Kritik

Niemals selten manchmal immer Never rarely sometimes always

„Niemals Selten Manchmal Immer“ // Deutschland-Start: 1. Oktober 2020 (Kino)

Autumn (Sidney Flaningan) ist 17 Jahre alt, lebt im ländlichen Pennsylvania und ist ungewollt schwanger. Da Mutterschaft für sie keine Option ist und die heimatlichen Beratungsstellen auch nicht auf einen Schwangerschaftsabbruch ohne elterliche Zustimmung ausgelegt sind, macht sie sich zusammen mit ihrer Cousine Skyler (Talia Ryder) auf den Weg nach New York, um dort die medizinische Betreuung zu bekommen, die sie sich wünscht und braucht.

Schon seit Ende der Sechziger Jahre gibt es immer wieder feministische Bewegungen, die sich unter dem Slogan „My Body, My Choice“ auch für einen freien und sicheren Zugang von Schwangerschaftsabbrüchen sowie Familienplanung stark machen, da Abtreibungsgesetze immer wieder unter Beschuss geraten. Erst 2019 verabschiedeten etliche Staaten in den USA zum Teil drastisch restriktivere Gesetzte, die Frauen vor große Herausforderungen stellen, wenn sie ungewollt schwanger werden und das Kind nicht behalten können oder wollen. Eliza Hittman nahm auch diese aktuelle Entwicklung zum Anlass um in ihrer dritten Regiearbeit eine junge Frau zu begleiten, die die schmerzliche und nervenaufreibende Erfahrung macht, was es bedeutet selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu handeln.

Der Regisseurin, die für ihren Film im Frühjahr auf der Berlinale den Großen Preis der Jury  entgegennehmen durfte, realisierte ein Coming-of-Age Drama mit Roadmoviecharakter, das bestehende Systeme ohne Polemik vorführt und problematische Situationen aufschlüsselt, denen Mädchen und Frauen tagtäglich begegnen (müssen).

„He makes me do things I dont’t wanna do, he makes me say things I don’t wanna say…“ singt die 17jährige Autumn allein auf der Bühne des Schultalentwettbewerbs. Von Mitschülern verspottet, bricht ihre Stimme, unterdrückte Tränen füllen ihre Augen. Und trotzdem singt sie tapfer weiter.

Gefangen in einer erdrückenden Einsamkeit
Hittman (Beach Rats) eröffnet ihren Film mit einem Song, der fast wie ein stummer Hilfeschrei wirkt, dabei aber lauter und für alle hörbarer kaum sein könnte. Nur interessiert sich dafür niemand. Die Eltern zu sehr in ihrer eigenen bröckelnden, unharmonischen Ehe gefangen, der Vater mehr als desinteressiert und sogar abfällig seiner Tochter gegenüber, die Mutter scheinbar resigniert. Die Jungs des Schuljahrgangs gleichwohl herablassend, der Chef beim Job im Supermarkt unangenehm körperlich aufdringlich und nur darauf aus, die jungen Frauen für eigene Neigungen auszunutzen. Schon in den ersten Minuten wird diese erdrückende, alles erfüllende Einsamkeit spürbar, die Autumn wie ein dichter Nebel zu umhüllen scheint und sie allein mit den Problemen lässt und sie gleichzeitig in ihrer größten Not geradezu unsichtbar macht, sie sogar zu einem der vielen namenlosen Gesichter werden lässt, die unbemerkt ähnliches durchmachen müssen. Nur ihre Cousine Skyler versteht Autumn und hat im richtigen Moment das Gespür für die prekäre Situation. Vor allem weiß sie aber auch sofort, dass Autumn Hilfe und Unterstützung braucht.

Eliza Hittman lässt die beiden Hauptdarstellerinnen zwar mit wenigen Dialogen fast verschlossen wirken, doch dieser erste Eindruck täuscht. Die Regisseurin greift zusammen mit ihrer Kamerafrau Hélène Louvart (Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão) nämlich auf weitaus aussagekräftigere Kameraschwenks und Nahaufnahmen zurück, die doch deutlich mehr über die beiden Teenager verraten als es Worte je könnten. Manchmal bedarf es auch nur noch zusätzlich einer kleinen Berührung als Zeichen der Anteilnahme, einem Lied beim Karaoke, das Autumn singt, oder ein Blickwechsel untereinander, um die Gedanken für den Zuschauer zu offenbaren.

Der Kampf um die eigene Entscheidung
Verflochten wird dies mit einem Score, der sich unaufdringlich ins Mark des Publikums schleicht, der die Erschöpfung, die Melancholie aber auch zart aufkeimende Hoffnung pflanzt und neben den offensichtlichen Negativerfahrungen mit dem männlichen Geschlecht auch die Mikroaggressionen offenbart, die, wenngleich auch manchmal unbewusst und fehlinterpretiert, den jungen Frauen ihrer Privatsphäre und freien Entscheidungen berauben. Das selbst gestochene Nasenpiercing beispielsweise scheint für Autumn im Moment des völligen Kontrollverlust die noch einzig verbliebene Möglichkeit sich die eigene Entscheidungsgewalt über ihren Körper wieder zurückzuholen.

Niemals Selten Manchmal Immer, dessen Titel von dem später stattfindenden Aufklärungsgespräch in der Klinik herrührt und das tatsächlich nicht nur für Autumn sondern auch für den Zuschauer ein emotionaler Exkurs in die noch so kurze und womöglich verdrängte Vergangenheit der Protagonistin wird, erzählt feinfühlig, ohne Pathos oder erhobenen Zeigefinger von einer beschwerlichen Reise unter dem Hintergrund der sexuellen Selbstbestimmung. Ein Film der auch dank seiner beiden fantastischen Hauptdarstellerinnen nachhaltig Eindruck hinterlässt und so zeitgemäß wie zeitlos daher kommt.

Credits

OT: „Never rarely sometimes always“
Land: USA, UK
Jahr: 2020
Regie: Eliza Hittman
Drehbuch: Eliza Hittman
Musik: Julia Holter
Kamera: Hélène Louvart
Besetzung: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Théodore Pellerin, Drew Seltzer, Sharon Van Etten, Ryan Eggold

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Niemals selten manchmal immer
4 (80%) 9 Artikel bewerten

Niemals selten manchmal immer
Niemals affektiert, selten nachgiebig, manchmal herzzerreißend, immer schonungslos ehrlich. Ein Film der das Herz in die Mangel nimmt, die Wut im Bauch zum lodern bringt, die Kehle zuschnürt und die Seele in die Abgründe stiller Zukunftsangst schickt. Feministisches Kino par excellence.
9von 10

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