In Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution ( am 28. April 2021 um 20.15 Uhr in Das Erste) spielt Janina Fautz eine Aktivistin einer lokalen Umweltschutzbewegung in Leipzig Ende der 80er, die ungeplant in den DDR-Freiheitskampf hineingezogen wird. Wir haben uns mit der Schauspielerin über den Film, den Kampf um Demokratie und jugendliches Engagement unterhalten.

Was hat dich an dem Film gereizt?

Bevor ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich das Buch gelesen, auf dem der Film beruht, weil  zum ersten Casting noch kein Drehbuch vorlag. Spätestens da hatte ich sehr große Lust auf diese Rolle. Mich hat es wahnsinnig fasziniert, dass es eine Gruppe junger Leute gab, die alles aufs Spiel gesetzt hat, um für ihre Überzeugung einzustehen, und damit so viel erreicht hat. Es war eine ganz kleine Gruppe mit wenig Mitteln. Und doch hatten sie ihren Anteil daran, das System zum Einsturz zu bringen. Als ich dann zum zweiten Casting das Drehbuch bekam und unsere fiktionale Geschichte gelesen habe, habe ich mich so sehr in Franka verliebt, dass ich sie unbedingt spielen wollte. Sie ist mutig, frech und macht im Lauf der Geschichte einen großen Wandel durch. Da war mir schon im Vorfeld klar, dass das viel Spaß machen würde.

Hast du selbst einen Bezug zu der DDR?

Ich persönlich nicht, nein. Ich habe aber das große Glück, dass ich zufällig jemanden kenne, der selbst als junger Mensch in einer dieser Gruppen war. Als ich meinen ersten Film zur DDR gedreht habe, den Dreiteiler Preis der Freiheit, habe ich Kontakt zu ihm aufgenommen, weil ich wusste, dass er zu DDR-Zeiten ungefähr in meinem Alter war. Dass er Teil der Umwelt-Bibliothek war, war mir vorher gar nicht bewusst. Ich wollte einfach nur ein bisschen mit ihm darüber sprechen wie das damals war. Er hat mir dann später auch bei der Vorbereitung zu diesem Film geholfen und mir ganz viele persönliche, verrückte und emotionale Geschichten erzählt. Dadurch konnte ich besser nachvollziehen, was jemand dazu veranlasst, Teil einer solchen Gruppe zu werden. Wie hat sich das angefühlt? Was waren die Ängste? Was haben die den ganzen Tag gemacht?

Es hat in den letzten Jahren allgemein ziemlich viele Filme über die DDR gegeben. Woher kommt das plötzliche Interesse, sich wieder damit auseinanderzusetzen?

Ich kann ja nur über unseren Film reden und spekulieren. Klar hat es schon viele andere Filme über diese wichtige Zeit gegeben. Aber das spannende in unserem Film sind eben diese Umweltgruppen, die es ja nicht nur in Leipzig gegeben hat. Natürlich kennt man die historischen Hintergründe der DDR, aber von diesen Umweltgruppen habe ich in dieser Intensität erst durch meine Arbeit zum Film erfahren. Er ist trotz der historischen Geschichte sehr aktuell. Wir haben auch jetzt wieder ganz viele junge Menschen, die etwas verändern wollen, die politisch aktiv sind. Die Fridays for Future Bewegung zum Beispiel, die mit viel Einsatz klar macht, dass sie gegebene Zustände so nicht mehr hinnehmen will. Natürlich sind die Bedingungen heute anders als damals. Wir leben in einer Demokratie und können protestieren, ohne dabei zu riskieren, verhaftet zu werden. Aber natürlich haben die Menschen auch heute mit großen Widerständen zu kämpfen. Sie müssen sich ebenfalls anhören, dass das alles keinen Sinn macht und dass sie nichts verändern können. Unsere Geschichte beweist aber, dass das nicht stimmt. Sie beweist, dass auch sehr wenige sehr viel Macht haben und Zustände verändern können. Der Film macht in dieser Hinsicht absolut Mut.

Du hast schon erwähnt, dass das seinerzeit noch mit einem ganz anderen Risiko verbunden war. Wenn du in der Situation von Franka wärst, glaubst du, dass du einen vergleichbaren Mut hättest?

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich glaube, man kann sich gar nicht so richtig hineinversetzen. Es ist doch noch mal etwas anderes, sich mit einem Thema theoretisch zu beschäftigen oder damit wirklich im Alltag konfrontiert zu sein. Ob ich bereit gewesen wäre, für meine politischen Überzeugungen mein soziales Umfeld, meinen Job, mein ganzes Leben zu riskieren, das weiß ich nicht. Das ist nicht selbstverständlich und man braucht wirklich sehr viel Charakterstärke und Überzeugung. Es war der Wahnsinn, was sie alles gemacht haben. Sie haben zum Beispiel irgendwann angefangen, die Stasi zu fotografieren. Einer hat sogar während eines Verhörs heimlich ein Tonband mitlaufen lassen.

Der Film endet mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung. Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990er gab es nicht nur dadurch in Europa so eine Aufbruchsstimmung und man blickte wieder optimistischer in die Zukunft. Inzwischen ist klar, dass Demokratie kein Selbstläufer ist. Wir haben gerade in Demokratien antidemokratische Tendenzen. Sind diese Tendenzen deiner Ansicht nach nur ein Zwischentief oder werden wir dauerhaft um die Demokratie kämpfen müssen?

Ich glaube, wenn man nicht dagegen ankämpft, dann laufen wir Gefahr, dass es diese weiterhin gibt und vielleicht noch größer werden. Wie du sagst: Demokratie ist kein Selbstläufer. Man sieht in unserem Film, wie hart die Menschen darum gekämpft haben, ein Mitspracherecht zu bekommen. Da sehe ich es als unsere Verpflichtung an, darum zu kämpfen, dass das bestehen bleibt, was erreicht wurde. Wir müssen uns bewusst machen, wie wertvoll es ist, was wir haben. Und das bedeutet auch, dass wir menschenverachtende Äußerungen nicht tolerieren dürfen.

Du hast Fridays for Future schon angesprochen. Denkst du, dass die Jugendlichen heute engagierter sind als früher?

Nein, das glaube ich nicht. Es gab schon immer Menschen, die ein hohes Gerechtigkeitsempfinden hatten. Die eine hohe Bereitschaft hatten, für das einzustehen, woran sie glauben. Die Herausforderungen sind heute andere. Aber engagierte Leute hat es immer gegeben, in jeder Generation.

Ist es aufgrund dieser veränderten Herausforderungen heute leichter, etwas zu bewegen?

Die äußeren Umstände sind schon einfacher. Man kann sich heute zum Beispiel international viel leichter connecten. Fridays for Future ist ja keine deutsche Organisation. Es gibt auf der ganzen Welt Gruppierungen, die miteinander vernetzt sind. Das ist allein schon durch die heutigen Technologien viel leichter. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass man auch leichter etwas bewegen kann. Ich denke, dass es immer schwer ist, den Status Quo zu verändern, vor allem wenn es viele Leute gibt, die von diesem profitieren. Wer von einer Situation profitiert, hat natürlich wenig Interesse daran, etwas zu verändern.

Der Klimaschutz, der bei Fridays for Future im Mittelpunkt steht, ist nur eines von vielen Themen, bei denen man sich engagieren kann. Hast du ein Thema, das dir besonders am Herzen liegt?

Es gibt so viele Themen, die wichtig sind. Mir liegt Tierschutz sehr am Herzen, und es gibt verschiedene Bereiche, wo ich mich engagiere. Ich habe beispielsweise eine Petition am Laufen, um den Umgang mit Robben in Schleswig Holstein zu ändern. Wir wollen, dass es Tierärzten erlaubt ist, kranke Robben zu behandeln. Das ist natürlich nur ein kleines Thema. Aber das ist etwas, für das ich persönlich kämpfe. Ich bin außerdem seit mehr als zehn Jahren Botschafterin des Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen. Sie sind sehr auf Spenden angewiesen, weil ihre Unterstützung der Familien weit über die bloße medizinische Hilfe hinausgeht.

Es wird immer wieder mal hinterfragt, ob sich Künstler und Künstlerinnen politisch äußern sollten. Wie siehst du das? Sollte der Einfluss genutzt werden?

Auf jeden Fall. Mein Job als Botschafterin bei den Sterntalern ist es, auf die wichtige Arbeit aufmerksam zu machen. Wenn ich die Chance habe, das zu tun, etwa in sozialen Medien oder jetzt im Interview mit dir, dann nutze ich die natürlich, weil ich es  wirklich wichtig finde.

Warum wolltest du eigentlich Schauspielerin werden?

Den Beschluss habe ich mit acht gefasst. Das ist also schon lange her. Ich habe damals die ersten Castings gemacht und hatte das Glück, ganz viele tolle Filme drehen zu können. Dieser Wunsch hat sich mit der Zeit immer mehr verstärkt und besteht bis heute.

Also nie gezweifelt?

Richtig gezweifelt nicht, nachgedacht, ob ich nicht etwas anderes machen könnte, schon. Ich habe unter anderem mit dem Gedanken gespielt, Medizin zu studieren, und habe darum drei Monate in einem Krankenhaus gearbeitet. Als ich dann meinen Studienplatz hatte, kam gleichzeitig das Angebot für einen Film. Und diesen Dreh wollte ich auf keinen Fall absagen. Da wurde mir klar, dass das mit dem sechsjährigen Medizinstudium nichts wird. Man kann einfach nicht beides machen. In einem anderen Leben wäre das sicher interessant gewesen. Aber es toppt nicht meine Begeisterung für das Schauspiel.

Und wie geht es jetzt schauspielerisch weiter? Welche Projekte stehen an?

Ich studiere seit letztem Jahr in Stuttgart Schauspiel und das hat die letzten Projekte durchaus sehr beeinflusst, denn im ersten Studienjahr darfst du nicht drehen. Deswegen musste ich leider mehrere spannende Sachen absagen. Bei einem Film tat das besonders weh, den hätte ich wahnsinnig gern gedreht. Aber das gehört leider dazu. Ab dem zweiten Jahr wird man in solchen Fällen freigestellt. Ich muss also noch bis Sommer durchhalten, dann wird es leichter. Ich habe auch schon ein paar Castings in Aussicht und freue mich darauf, weil da ein paar spannende Sachen dabei sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Janina Fautz wurde am 31. Mai 1995 in Mannheim geboren. Mit acht Jahren stand sie das erste Mal als Reporterin des Tigerenten Clubs vor der Kamera. In den folgenden Jahren spielte sie in zahlreichen Filmen mit, sowohl im Kino wie auch im Fernsehen. Krimifans kennen sie beispielsweise aus den Serien Allein gegen die Zeit und Wilsberg. 



(Anzeige)

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort