Kritik

Ruhe! Hier stirbt Lothar

„Ruhe! Hier stirbt Lothar“ // Deutschland-Start: 27. Januar 2021 (Das Erste)

Im Leben von Lothar Kellermann (Jens Harzer) zählen nur zwei Dinge: sein Fachgeschäft für Fliesen und sein Hund Bosco. Mit Menschen hat er es hingegen weniger. Die Beziehung zu seinen Angestellten ist ein wenig schwierig, zu seiner Exfrau und seiner Tochter Mira (Elisa Plüss) hat er kaum Kontakt. Damit hat er sich abgefunden, sein Leben besteht aus Routine. Doch eben die wird eines Tages empfindlich gestört, als er seltsame Male auf der Haut entwickelt und deswegen zum Arzt geht. Die niederschmetternde Diagnose: Krebs im Endstadium, nichts mehr zu machen. Und so verkauft er alles, seine Wohnung, sein Geschäft, spendet sein Geld an ein Tierheim, selbst Bosco gibt er weg, um die verbleibende Zeit in einem Hospiz zu verbringen. Dort trifft Lothar die an Brustkrebs im Endstadium erkrankte Rosa (Corinna Harfouch), die ihm noch einmal den Wert des Lebens vor Augen führt …

Die späte Reue

Zu den immer wieder gerne in Filmen herangezogenen Binsenweisheiten gehört, dass man manche Sachen erst dann zu schätzen weiß, wenn sie fort sind. Das kann sich auf Objekte beziehen, auf die Sicherheit einer Arbeitsstelle und natürlich auf Menschen, die einem wichtig sind, die wir aber für zu selbstverständlich nehmen. Hoch im Kurs steht aber auch die Gesundheit, deren Wert vielen während der vergangenen Monate noch einmal schmerzlich bewusst wurde. In Ruhe! Hier stirbt Lothar ist es die unerwartete Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, die alles durcheinanderwirft. Denn wenn bald alles vorbei ist, dann kommt man unweigerlich ins Grübeln.

Der deutsche TV-Film ergötzt sich dabei jedoch nicht an einem vermeintlichen Tiefgang, so wie es bei der Konkurrenz oft geschieht. Stattdessen kombinierte man hier diese Nachdenklichkeit mit Humor. Ein Großteil geht an der Stelle auf die Figur des Lothar Kellermann zurück, der mit seinem eigenartigen Fliesen-Spleen ein Musterbeispiel des skurrilen Protagonisten ist. Das ist auch prima von Jens Harzer (Boy 7) gespielt, in einer Mischung aus weltfremdem und peniblem Einzelgänger. Ohnehin ist die Besetzung eine sehr wichtige Stütze des Films. Die gemeinsamen Szenen mit Corinna Harfouch (Lara) sind abwechselnd von Wärme und Witz geprägt, wenn ihre jeweiligen Figuren als Schicksalsgenossen noch einmal etwas Neues erfahren.

Das geht natürlich mit der einen oder anderen (Selbst-)Erkenntnis einher, das öffentlich-rechtliche Fernsehen sieht sich da schon in der Pflicht. Glücklicherweise bleiben dem Publikum dabei aber die üblichen Kalendersprüche und tausendfach kopierten Weisheiten erspart, die sich klüger anhören, als sie es sind. So werden zwar einige Figuren tatsächlich in ihrem Leben weiterkommen, etwa weil sie lernen, sich zu öffnen und auch mal den Blick schweifen zu lassen. Doch das Drehbuch von Ruth Thoma (Der Junge muss an die frische Luft) macht daraus keine große Sache, baut keine theatralischen Aha-Momente ein, sondern lässt das Ganze sich einfach mal entwickeln.

Die Suche nach dem weiteren Weg

Das hat dann zur Folge, dass Ruhe! Hier stirbt Lothar zuweilen etwas ziellos erscheint. Während man anfangs denkt, dass es in dem Film vor allem um das Verhältnis zwischen Lothar und Rosa geht, wird der Figurenkreis immer mehr erweitert. Spätestens wenn der Fokus irgendwann auf die Beziehung von Lothars Tochter Mira mit ihrem Kollegen Ansgar (Merlin Sandmeyer) verschoben wird, darf man sich fragen: Wovon handelt der Film überhaupt? Auch wenn die Tragikomödie natürlich Züge solcher Läuterungsgeschichten in sich trägt, bei denen Protagonisten durch Umstände zu besseren Menschen werden, so ist sie doch mehr als das – und gleichzeitig weniger.

Tatsächlich dürften einige Ruhe! Hier stirbt Lothar aufgrund der Ziellosigkeit und einer gewissen Ereignislosigkeit wegen als bloß nette Abendunterhaltung abtun. Doch damit würde man dem Film kaum gerecht. Vielmehr ist es löblich, wie sich hier einer herkömmlichen Dramaturgie verweigert wurde. Es gibt keine erzwungenen Happy Ends, allenfalls versöhnliche Töne und die Aussicht, dass es besser werden kann. Die Tragikomödie behält dabei die Balance aus ernsten Themen und einer gewissen Leichtigkeit, kann im einen Moment rührend, dann wieder bitter sein. An manchen Stellen wäre mehr Biss trotz allem nicht verkehrt gewesen, gerade im weiteren Verlauf. Aber auch so ist die Geschichte um einen Fliesenverkäufer in der Krise einer der sehenswertesten TV-Filme der letzten Zeit.

Credits

OT: „Ruhe! Hier stirbt Lothar“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Ruth Thoma
Musik: Julian Maas, Christoph M. Kaiser
Kamera: Sebastian Edschmid
Besetzung: Jens Harzer, Corinna Harfouch, Elisa Plüss, Vedat Erincin, Milena Dreißig, Merlin Sandmeyer

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Ruhe! Hier stirbt Lothar
In „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ erfährt ein Fliesenverkäufer, dass er nur noch kurze Zeit zum Leben hat. Die Tragikomödie macht aufgrund der skurrilen Hauptfigur und des Ensembles wegen Spaß, verzichtet zudem auf die sonst üblichen Lebensweisheiten. Das wird manchen zu wenig sein, ist aber doch ein schöner Film, der sich der üblichen Klischees verweigert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Oliver Gichert

    Ihre Filmkritiken sind excellent, das beste was deutschsprachig zu finden ist. Bei eigentlich jedem Film, den ich nachsehe hoffe ich auf eine Kritik von Ihnen ; meistens klappt das auch.

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