In einem Bestattungsinstitut zu arbeiten, das bringt schon etwas eigene Anforderungen mit sich. Beispielsweise die, gute Geschichten erzählen zu können: In The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte (Kinostart: 22. Oktober 2020) spielt Clancy Brown einen solchen Bestatter, der sich einer jungen, sehr begeisterten und wissbegierigen Aushilfe annimmt und ihr von diversen ungewöhnlichen Todesfällen berichtet. Wir haben den Schauspieler zu der Horror-Anthologie befragt, zu dem Geheimnis des Geschichtenerzählens und der Beschäftigung mit dem Tod.

Warum hast du dich dafür entschieden, in The Mortuary mitzuspielen? Was hat dir an dem Film gefallen?
Ryan Spindell schickte mir sein Drehbuch und ich mochte es auf Anhieb. Ich fand es sehr gut geschrieben, sehr clever und originell, gleichzeitig aber auch vertraut. Da waren Figuren, die wir kannten, Geschichten, die wir kannten, auch die Form haben wir natürlich alle schon einmal gesehen. Und doch war da eine ganz frische Herangehensweise. Außerdem mochte ich die Rolle gern und hatte noch nichts Vergleichbares gespielt. Ryan hatte vorher einen Kurzfilm gedreht, The Babysitter Murders, die vorletzte Geschichte im Film. Es gefiel mir, wie er diese bestehende Kurzgeschichte in die Rahmenhandlung einbaute und den Charakter daraus wieder aufgriff. Normalerweise werden in solchen Horror-Anthologien die einzelnen Segmente von verschiedenen Leuten gedreht. Das führt dazu, dass es da zwangsläufig größere Unterschiede gibt, etwa beim Stil oder der Kompetenz. Bei The Mortuary war es nur Ryan, der alles gemacht hat, weshalb der gesamte Film aus einem Guss ist.

Eine Besonderheit des Films ist, dass die beiden Hauptfiguren die einzelnen Geschichten kommentieren und sich darüber streiten, was eine gute Geschichte ausmacht. Was ist deiner Meinung nach das Geheimnis einer guten Geschichte?
Das mochte ich auch an dem Film. Du hast mit Montgomery Dark einen klassischen Geschichtenerzähler, der seinen jungen Protegé in die Kunst des Geschichtenerzählens einführt und viel Wert auf die Formen legt. Und dann hast du diese junge, energiegeladene Frau, die eine völlig andere Ansicht der Dinge hat und sich wenig für die alte Art des Erzählens interessiert. Doch trotz dieser Unterschiede hast du diese Verbindung zwischen beiden, weil sie eben beide Geschichten lieben. Und ich denke, wenn du diese beiden Gegensätze zusammenführst, dann wird da auch eine gute Geschichte draus. In dem Film kommt es auch oft zu einer Verbindung von Altem und Neuem. Du hast junge, attraktive Schauspieler in einem historischen Setting, moderne Empfindsamkeit und zeitlose Geschichten, dazu noch Monster von früher. Diese vielfältigen Kombinationen mochte ich gerne. Die eine richtige Methode, Geschichten zu erzählen, gibt es auch gar nicht. Dafür sind die Möglichkeiten einfach zu zahlreich.

Welche Geschichten aus dem Horrorbereich haben dir denn zuletzt gefallen?
Ich finde Ari Aster sehr gut, der Hereditary – Das Vermächtnis und Midsommar gedreht hat.

Nun ist Horror sehr subjektiv. Was der eine furchterregend finden, lässt den nächsten völlig kalt. Wenn ich dir Angst einjagen wollte, womit hätte ich die beste Chance?
Wilde Tiere oder eine entfesselte Natur, welche die Zivilisation bedroht. Das ist immer ziemlich furchterregend. Wie die aktuelle Pandemie beispielsweise oder auch die Klimaerwärmung. Etwas, das wir nicht kontrollieren können und das uns unsere Grenzen aufzeigt.

In The Mortuary drehen sich alle Geschichten irgendwie um den Tod. Im wahren Leben wollen wir mit dem Thema meistens nichts zu tun haben, wollen nicht darüber nachdenken oder uns damit befassen. Warum ist dann ein Film über den Tod so reizvoll?
Horrorfilme sind oftmals Geschichten mit einer moralischen Botschaft. Und solche hat es immer schon gegeben, wenn du etwa an die Märchen von früher denkst. Filme, die dir Angst einjagen wollen, sind gleichzeitig immer eine Anleitung zum Überleben. Gehe nicht in ein fremdes Haus und iss dort den Porridge. Sprich nicht mit Fremden, wenn du auf dem Weg zu deiner Großmutter bist. Das sind Geschichten, die wir immer gern erzählt haben und die wir als Kind gern gehört haben.

In dem Film spielst du einen Leichenbestatter, dessen Geschäft der Tod ist. Beeinflusst es die eigene Sicht aufs Leben, wenn du den ganzen Tag vom Tod umgeben bist?
So sehr habe ich mich dann doch nicht mit diesem Beruf auseinandergesetzt. Aber ich gehe schon davon aus, dass dich eine solche Arbeit beeinflusst und du etwas anders durchs Leben gehst. Dass du vielleicht auch den Leuten anders begegnest.

Nun waren wir in den letzten Monaten alle von Tod umgeben oder zumindest der Möglichkeit des Todes. Hat dich diese Erfahrung beeinflusst?
Sicher. In unserem Film haben wir zwar auch vom Tod gesprochen, aber dort ging es immer um individuelle, sehr spezielle Erfahrungen anderer. Bei der Pandemie kennen wir den Albtraum bereits, weil er für alle gleich ist. Wir wissen von dem Husten, von der Atemnot, von den Krankenhausaufenthalten. Du kannst deine Familie nicht mehr sehen. Dass so viele Menschen gestorben sind, die sich nicht mehr verabschieden konnten und die zum Teil beerdigt werden mussten, ohne dass die Familie vorbeikommen konnte – das war wie Krieg. Wir denken immer, dass jedes Leben eine Bedeutung hat und dass wir es wertschätzen müssen. Und dann kommt so eine Sache und zerstört diese ganzen Rituale, das Leben zu würdigen, tötet Menschen in einem Ausmaß, das wir so nicht kannten. Insofern hat es meine Sicht auf das Leben auf jeden Fall verändert. Wahrscheinlich werden wir in den nächsten Jahren auch sehr interessante Beispiele von Kunst sehen, die aus dieser Erfahrung entsteht.

Wolltest du eigentlich schon immer Schauspieler werden?
Ich wollte es auf jeden Fall immer versuchen. Damals habe ich meiner Familie gesagt, dass ich das ein paar Jahre machen will und im Anschluss dann etwas Sinnvolles mache. Irgendwie bin ich aber bis heute nicht zu diesem Sinnvollen gekommen, weil mich immer jemand engagiert hat, aus irgendeinem Grund.

Was hätte dieses Sinnvolle denn sein können?
In meiner Familie sind viele in der Politik oder bei Journalismus. Wahrscheinlich hätte ich mich für Journalismus entschieden, weil ich mit Politik nicht viel anfangen kann.

Dann zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft. Welche Projekte stehen bei dir an?
Ich habe eine Nebenrolle in Promising Young Woman mit Carey Mulligan. Außerdem hört man mich im dritten SpongeBob Film.

Clancy Brown

Zur Person
Clancy Brown wurde am 5. Januar 1959 in Urbana, Ohio, USA geboren. Er begann seine Karriere am Theater in Chicago. Sein Filmdebüt gab er 1983 als fieser Gefängnis-Insasse in Bad Boys – Klein und gefährlich. Seither hat er in knapp 300 Filmen und Serien mitgespielt, darunter Highlander (1986) und Die Verurteilten (1994). Einem englischsprachigen Publikum ist seine Stimme zudem durch die Animationsserie SpongeBob Schwammkopf bekannt, wo er die Rolle des Mr. Krabs spricht.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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