Kritik

Enormous Enorme

„Enormous“ // Deutschland-Start: 15. Januar 2021 (Video on Demand)

Die Rollen sind bei den Girards klar verteilt. Während Claire (Marina Foïs) die große Künstlerin ist, die durch die Welt reist und Konzerte gibt, da ist Frédéric (Jonathan Cohen) der brave Ehemann, der sich um alles andere kümmert. Das tut er gerne und auch gut, ohne sein Organisationstalent wäre sie ziemlich aufgeschmissen. Und doch, irgendwas fehlt in seinem Leben. Als Frédéric eines Tages Zeuge wird, wie eine Frau während eines Flug ein Kind bekommt, weckt das in ihm den Wunsch, selbst eines zu haben. Dumm nur, dass Claire so gar nicht für diese Idee zu begeistern ist, weil ihre Karriere als Pianistin keine Zeit dafür lässt. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und so macht sich der Möchtegern-Vater an die Arbeit, ohne ihr Wissen für Nachwuchs zu sorgen …

Männer und der Kinderwunsch
Wenn Männer Babys bekommen: Wer einige der Bilder zu Enormous gesehen hat, in denen Frédéric mit einem dickeren Bauch durch die Gegend läuft, könnte auf die Idee kommen, dass es sich hier um eine dieser Komödien handelt, in denen Männer auf einmal selbst schwanger werden – siehe etwa Die Umstandshose oder Junior. Und auch wenn der Film ein wenig in die fantastische Richtung geht durch die exzessive Schwangerschaft, die Claire erleiden muss, das Thema ist dann doch ein anderes. Vielmehr wird hier erzählt, wie sich ein Mann auf absurde Weise in seine Rolle des Vaters hineinsteigert und nicht mehr Herr über seinen Kinderwunsch wird.

Dass er Claire zu einer Schwangerschaft zwingt, die sie gar nicht will, ist natürlich eine massive Grenzüberschreitung, die durch den Humor zum Teil etwas verharmlost wird und auch ohne Einsicht Frédérics geschieht. Andererseits ist in Enormous alles so übertrieben, dass eine Ableitung für das reale Leben da draußen nicht unbedingt naheliegend ist. Wer möchte, kann in der Komödie von Regisseurin und Co-Autorin Sophie Letourneur einen Beitrag zu Geschlechterrollen finden. So richtig männlich tritt der Wunschvater schließlich nicht auf, wenn er sich falsche Brüste umspannt und mit kreischender Stimme streitet. Aber das bleibt dann doch alles eher an der Oberfläche.

Alles irgendwie Quatsch
Dafür stimmt der Unterhaltungsfaktor. Nach einem eher gemächlichen, recht nichtssagenden Auftakt legt der Beitrag der Französischen Filmtage Tübingen-Stuttgart 2020 mächtig zu, wird turbulent und absurd. Der Hauptgrund: Frédéric steigert sich immer mehr in seine Rolle hinein, bestimmt jeden Aspekt der Schwangerschaft, so wie er immer alles in Claires Leben bestimmt hat. Doch was zuvor eine Notwendigkeit war, da seine Frau sich mit allem, was den Alltag betrifft, nicht beschäftigen mag, wird nun zu einer von Enthusiasmus und Leidenschaft geprägten Aufgabe, die alles andere überlagert. Es gibt praktisch nichts anderes mehr, der werdende Vater rennt mit einem Tunnelblick durch die Gegend, der alle anderen überfordert.

So etwas kann schnell anstrengend bis nervig werden, von eintönig ganz zu schweigen. Doch Letourneur gelingt es, dieses einfache Konzept tatsächlich auf hundert Minuten auszudehnen, ohne dass es dabei zu nennenswerten Längen kommt. Das liegt einerseits an den besagten Übertreibungen und verrückten Einfällen, die doch über das hinausgehen, was man von solchen Komödien gewohnt ist. Aber es ist gerade auch das Duo, das hier für den Unterhaltungsfaktor sorgt. Marina Foïs (Mama gegen Papa) als überfordert-müde Mama wider Willen, die oft verwirrt dreinschaut, wenn nichts mehr Sinn ergibt, und Jonathan Cohen (Budapest) als übereifriger Kindskopf mit Hundeblick funktionieren prima als Paar, das so sehr in seinen jeweiligen Rollen feststeckt, dass es keinen Austausch mehr gibt. Das ist zwar eigentlich ziemlich tragisch, aber eben doch so lustig, dass man sich an einer Partnerschaft erfreut, bei der Glück und Unglück kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Credits

OT: „Énorme
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Sophie Letourneur
Drehbuch: Sophie Letourneur, Mathias Gavarry
Kamera: Laurent Brunet
Besetzung: Marina Foïs, Jonathan Cohen

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2021 Bester Hauptdarsteller Jonathan Cohen Nominierung
Prix Lumières 2021 Bester Hauptdarsteller Jonathan Cohen Nominierung

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Enormous
In „Enormous“ will ein Mann unbedingt ein Kind und sorgt deshalb dafür, dass seine Frau schwanger wird – ohne ihr Wissen. Diese massive Grenzüberschreitung wird hier zu einer absurden Komödie, bei der alles eskaliert und die gerade auch aufgrund des Duos Spaß macht, selbst wenn die angesprochenen Themen nie wirklich vertieft werden.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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