Kritik

On the Rocks

„On the Rocks“ // Deutschland-Start: 2. Oktober 2020 (Kino) // 23. Oktober 2020 (Apple TV+)

Eigentlich hat Laura (Rashida Jones) ein echtes Traumleben. Sie ist nach wie vor überglücklich mit Dean (Marlon Wayans) verheiratet, liebt ihre beiden Kinder über alles. Okay, dass es derzeit mit dem Schreiben nicht vorangehen will, ist weniger schön. Oder auch dass Dean die ganze Zeit für die Arbeit unterwegs ist und so viel Zeit mit seiner neuen Kollegin verbringt. Gerade Letzteres macht ihr zunehmend zu schaffen. Was wenn da doch mehr ist? Schließlich kommt er in der letzten Zeit immer erst so spät nach Hause. Als sie ihrem Vater Felix (Bill Murray) davon erzählt, macht sie es nur umso schlimmer, denn der bestätigt sie in ihren Befürchtungen – nicht zuletzt weil er selbst jedem Frauenrock hinterherschaut. Mehr noch: Er überredet sie dazu, ihm gemeinsam heimlich hinterher zu spionieren, um für Klarheit zu sorgen …

Als Sofia Coppola und Bill Murray zusammen Lost In Translation – Zwischen den Welten drehten, war das für beide ein künstlerischer Triumph. Coppola, die von ihrem filmischen Übervater Francis Ford Coppola zur Schauspielerei gedrängt worden war und damit kläglich scheiterte, bewies in ihrem zweiten Film als Regisseurin, dass sie eigene Geschichten erzählen konnte. Murray wiederum, der in seiner Karriere so manches Hoch und Tief zu überstehen hatte, wurde auf einmal für einen Oscar nominiert. Erfolge feierten beide anschließend noch weitere. Und doch war die Geschichte um einen einsamen Mann, der mit einer Zufallsbegegnung durch die Fremde streift, von einem Zauber beseelt, wie man ihn nur selten in Filmen erfährt.

Eine vertraute Leere
Nun ist das Dream Team wieder vereint, zum dritten Mal nach Lost in Translation und der Netflix-Produktion A Bill Murray Christmas. Und irgendwie hat On the Rocks auch etwas wohlig Vertrautes. Erneut streift hier ein Gespann durch die Nacht, mit dem Ziel, eine innere Leere zu füllen. Erneut wird es auch um Themen wie Entfremdung und Einsamkeit gehen. Wobei das diesmal ein wenig versteckter geschieht. War Coppolas großer Durchbruch von einer Melancholie erfüllt, werden diese Punkte beim Wiedersehen mit mehr Humor betrachtet. Nur weil irgendwie nichts so richtig stimmt, bedeutet das schließlich nicht, dass man keinen Spaß haben könnte.

Der offensichtlichste ist dabei natürlich die absurde Spionagemission der beiden. Wenn sich die zwei auf die Verfolgungsjagd machen, er mit exaltierter Begeisterung, sie eher widerwillig, dann ist das schon ein vergnüglicher Anblick. Dabei klappt dann zwar so gut wie nichts, wie es eigentlich geplant war. Es ist nicht einmal so, dass sie mit ihren Aktionen tatsächliche Informationen sammeln würden – die kommen eher von außen. Aber eben weil das hier letztendlich so lächerlich ist, darf man immer wieder schmunzeln. Wobei die Komik eher durch die Interaktion entsteht, weniger durch das, was tatsächlich geschieht. On the Rocks verzichtet auf naheliegende Situationskomik, investiert dafür mehr in die Dialoge.

Zwei zwischen Distanz und Nähe
Tatsächlich ist die Frage, ob Dean nun Laura betrügt oder nicht, ziemlich nebensächlich. Die Antwort steht auch relativ früh fest, sofern man ein bisschen aufpasst. On the Rocks handelt in erster Linie von der Beziehung zwischen Laura und Felix, die gleichermaßen von Nähe und Distanz geprägt ist. Die auch immer noch davon geprägt ist, dass er die Familie vor vielen Jahren für eine andere Frau verlassen hat. Er will ihr wieder näher kommen, weiß aber nicht wie, versucht sie auf die eine oder andere Weise zu beeindrucken, so wie er auch sonst alle beeindruckt. Sie wiederum trägt die unausgesprochenen Gefühle mit sich herum, die schon lange an ihr nagen und vermutlich nicht ganz unschuldig sind an der aktuellen Situation. Mit Männern, die ihre Frauen hintergehen, kennt sie sich schließlich aus. Gleichzeitig handelt der Film von der Sehnsucht einer Frau, jemand zu sein, die nicht nur beim Schreiben mit einer inneren Leere zu kämpfen hat, sondern auch sonst das Gefühl hat, nicht genug zu sein.

Das ist eigentlich ziemlich tragisch, auch wenn Coppola darauf verzichtet, diese Aspekte zu vertiefen. Es ist sogar ein bisschen irritierend, wie vieles hier etwas harmlos im Sande verläuft – etwa bei dem sehr plötzlichen Ende, das so wirkt, als hätte der Film zu einer bestimmten Deadline fertig sein müssen und deshalb eine Abkürzung genommen. Aber auch wenn On the Rocks am Ende nicht ganz befriedigend ist und man sich in mehrfacher Hinsicht mehr gewünscht hätte, so ist doch eine schöne Tragikomödie daraus geworden. Marlon Wayans bekommt zwar nicht so viel zu tun, ist eher das fünfte Rad am Wagen. Doch gerade das Zusammenspiel von Bill Murray (Ghostbusters – Die Geisterjäger) und Rashida Jones (#BlackAF) ist witzig, manchmal rührend und bei all den Problemen, die ihre Figuren mit sich herumtragen, auch irgendwie hoffnungsvoll.

Credits

OT: „On the Rocks“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Sofia Coppola
Drehbuch: Sofia Coppola
Musik: Phoenix
Kamera: Philippe Le Sourd
Besetzung: Bill Murray, Rashida Jones, Marlon Wayans

Bilder

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On The Rocks
In „On the Rocks“ überzeugt ein Mann seine Tochter, gemeinsam hinter ihrem Mann hinterher zu spionieren, weil sie Untreue vermuten. Die Verfolgungen sind dabei schön absurd. Im Mittelpunkt steht aber das Verhältnis zwischen den Vater und Tochter, die sich nahe und doch fremd sind, die beide angetrieben sind von Gefühlen, die sie nicht wirklich ausdrücken können.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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