Kritik

Medianeras

„Medianeras“ // Deutschland-Start: 3. Mai 2012 (Kino) // 22. März 2013 (DVD)

In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires lebt Webdesigner Martín (Javier Drolas) eine Einsiedlerexistenz während sich die gelernte Architektin Mariana (Pilar López de Ayala) mit dem Dekorieren von Schaufenstern ihren Lebensunterhalt verdient. Beide sind seit längerer Zeit Single und versuchen auf unterschiedliche Weise mit der Einsamkeit umzugehen. Martín schottet sich immer mehr ab, geht nur ungern unter Menschen, wobei ihn der von seiner Ex-Freundin zurückgelassene Hund zwingt sich auf die Straße zu trauen. Mariana dekoriert stets ihr kleines Apartment um, träumt von der großen Liebe und umgarnt in ihrer Verzweiflung sogar eine der Schaufensterpuppen. Eine Verabredung mit einem Arbeitskollegen verläuft katastrophal, erst irritiert diesen Marianas Phobie vor Fahrstühlen und dann ergreift sie panisch die Flucht. Auch Martín knüpft trotz seines Daseins als Eremit Bekanntschaften, beispielsweise mit einer Hundesitterin, die sich aber nach dem Sex schnell bei ihm langweilt. So begeben sich beide zur Arbeit und auf die Straßen der Metropole, laufen immer wieder aneinander vorbei, getrieben von der Suche nach der Liebe.

Liebe in der Großstadt
Mit seinem Debütfilm versucht sich der argentinische Regisseur Gustavo Taretto an zwei Dingen: einem Porträt seiner Heimatstadt sowie einer modernen Liebesgeschichte. Beispiele für solche Geschichten sind dem Regisseur durchaus bewusst, finden sich doch Anklänge an das Kino des Woody Allen, dessen Film Manhattan an einer Stelle sogar vorkommt. Somit ist die Stadt oder genauer gesagt die Architektur Buenos Aires’ Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sowie das Zusammenspiel von Nähe und Distanz im urbanen Raum.

Immer wieder kehrt der Film über seine beiden Protagonisten zu der Metapher des Hauses zurück. Ausgehend vom launigen Eingangsmonolog Martíns, der seinem Frust über den Mangel an Stil und Sinn im Gesamtbild Buenos Aires Luft macht, zeichnet Medianeras ein Bild der modernen Metropole, die als eine Art Flickenteppich verschiedener Einflüsse erscheint. Ähnlich wie das Über-Angebot des Internets hat die Reizüberflutung und die Vielfalt der Möglichkeiten einen inneren Druck zur Folge, der sich in oftmals zwanghaftem Handeln äußert. Die Angst, etwas zu verpassen und so seine Möglichkeiten nicht auszuschöpfen, ist jene Seitenwand (span. „medianera“), die vom Blick auf das Offensichtliche abhält.

Nicht nur in den Dialogen, sondern auch in seiner Bildsprache betont Gustavo Taretto diesen Widerspruch, der zu einem Sinnbild unserer Zeit wird. Der Drang nach Selbstoptimierung sowie die damit verbundene Rastlosigkeit verstellen den Blick und stellen Gefühle in den Dienst eines Selbstbildes, dessen Nicht-Erreichen in Selbstmitleid und Depression stürzt.

So nah und doch so fern
Bei all den Themen und Verweisen erweist Taretto eine gute Beobachtungsgabe nicht nur für eben jene Begleitumstände des modernen Lebens, sondern auch für die darin enthaltene Komik. Seine Schauspieler stellen in gewisser Weise Archetypen von Großstädtern dar, die in ihrem Versuch Anschluss zu finden, in ihren Augen versagt haben und sich nun in die Isolation flüchten. Trotz der inhärenten Übertreibung dieser Idee bleiben beiden Figuren, nicht zuletzt dank der natürlich und mit viel Selbstironie agierenden Darsteller glaubhaft, auch in den teils abstrusen Auswüchsen von Sozialphobie und Paranoia.

Credits

OT: „Medianeras“
Land: Argentinien
Jahr: 2011
Regie: Gustavo Taretto
Drehbuch: Gustavo Taretto
Musik: Gabriel Chwojnik
Kamera: Leandro Martínez
Besetzung: Javier Drolas, Pilar López de Ayala, Miguel Dedovich, Miguel Alvarez

Bilder

Trailer

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Berlinale 2011

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Medianeras
3.88 (77.5%) 24 Artikel bewerten

Medianeras
„Medianeras“ ist ein amüsantes Porträt einer Liebe in der Großstadt. Mit guten Ideen sowie einem Sinn für gutes Timing gelingt Gustavo Taretto ein sehr stimmiger, unterhaltsamer Film, der auch durch seine gut aufspielenden Darsteller punkten kann.
8von 10

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