Inhalt / Kritik

Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution

„Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ // Deutschland-Start: 28. April 2021 (Das Erste)

Die 19-jährige Franka Blankenstein (Janina Fautz) wächst in den 80er Jahren als Tochter systemtreuer Eltern in Leipzig auf. Bislang war ihr Leben recht behütet, sie fand keinen Grund zum Klagen. Das ändert sich erst, als sie eines Tages den Altenpfleger Stefan Clausnitz (Ferdinand Lehmann) kennenlernt. Der ist Teil einer Gruppe, die sich im Schutz der Kirche gegen die Umweltzerstörung und lokale Luftverschmutzung engagiert. Franka ist sofort fasziniert von der Gruppe und ihrem leidenschaftlichen Kampf, aber auch von dem Zusammengehörigkeitsgefühl. Und so schließt sie sich ihr bald an, lässt sich von der Begeisterung mitreißen. Doch was so spaßig begann, zeigt bald ziemliche Schattenseiten, denn der Stasi sind die jungen engagierten Menschen schon länger ein Dorn im Auge und sie will um jeden Preis verhindern, dass die Bewegung in der Öffentlichkeit weitere Anhänger findet …

Über das Ende der DDR

Zum Jubiläum des Mauerfalls bzw. der Wiedervereinigung hatte es in den letzten Jahren wieder verstärkt Filme gegeben, die sich mit der DDR auseinandersetzten. Manche betrachteten das System an sich, andere erzählten von den Schwierigkeiten der Folgezeit. Besonders beliebt waren aber vor allem Werke, welche die letzten Monate vor dem Wendepunkt zeigten. Ob nun die tragische Liebe in Zwischen uns die Mauer oder der für ein jüngeres Publikum konzipierte Animationsfilm Fritzi – Eine Wendewundergeschichte: Sie erinnerten daran, wie es war, als einfacher Menschen in dem Überwachungsstaat zu leben. Ein Staat, in dem das Private nie privat war.

Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution scheint deshalb zunächst nur ein weiterer Film zu sein, der sich dieser Thematik annimmt. Doch das stimmt nur zum Teil. Im Mittelpunkt stehen eben keine Menschen, die einfach nur ihr kleines Leben führen wollen und nicht einmal das dürfen. Stattdessen lernen wir Jugendliche kennen, die für eine bessere Welt kämpfen. Das erinnert sicherlich nicht ganz zufällig an die Fridays for Future Bewegung, in der überwiegend junge Leute weltweit gegen den Raubbau an der Erde und für mehr Klimaschutz protestierten. In beiden Fällen trifft jugendlicher Idealismus auf ein festgefahrenes System, das erst einmal aus rein selbstsüchtigen Gründen keinen Wandel zulassen will.

Ein Protest mit weitreichenden Folgen

Und doch ist der Kampf nur zum Teil vergleichbar, zu sehr haben sich in den vergangenen 30 Jahren die Rahmenbedingungen geändert. Während heute die Jugendlichen mithilfe sozialer Medien bzw. des Internets im Allgemeinen sich schnell miteinander vernetzen können, war das in den 80ern noch deutlich schwieriger. Vor allem aber muss die heutige Klimaschutz-Bewegung in den meisten Ländern keine Repressalien befürchten. In Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution schon. Regisseur Andy Fetscher (Urban Explorer) zeigt sehr deutlich, wie hoch das Risiko seiner Protagonisten und Protagonistinnen war. Zunächst von der Stasi zwar misstrauisch beäugt, aber geduldet, wurde mit der wachsenden Größe und Aufmerksamkeit der Bewegung der Kampf gegen diese stärker. Aus einer bloßen Überwachung werden Drohungen, für die Teilnehmenden wie ihre Familien.

Sehenswert ist dabei gerade die Entwicklung der Ereignisse und der Figuren. Was zunächst „nur“ ein Protest gegen Umweltverschmutzung war, wurde zu einem Teil einer viel größeren Freiheitsbewegung, die für mehr Rechte kämpfte. Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution zeigt, wie eine Gesellschaft politisiert wird, die das eigentlich gar nicht vorhatte. Gleichzeitig wachsen die Jugendlichen an dieser Aufgabe. Das zeigt sich natürlich vor allem an Franka, die aus einem vorsichtigen Elternhaus stammt, sich dann von der Leidenschaft der Jugendlichen anstecken lässt, bevor sie sich das Thema selbst zu eigen macht. Aus einer Mitläuferin wird eine Anführerin, die im Angesichts des staatlichen Widerstandes geradezu trotzig weiterkämpft. Das Motto: jetzt erst recht!

Sympathische Identifikationsfigur

Das ist sympathisch von Janina Fautz (Wir Monster, Meine teuflisch gute Freundin) verkörpert. Sie wird zum Aushängeschild einer Bewegung und Identifikationsfigur, mit der man als Zuschauer bzw. Zuschauerin mitfühlen und mitzittern soll. Das klappt ganz gut, auch wenn dabei klar etwas idealisiert wurde. Das auf einem Sachbuch von Peter Wensierski basierende ARD-Historiendrama baut hier sehr bewusst eine frei erfundene Sympathieträgerin auf, die dem Geschehen Gesicht und Herz geben soll. Der Film ist dabei jedoch so sehr auf sie zugeschnitten, dass man zeitweise das Gesamtbild aus den Augen verliert und etwas zu sehr der Eindruck erweckt wird, einige wenige Einzelpersonen hätten die Wende herbeigeführt. Doch trotz dieser Verkürzung ist Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution ein sehenswerter Blick auf eine spannende Zeit und eine Aufmunterung dazu, auch weiterhin gegen große, mächtige Systeme anzukämpfen, seien diese nun politischer oder wirtschaftlicher Natur.

Credits

OT: „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Andy Fetscher
Drehbuch: Thomas Kirchner
Musik: Philipp E. Kümpel, Andreas Moisa
Kamera: Matthias Papenmeier, Peter Nix
Besetzung: Janina Fautz, Ferdinand Lehmann, Inka Friedrich, Alexander Hörbe, Timur Bartels, Katja Hutko, Marlene Tanczik, Maximilian Klas

Bilder

Interview

Die unheimliche Leichtigkeit der RevolutionWas faszinierte sie an der Geschichte der Umweltgruppen? Und wie sieht es heute mit dem Kampf um Demokratie aus? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarstellerin Janina Fautz in unserem Interview zu Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution gestellt.

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Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution
Das sympathisch gespielte Historiendrama „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ nimmt das Publikum mit ins Leipzig der späten 80er, als eine Umweltschutzbewegung Teil zu einer viel größeren Freiheitsbewegung in der DDR wurde. Das Konzept, die große Bewegung anhand einiger weniger Figuren aufzuzeigen, macht den Kampf persönlich und nachvollziehbar, neigt aber dazu, das alles ein bisschen zu vereinfachen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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