenseiten. Damit muss man auch umgehen können.

Was tust du, um überhaupt noch einen Alltag zu haben? Wann bist du einfach nur Jannis?

Ich habe mir tatsächlich das letzte halbe Jahr freigenommen, um gar nichts mehr zu machen und einfach mal nur bei mir selbst zu sein. Eine Möglichkeit für mich, wieder in einen Alltag zu kommen, sind Freundschaften. Regelmäßig meine Freunde zu sehen, war sehr wichtig für mich.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull handelt nicht nur von einem Menschen, der neue Rollen ausprobiert und zu jemand anderem wird. Der Film erlaubt es dem Publikum auch, eine kleine Zeitreise zu starten und eine frühere Epoche kennenzulernen. Wenn du dir eine beliebige Epoche aussuchen könntest, um diese kennenzulernen, welche wäre das?

Mich würde zum Beispiel die Studentenrevolution interessieren, als sich die junge Generation zusammentat und für eine gemeinsame Sache kämpfte, vergleichbar zu dem, was heute geschieht. Die 50er Jahre würden mich reizen, weil ich die Zeit spannend finde und Filme irgendwie mag, die zu der Zeit spielen. Gleichzeitig würde ich auch gern die 90er noch einmal erleben, dieses Mal als jemand, der Ende zwanzig ist. Ich bin zwar selbst in den 90ern geboren, habe vieles aber natürlich damals noch nicht bewusst wahrnehmen können.

Die letzte Frage: Was steht bei dir an nach deiner Auszeit?

Ich drehe bald den Film Last Song for Stella. Darin geht es um Stella Goldschlag, eine Jüdin, die andere Juden im Zweiten Weltkrieg verraten hat. Eine sehr düstere, aber wichtige Geschichte, weil es ein Extrembeispiel ist, wie jemand vom Opfer zum Täter wird. Außerdem kommt wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres bei Netflix ein Film namens Munich mit mir heraus. Der Film spielt kurz vorm Zweiten Weltkrieg, als Vertreter aus Frankreich, England und Italien nach Deutschland gereist sind, um Hitler einen Friedensvertrag anzubieten. Man dachte damals, wenn die Tschechen Sudentendeutschland zurückgeben würden, ließe sich damit der Krieg verhindern. Die Geschichte dreht sich um zwei fiktive Unterhändler aus Deutschland und England und erzählt von ihrer Freundschaft, aber auch davon, wie viel auf dem Spiel stand.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Jannis Niewöhner wurde am 30. März 1992 in Krefeld-Hüls geboren. Nach einigen kleineren Rollen und Gastauftritten gelang ihm mit der Kinderbuchverfilmung TKKG und die rätselhafte Mind-Machine (2006) der Durchbruch, wo er die Hauptrolle des Tim übernahm. Erfolgreich waren zudem seine Komödien Doktorspiele (2014) und High Society (2017). Parallel überzeugte er auch als Charakterschauspieler. So erhielt er viel Lob für seine Darstellung eines psychisch labilen Jugendlichen in 4 Könige (2015), der Weihnachten in der Einrichtung verbringen muss. Auch seine Verkörperung eines Berliner Clubpromoters in der Serie Beat (2018) brachte ihm Anerkennung ein, sowie einen Grimme-Preis. 



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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