Kritik

The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte Collection

„The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“ // Deutschland-Start: 22. Oktober 2020 (Kino)

Mit dem Tod kennt sich Montgomery Dark (Clancy Brown) bestens aus, hat er ihn doch viele Male von ganz nah gesehen. Seit vielen Jahren schon arbeitet er als Leichenbestatter, kümmert sich um Begräbnisse, hält Grabreden oder verbrennt im hauseigenen Krematorium die Verstorbenen. Wer nicht gerade seine Dienste braucht, hält sich jedoch von ihm fern, Dark lebt zurückgezogen und etwas gefürchtet in seinem riesigen Anwesen. Umso überraschter ist er, als eines Tages Sam (Caitlin Fisher) vor ihm steht, eine junge Frau, die bei ihm arbeiten möchte. Mehr noch, sie scheint selbst eine große Faszination für den Tod zu pflegen und fordert den älteren Herren dazu auf, ihr einige seiner finstersten Geschichten zu erzählen …

Kaum ein Genre eignet sich wohl besser für Kurzfilmsammlungen als das des Horrors. Um eine unheimliche Geschichte zu erzählen, braucht es schließlich nicht zwangsläufig komplexe Szenarien, ausgeklügelte Charaktere oder Effektorgien. Tatsächlich ist weniger manchmal mehr, wenn sich Filmemacher schwer damit tun, eine Idee, die für einen guten Kurzfilm reichen würde, irgendwie auf 90 Minuten ausgedehnt werden muss. Und so gibt eine ganze Reihe solcher Anthologien, deren Klammer mal thematisch (5 Senses of Fear), mal visuell (V/H/S – Eine mörderische Sammlung) oder auch zeitlicher Natur (All Hallow’s Eve) sein kann. Dann und wann gibt es sie aber auch, Horror-Anthologien, die sich an einer Rahmenhandlung versuchen, in die sie die einzelnen Geschichten einbetten.

Ein Setting zum Fürchten
Mit The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte startet ein ebensolcher Film. Obwohl man es vielleicht bei dem Titel vermuten könnte, ist der Schauplatz nicht wirklich eine Leichenhalle. Anders als The Autopsy of Jane Doe, welches das von Natur aus furchteinflößende Setting nutzt, um dort einen nächtlichen Albtraum zu inszenieren, ist der Ort hier mehr der Anlass für die Geschichte, weniger dessen Inhalt. Das wird der eine oder andere vielleicht als verschenktes Potenzial wahrnehmen, ist aber doch clever. Wenn sich Dark an zurückliegende, finstere Zeiten erinnert, dann ist das Haus der ideale Rahmen dafür. Und es ist naheliegend: Wer kann mehr über den Tod erzählen als einer, der die verschiedensten Formen davon gesehen hat?

Wobei das Ergebnis alles andere als realistisch ist. Vielmehr hatte Regisseur und Drehbuchautor Ryan Spindell sichtlich Spaß dabei, die bizarrsten Geschichten zu erzählen. Hier laufen nicht einfach irgendwelche Killer herum oder treiben die üblichen Dämonen ihr Unwesen. Stattdessen gibt es eine dickere Portion Mystery dazu. Das erinnert ein wenig an frühere Serien wie Geschichten aus der Gruft oder auch den Film Scary Stories to Tell in the Dark. Mit Letzterem hat der Film auch gemeinsam, dass es nicht allein um die Geschichten an sich geht, sondern das Geschichtenerzählen an sich. Wie bei einem launigen Lagerfeuer dürfen hier die unsinnigsten Sachen ausgepackt werden. Spindell verbindet dies jedoch mit spaßigen Meta-Elementen, wenn Sam nicht nur stilles Publikum ist, sondern selbst als Kommentatorin auftritt.

Der spaßige Umgang mit dem Tod
Überhaupt: Bei The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte steht stärker der Spaß im Vordergrund als der Schrecken. Vieles hier ist lustvoll überzogen und mit Humor angereichert – wenngleich einem sehr morbiden. Manchmal ist der Film sogar mehr schwarze Komödie als wirklich Horror. Gerade Clancy Brown geht auf in seiner Rolle des skurrilen Leichenbestatters, bei dem nie ganz klar ist, ob dieser ein harmloser alter Mann ist, gezeichnet von seinem Umfeld, oder doch böse Absichten hegt. Das macht einerseits neugierig, ist aber auch Folge eines Mankos: Zwischenzeitlich wird diese Rahmenhandlung ein bisschen vernachlässigt, wenn die einzelnen Geschichten von Mal zu Mal länger werden, wodurch das Setting in den Hintergrund rückt.

Dafür ist dieses sowohl in der Rahmenhandlung wie auch den Einzelepisoden wunderbar. Das Haus ist vollgestopft mit Details, alle Schauplätze wurden mit viel Liebe geschaffen. Zudem hat der Film ein schön nostalgisches Flair, was einerseits auf die Machart an sich wie auch die Szenarien zurückzuführen ist, die deutlich in der Vergangenheit angesiedelt sind, ohne dabei konkret zu werden. Den Geschichten zu lauschen, die sich in dem düsteren Anwesen so angesammelt haben, gleicht daher einer Reise, die gleichzeitig bekannt und geheimnisvoll ist. Die etwas über diese Welt und die Menschen zu sagen hat und dabei doch schön abgedreht ist. Auch wenn der Spannungsfaktor insgesamt höher hätte sein können: The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte, das auf dem Fantastic Fest 2019 Premiere hatte, ist ein gelungenes Spielfilmdebüt von Spindell, blutig, atmosphärisch und stylisch.

Credits

OT: „The Mortuary Collection“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Ryan Spindell
Drehbuch: Ryan Spindell
Musik: Mondo Boys
Kamera: Elie Smolkin, Caleb Heymann
Besetzung: Clancy Brown, Caitlin Custer, Christine Kilmer, Jacob Elordi, Barak Hardley

Bilder

Trailer

Interview

Clancy BrownWas reizte ihn an der Rolle des Bestatters? Und woher kommt unsere Faszination für Geschichten rund um den Tod? Diese und weitere Fragen haben wir Schauspieler Clancy Brown in unserem Interview zu The Mortuary gestellt.

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The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte
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The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte
In „The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“ will eine junge Frau bei einem Leichenbestatter anfangen zu arbeiten und bittet ihn, ihr möglichst unheimliche Geschichten zu erzählen. Die in die Rahmenhandlung eingebetteten Episoden sind zwar nicht unbedingt spannend, dafür aber sehr unterhaltsam. Aber auch die liebevoll inszenierten Settings und ein fantastischer Auftritt von Clancy Brown machen Laune.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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