Inhalt / Kritik

„Black Widow“ // Deutschland-Start: 8. Juli 2021 (Kino) // 23. September 2021 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich hatte Natasha Romanoff alias „Black Widow“ (Scarlett Johansson) schon lange mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Doch dann begegnet sie Yelena Belova (Florence Pugh) wieder. Die beiden waren wie Schwestern bei ihren Ersatzeltern Alexei Shostakov (David Harbour) und Melina Vostokoff (Rachel Weisz) aufgewachsen, bevor man sie zu Spioninnen und Kampfmaschinen erzog. Viel geblieben ist ihnen von der einstigen Zuneigung nicht. Dafür haben sie einen gemeinsamen Feind: Dreykov (Ray Winstone). Denn der hat ein Mittel entwickelt, mit denen er seine Agentinnen willenlos machen kann. Und nun hat er es auf die beiden Pseudo-Schwestern abgesehen, befindet sich in ihrem Besitz doch das wertvolle Gegenmittel, mit denen die anderen jungen Frauen in seinem Dienst befreit werden können …

Vorgeschichte einer Totgeburt

Ein bisschen zynisch ist es ja schon. Seitdem Black Widow 2010 mit Iron Man 2 ihren Einstand gab, warteten Fans darauf, dass die Comic-Heldin auch mal ihren eigenen Film erhält. Doch Pustekuchen: Während die männlichen Kollegen zu einem Großteil in den Genuss eines oder sogar mehrerer Solo-Werke kam, musste sich die Ex-KGB-Agentin damit zufriedengeben, den Männern zur Hand zu gehen. Insofern wäre es eigentlich ein Grund zur Freude, dass in dem nach wie vor recht einseitig besetzten Marvel Cinematic Universe nach Captain Marvel eine zweite weibliche Figur mal in den Mittelpunkt rücken darf. Ist dann immerhin der zweite solche Film einer inzwischen 24 Teile umfassenden Reihe. Die Sache hat nur einen Haken: Natasha ist in Avengers: Endgame gestorben.

Damit der Publikumliebling aber doch noch mal eine Ehrenrunde drehen darf, wurde ihr posthum ein Film zugestanden, der in mehrfacher Hinsicht die Vorgeschichte von Black Woman erzählt. Nicht nur, dass das Geschehen vor dem großen Doppelfinale spielt. Wir erfahren zudem mehr über die Hintergründe der oft eiskalten Killerin. Wer ist sie eigentlich? Woher kommt sie? Wie ist sie zu dem geworden, der sie ist? Ob es das unbedingt gebraucht hätte, darüber kann man geteilter Ansicht sein. Auf der einen Seite gab es da schon immer ziemliche Leerstellen. Black Widow war immer so sehr auf cool getrimmt, dass da kein Raum mehr für eine Persönlichkeit war. Auf der anderen Seite scheitert der Film aber mit dem Anliegen, die Untote lebendiger zu machen. Denn so richtig viel Spannendes hatte man hier nicht zu erzählen.

Eine starke (Pseudo-)Familie

Die größte Neuerung ist natürlich die, dass wir Natashas Familie kennenlernen dürfen. Die ist zwar nicht wirklich ihre Familie, macht aber Spaß. Vor allem Florence Pugh ist als noch immer kindliche Killerin, die so gar nicht auf den Mund gefallen ist, ein wertvoller Neuzugang. Tatsächlich hat sie eine derart starke Präsenz, dass Johansson daneben immer wie ein sprödes Relikt wird. Auch die Ersatzeltern tragen zum Unterhaltungswert bei. Nicht jeder Gag sitzt davon, die späteren Witze rund um Alexeis Körpergewicht sind zum Beispiel etwas billig. Der Einblick in eine dysfunktionale Alibi-Familie, bei der hinten und vorne nichts stimmt, hat aber nach einem spannenden Einstieg schon den einen oder anderen amüsanten Moment. Es sind vielleicht sogar die stärksten.

Ansonsten ist Black Widow leider eine inhaltliche Enttäuschung. Drehbuchautor Eric Pearson, dank der Serie Agent Carter durchaus vertraut mit Marvel-Heldinnen, ist lediglich eine recht langweilige Geschichte eingefallen, die sich an mehreren Stellen plump aus der Affäre zieht. Tatsächlich schlimm wird sein Skript aber, wenn Gefühle erzeugt werden sollen. Dass Comic-Filme keine fein austarierten Dramen sind oder sein wollen – geschenkt. So offensiv kitschig wie hier muss ein solches Werk dann aber doch nicht ausfallen. Da wird dermaßen auf das Publikum eingehämmert, wohl in der Annahme, dass es ansonsten nicht versteht, was da gerade Sache ist. Vielleicht dachte man auch, man bräuchte für die unterkühlte Agentin einen möglichst starken Kontrast, und verlor dabei jedes Augenmaß.

War das alles?

Aber auch bei den Action-Szenen enttäuscht der Film. Gerade am Anfang setzt Regisseurin Cate Shortland (Berlin Syndrom) auf die leider in Hollywood weit verbreitete Untugend, mit wilden Schnitten künstlich für Dynamik sorgen zu wollen. Anstatt Arbeit in die Choreografie zu investieren und richtig kämpfen zu lassen, wird hier nur eine nicht einmal sonderlich überzeugende Illusion erzeugt. Das ist auch deshalb enttäuschend, weil mit dem Taskmaster eine der kämpferisch spannendsten Marvel-Figuren ihren Auftritt hat und dieser kaum genutzt wird. Aufgrund der Besetzung und der zwischenmenschlichen Dynamik kann man sich Black Widow schon anschauen. Für ein über so viele Jahre herbeigesehntes Werk ist das aber schon recht mager.

Credits

OT: „Black Widow“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Cate Shortland
Drehbuch: Eric Pearson
Musik: Lorne Balfe
Kamera: Gabriel Beristain
Besetzung: Scarlett Johansson, Florence Pugh, David Harbour, Rachel Weisz, Ray Winstone, Olga Kurylenko, O-T Fagbenle, William Hurt

Bilder

Trailer

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3.5/5 - (2 votes)
Black Widow
Was lange währt, wird endlich … okay. Während die erweitere Familie tatsächlich Spaß macht, nicht zuletzt wegen der Besetzung, ist „Black Widow“ sowohl inhaltlich wie auch im Bezug auf die Actionszenen eine Enttäuschung. Vor allem die schwache Geschichte und der Hang zum Kitsch sorgen dafür, dass der überfällige Solo-Film nur eine solide Fußnote des Comic-Universums ist.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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