Kritik

Demy Deneuve

„Die Umstandshose“ // Deutschland-Start: 7. Mai 2020 (DVD)

Bis vor Kurzem war alles gut bei Marco (Marcello Mastroianni) und Irène (Catherine Deneuve). Er hat eine kleine Fahrschule, sie leitet einen Friseursalon, zusammen haben sie einen Sohn, sie alle sind glücklich und zufrieden. Doch dann klagt Marco beim Besuch eines Konzertes über seltsame Schmerzen. Der Arzt, zu dem er auf Druck seiner Frau geht, hat auch schon eine Diagnose für ihn – eine sehr unerwartete jedoch: Er ist im vierten Monat schwanger. Einerseits ist die Freude groß, wollten die beiden doch ohnehin ein zweites Kind. Allerdings bedeutet dies auch ziemlichen Stress für sie. Während sie versuchen, sich auf die neue Situation einzustellen, werden sie über Nacht zu einer Mediensensation und haben plötzlich keine freie Minute mehr …

In den letzten Jahren ist nicht zuletzt aufgrund von #MeToo wieder ein größeres Bewusstsein entstanden für die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen, für ungleiche Chancen auch. Da ist es irgendwie doch ganz passend, wenn zu einer solchen Zeit Die Umstandshose wiederveröffentlicht wird, die sich des Gedankenspiels annimmt: Was, wenn Männer auch schwanger werden könnten? Das haben spätere Komödien aus den USA auch getan, allen voran Junior mit Arnold Schwarzenegger, Danny DeVito und Emma Thompson. Das französische Pendant erschien jedoch rund zwei Jahrzehnte früher als, ist dabei jedoch nicht minder aktuell. In mancher Hinsicht war Jacques Demy sogar seiner Zeit voraus.

Ein eingespieltes Team
Das ist auch deshalb unerwartet, weil sich der Franzose hier auf unerwartetem Terrain bewegt. Dreimal hatte der Regisseur zuvor mit Catherine Deneuve zusammengearbeitet, allesamt Musicals: Die Regenschirme von Cherbourg (1964), Die Mädchen von Rochefort (1967) und Eselshaut (1970). Bei der vierten Kooperation verzichtete er jedoch darauf, seinen Star singen zu lassen. Ein bisschen Musik gibt es zwar durch den Auftritt von Chanson-Legende Mireille Mathieu. Mit der eigentlichen Geschichte hat dies jedoch nichts zu tun. Stattdessen nutzt Demy seinen Film in erster Linie für zahlreiche Witze rund um die ausgefallene Schwangerschaft.

Der Humor ist dabei meist harmloser Natur. Dann und wann geht Die Umstandshose aber doch über die zu erwartenden Gags hinaus, eine Vielzahl von Themen werden zumindest angeschnitten. Schon die Erklärung des Doktors, die veränderte Ernährung der Menschen hätte biologische Folgen und wäre damit für die Schwangerschaft verantwortlich, greift bei aller Unsinnigkeit heutige Gedanken zum bewussteren Umgang mit Essen vorweg. Später wird es unter anderem um die Themen Überbevölkerung gehen – wenn alle schwanger werden können, bleibt das nicht folgenlos –, um die Sensationsgier von Medien, Religion und natürlich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Bedeutet das beispielsweise, dass Männer in Zukunft zu Hause bleiben und Frauen zur Arbeit gehen?

Zwischen Heiterkeit und Farbexplosion
In der Hinsicht wäre sicherlich noch einiges mehr möglich gewesen, Demy, der auch das Drehbuch geschrieben hat, zeigt zwar ein Gespür für brisante Folgen, die eine solche Veränderung mit sich bringen könnte. Schlussendlich zieht er dann aber doch eine leichte Familienunterhaltung vor, nutzt seine eigenen satirischen Vorlagen nicht. Das ist bedauerlich, umso mehr, da die vielen albernen Gags nicht wirklich viel Eindruck hinterlassen. Die Umstandshose ist eine gut gelaunte, irgendwie sympathische Komödie, die aber selten mehr wird als leichte Berieselung. Etwas, das man sich gut anschauen kann, jedoch kaum Eindruck hinterlässt.

Was Die Umstandshose aber nach wie vor sehenswert macht, im wahrsten Sinne des Wortes, sind die Bilder. Wie schon die vorangegangenen Musicals von Demy ist die Komödie ein knallbuntes Feuerwerk im Geist der 60er, vollgestopft mit Details, teils skurrilen Elementen, bei denen das Auge so viel zu tun bekommt, dass der Verstand dann schon mal eine kleine Pause einlegen darf. Auch wenn der Unterhaltungsfaktor nicht so hoch ist, wie man es sich vielleicht gewünscht hätte, so bereitet der Film doch auch ein stark nostalgisches Vergnügen, das einerseits auf die Welt verweist, gleichzeitig so losgelöst von dieser ist, dass das hier einem visuellen Urlaub gleichkommt.

Credits

OT: „L’événement le plus important depuis que l’homme a marché sur la Lune“
IT: „A Slightly Pregnant Man“
AT: „Hilfe, mein Mann ist schwanger“
Land: Frankreich
Jahr: 1973
Regie: Jacques Demy
Drehbuch: Jacques Demy
Musik: Michel Legrand
Kamera: Andréas Winding
Besetzung: Catherine Deneuve, Marcello Mastroianni, Micheline Presle, Claude Melki, Raymond Gérôme

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Die Umstandshose
3.67 (73.33%) 3 Artikel bewerten

Die Umstandshose
Stell dir vor, Männer können jetzt auch schwanger werden! Die französische Komödie „Die Umstandshose“ nimmt diesen Gedanken auf und macht daraus ein knallbuntes Vergnügen, das von einer entspannten Stimmung und tollen Bildern lebt. Vom Humor sollte man jedoch nicht allzu viel erwarten: Dann und wann nimmt Jacques Demy zwar Bezug auf gesellschaftliche Themen, vertraut in erster Linie aber auf harmlose Gags.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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